Volltext : Beschreibung der Einweihung des neuen Gebäudes der K. Polytechnischen Schule in Stuttgart

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Erst  der  Regierung  des  Höchstseligen  Königs  Wilhelm  Majestät,  welcher  das  Land  in  allen  Zweigen  der  Staatsverwaltung ­
  so  unendlich  Vieles  zu  verdanken  hat,  war  es  Vorbehalten,  auch  auf  diesem  Gebiete  diejenigen  Einrichtungen ­
  zu  treffen,  welche  die  Bedürfnisse  der  Zeit  erheischten.  Die  Ueberzeugung  musste  sich  immer  mehr  Bahn
brechen,  dass  es  bei  der  zunehmenden  Anwendung  wissenschaftlicher  und  technischer  Grundsätze  auf  die  Gewerbe
und  bei  der  oröffneten  Concurrenz  mit  anderen  Völkern  unumgänglich  nothwendig  sei,  Unterrichtsanstalten  nicht  nur
für  die  Heranbildung  der  Gewerbetreibenden  überhaupt,  sondern  insbesondere  auch  für  die  Ausbildung  der  höheren
Tcchuiker  zu  errichten.
Man  begann  zunächst  mit  der  Errichtung  von  Realschulen,  unter  welchen  die  im  Jahr  1818  gegründete
Stuttgarter  Realschule  von  Anfang  an  die  bedeutendste  war.  Immerhin  gieng  aber  die  weitere  Entwicklung  unseres
Realschulwesens  verhältnissmässig  langsam  vor  sich.  Noch  länger  dauerte  es,  bis  das  Bedürfniss  einer  höhern  technischen ­
  Lehranstalt  sich  Geltung  verschaffte,  wie  denn  auch  unser  Polytechnikum  sich  nur  ganz  allmählig  aus  seiner
Verbindung  mit  der  Realschule  heraus  entwickelte.  Wir  dürfen  uns  liiorüber  nicht  wundern.  Musste  doch  bei  uns
naturnothwendig  die  Entwicklung  der  Unterrichts-Anstalten  für  Gewerbtreibende  und  höhere  Techniker  Hand  in  Hand
gehen  mit  der  Entwicklung  unserer  Industrie  selbst.  Es  entsprach  desslialb  ganz  dem  natürlichen  Gang  unserer
socialen  und  wirthschaftlichen  Verhältnisse,  dass  in  Württemberg  früher  als  in  den  meisten  deutschen  Staaten,  nämlich ­
  schon  im  Jahr  1818,  eine  landwirtschaftliche  Akademie  errichtet  wurde,  während  die  polytechnische  Schule
erst  um  ein  Ziemliches  später  entstand.
Die  ersten  Anfänge  unseres  Polytechnikums  datiren  vom  Jahr  1829,  Man  begann  damals  zunächst  damit,
dass  man  der  Stuttgarter  ltealschulo  zwei  höhere  Klassen  hinzufügte  und  mit  dieser  Anstalt  die  damalige  Kunstschule ­
  —  welche  übrigens  lediglich  den  Unterricht  im  Freihandzeichnen  und  Modelliren  gewährte  in  Verbindung
setzte.  Die  auf  solche  Weise  organisirte  Anstalt  erhielt  den  Namen  »Vereinigte  Kunst-,  Real-  und  Gewerbeschule.« ­
  Als  Aufgabe  dieser  Anstalt  wurde  bezeichnet:  die  Begründung  eines  umfassenden  Unterrichts  in  den
wissenschaftlichen  und  künstlerischen  Grundlagen  der  verschiedenen  technischen  Berufsarten.
Bald  erkannte  man  jedoch  das  Ungenügende  dieser  Einrichtung.  Die  rasche  Entwicklung  der  Industrie  und
das  stete  Fortschreiten  der  Technik  forderten  eine  selbständige,  von  der  Realschule  getrennte  polytechnische  Schule.
