16
des Gebäudes verhältnifsmäfsig eine gröfsere Höhe erhielt ; alle Verhältnisse der Säulen,
Kapitäle, der Gewölbe, der Thürme u. s. w. werden daher gegen das Ende des Jahrhunderts
schlanker, und die flachen Wandstreifen treten als Strebepfeiler weiter vor.
Nachdem auf diese Weise bereits alle wesentliche Theile des Gebäudes in ihren Tormen
und Verhältnissen geändert waren, so blieben die Details und Verzierungen der frühern
Bauart noch einige Zeit beibehalten. Die Gebäude dieser Periode sind ungeachtet mancher
Schönheiten .doch voll Dissonanzen. Der Kreisbogen und der Spitzbogen, in die
Höhe strebende Pfeiler und Gewölbe und horizontale dieselben durchschneidende Gesimse
sind im grellen Widerspruch angebracht. Die Krisis, welche jeden Uebergang in einen
andern Zustand bezeichnet, und welche in der ganzen‘ Natur , meistens für den Augenblick
disharmonisch und widerwärtig ist, scheint auch hier sichtbar diesen Charakter
zu tragen. Diese ungleichartige Verbindung der ältern südlichen mit der neuern in ihren
Grundformen dem Klima mehr entsprechenden Bauart dauerte nur kurze Zeit. Der
gesunde Sinn der deutschen Meister erkannte bald, dafs so ungleichartige Theile nicht
ohne die Störung aller Verhältnisse gebraucht werden konnten, auch mogte der Wunsch
etwas Eigenthümliches an die Stelle des Alten zu setzen, mitwirken. Die oben angeführten
Gebäude zeigen auf eine interessante Weise, wie man sich nach und nach entschlofs,
alle untergeordneten Theile der ältern Bauart durch andere den nun angenommenen
Hauptformen mehr entsprechende Theile zu ersetzen. Im-Jahr 1235, wo die
Kirche des deutschen Ordens zu Marburg angefangen und schnell in einen Styl bis an
das westliche Portal heendigt wurde, zeigt sich die Veränderung der Bauart vollkommen
heendigt. Der hohe Giebel und der Spitzbogen herrschen durchgängig, und alle einzelne
Theile sind mit dem Ganzen in vollkommenster Uehbereinstimmung. Diese Kirche
zeichnet sich ausserdem bei meisterhafter artistischer und technischer Vollendung durch
die gröfste Einfachheit und Eleganz aus, welche in dieser Art verbunden nicht leicht
gefunden werden. Nachdem sich auf diese Weise eine folgerecht durchdachte, in
ihren Hauptformen dem Klima und den Materialien , in ihren Theilen den Hauptformen
angemessene eigenthümliche Bauart gebildet hatte , so sehen wir dieselbe schnell in
bewundernswerthen Werken zur höchsten Vollkommenheit ausgebildet. Schon im Jahr
1248 wurde der Dombau zu Köln nach seinem jetzigen Plane und im Jahr 1 276 .der
Bau des Portals am' Münster zu Strafsburg unter Erwin von Steinbach ‘begonnen, zwei
Werke, welche obgleich nicht vollendet doch durch die Kühnheit des Gedankens, durch
die Schönheit und Zierlichkeit des Einzelnen und die Trefflichkeit der Ausführung die
Bewunderung aller Zeiten seyn werden. Fast zu gleicher Zeit wurde diese neue Bauart
in allen Ländern von Europa herrschend, und wir finden ihren Einflufs bei allen Kirchen,
welche in diesem und in dem folgenden Jahrhundert erbaut wurden. Eine Theorie