Diese  Trennung  wurde  im  Jahr  1832  vollzogen,  indem  die  Realschule  wieder  in  ihren  früheren  Bestand  zurückgeführt, ­
  daneben  aber  für  den  Unterricht  in  den  bildenden  Künsten  eine  besondere  Kunstschule  und  für  die  technischen
Fächer  eine  selbständige  Unterrichtsanstalt  unter  dem  Namen  »Gewerbeschule«  errichtet  wurde.
Damit  hatte  man  also  die  polytechnische  Schule,  wenn  auch  noch  nicht  dem  Namen,  doch  der  Sache  nach.
War  auch  Alles  noch  in  den  ersten  Anfängen,  so  war  doch  eine  feste  Basis  für  die  weitere  Entwicklung  gewonnen.
Wie  sehr  die  Anstalt  einem  wirklichen  Bedürfnisse  entsprach,  geht  daraus  hervor,  dass  die  Schülerzahl,  welche  anfänglich ­
  nur  40—50  betrug,  sich  binnen  wenigen  Jahren  auf  mehrere  Hundert  erhöhte.
Im  Jahr  1840  erhielt  die  Gewerbeschule  denn  auch  den  Namen  »polytechnische  Schule.«
Noch  hatte  aber  die  Anstalt  fremdartige  Elemente  in  sich,  die  durch  die  weitere  Entwicklung  ausgeschieden
werden  mussten.  Die  Oberrealschule  war  damals  noch  mit  ihr  vereinigt  und  erst  im  Jahr  1845  wurde  der  unterste
Curs  für  Knaben  von  14  Jahren  von  der  polytechnischen  Schule  getrennt  und  mit  der  hiesigen  Realschule  als  Oberrealschule ­
  vereinigt.  Zugleich  wurde  für  die  Bauhandwerker,  welche  bis  dahin  das  Polytechnikum  als  sogenannte
Winterschüler  besuchten,  eine  besondere  Anstalt,  eine  Baugewerkeschule,  errichtet,  welche  durch  die  ausserordentliche ­
  Entwicklung  und  Frequenzzunahme,  der  sie  sich  namentlich  in  den  letzten  Jahren  zu  erfreuen  hatte,  ihre
Berechtigung,  als  selbständige  Anstalt  zu  bestehen,  entschieden  dokumentirt  hat.
Die  weitere  Entwicklung  der  polytechnischen  Schule  war  nunmehr  hauptsächlich  dahin  gerichtet,  neben  der
Verbesserung  und  Vervollständigung  des  allgemein  wissenschaftlichen,  insbesondere  mathematischen  Unterrichts,  der
in  jeder  polytechnischen  Schule  die  naturgemässe  Basis  bildet,  auch  den  eigentlichen  Fachunterricht  zu  seinem
Rechte  kommen  zu  lassen.  Diess  geschah  denn  auch  von  Jahr  zu  Jahr  mehr.  Dank  der  Tüchtigkeit  der  einzelnen
Lehrer  und  Dank  den  Bemühungen  der  damaligen  Aufsichtsbehörde,  des  Königl.  Studienraths,  waren  die  Leistungen
der  Schule,  ungeachtet  die  damalige  Organisation  einer  vollständigen  Entwicklung  der  Fachschulen  nicht  eben  förderlich
war,  doch  im  Ganzen  sehr  erfreuliche.
Es  handelte  sich  nun  aber  darum,  der  polytechnischen  Schule  auch  wirklich  eine  solche  Organisation  zu  geben,
bei  der  die  Zwecke  derselben  möglichst  vollständig  erreicht  werden  können.  Diess  ist  die  Aufgabe,  welche  sich  das
neue  Statut  vom  Jahre  1862  gestellt  hat,  das  letzte  theureVermäclitniss,  welches  der  Höchstselige  König  unserer
Schule  hinterlassen  hat.
Als  die  Hauptprincipien,  welche  diesem  Statut  zu  Grunde  liegen,  haben  wir  zu  erkennen:
            
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