Volltext : Beschreibung der Einweihung des neuen Gebäudes der K. Polytechnischen Schule in Stuttgart

19

das  Experimentiren  auf’s  Gerathewohl  nicht  mehr.  Da  mussten  Männer  herangebildet  werden,  diu  diesem  Aufschwung
einer  thatkräftigen  und  erfindungsreichen  Zeit  mit  Kopf  und  Herz  angehörten  und  im  Stande  waren,  an  der  Hand
der  exacten,  wie  der  empirischen  Wissenschaften  die  Herrschaft  über  die  Materie  zu  gewinnen.
Das  war  zunächst  die  Aufgabe,  welche  an  die  polytechnischen  Schulen  bei  ihrem  Entstehen  herantrat,  und
wie  die  unsrige  ihr  nachgekommen  ist,  davon  zeugt  der  grosse  industrielle  Fortschritt,  den  unser  engeres  Vaterland
zum  grossen  Tlieil  früheren  Schülern  der  Anstalt  verdankt;  davon  zeugt  die  grosse  Menge  aus  ihr  hervorgegangener
Techniker,  die,  wie  einst  die  württembergischen  Theologen,  überall  in  der  Welt  als  brauchbare  Leute  Stellen  gefunden
haben  und  zum  Tlieil  zu  Ehren  und  Würden  gelangt  sind.
Abor  neben  diosem  Streben,  die  Kosultate  der  Wissenschaft  für  Industrie  und  Technik  fruchtbar  zu  machen,
ist  zugleich  auch  die  Aufgabe  erwachsen,  diese  für  die  höhere  Technik  vorbildenden  Wissenschaften  selbst  tlieils
fester  zu  begründen,  ja  gänzlich  umzugestalten,  tlieils  ihren  Kreis  durch  Cultivirung  noch  brachliegender  Tlieile
wesentlich  zu  erweitern,  und  es  sind  hier  Männer  gebildet  worden,  deren  Namen  die  gelehrte  Welt  mit  Achtung  nennt,
Diesem  für  eine  Bildungsanstalt  höchsten  Gesichtspunkt,  der  die  Gewährung  einer  wissenschaftlichen  Fachbildung ­
  mit  der  Ermöglichung  selbst  einer  ausschliesslich  gelehrten  Laufbahn  verbindet,  diesem  Gesichtspunkt  gemäss
erfolgte  vor  wenigen  Jahren  jene  Aondorung  der  Organisation,  die  ein  freieres  akademisches  Leben  erweckte,  und
heute  beim  Einzug  in  diesen  herrlichen  Tempel  der  Wissenschaft  und  Kunst  lesen  wir  über  seiner  Pforte  die  ausdrückliche ­
  Bezeichnung  der  Anstalt  als  »technische  Hochschule.«  /V,  ..  x  -/  ,  «,  J
Sie  ist  die  erste  in  Deutschland,  welcher  diese  bestimmte  Bezeichnung  durch  die  Staatsbehörde  zu  Tlieil
wurde,  wie  auch  Württemberg  in  der  Gründung  einer  naturwissenschaftlichen  Facultät  die  Initiative  in  Deutschland
ergriffen  hat.
Dieses  scheinbar  zufällige  Zusammentreffen  lmt  gowiss  einen  tieferen  Zusammenhang.
Erst  seit  einiger  Zeit  hat  man  es  gewagt,  an  den  starren,  mittelalterlich-scholastischen  Bau  der  vier  Facultäten
Hand  zu  legen;  so  lmt  man  auch  die  Naturwissenschaften,  die  man  früher  nebst  manchen  anderen  heterogenen
Fächern  in  der  philosophischen  Facultät  unterbrachte,  zu  einer  selbständigen  Facultät  erhoben.  Man  hat  cs  getlian
weil  man  erkannte,  dass  die  alte  Eintheilung  dem  durch  die  Neuzeit  so  sehr  erweiterten  Begriff  einer  »universitas
literarum«  nicht  mehr  entspreche.
Ja  der  Begriff  Universität  ist  noch  höher  zu  fassen.  Sie  soll  in  der  wörtlichen  und  ursprünglichen  Bedeutung
des  Worts  eine  Vereinigungsstätte  und  höchste  Pilanzschule  aller  der  Zweige  dos  menschlichen  Wissens  sein,
die  im  eminenten  Sinne  Wissenschaften  heissen,  und  wer  wollte  den  technischen  Wissensclichaften,  die  mit  ihrer
weltumgestaltendon  Bedeutung  die  ganze  Tiefe  und  logische  Gedankenentwicklung  der  alten  Disciplinen  verbinden,
das  Recht  auf  diesen  Namen  streitig  machen?
Es  ist  also  gewiss  nur  eine  gerechte,  aber  nichtsdestoweniger  höchst  dankensworthe  Concession  an  den  Geist
der  Neuzeit,  wenn  die  polytechnische  Schule  als  Hochschule  auf  die  gleiche  Stufe  mit  der  Universität  erhoben
wurde,  da  bis  jetzt  eine  Vereinigung  beider  zu  einem  gegenseitig  befruchtenden  Wechselverkehr,  zu  einer  wahren
»universitas  literarum«  durch  die  Verschiedenartigkeit  der  Vorbildung,  sowie  durch  locale  Hindernisse  unmöglich
erscheint.
Angesichts  solch  hochherzigen  Vorgehens  unserer  Regierung  habe  ich  im  Namen  meiner  Commilitonen  die
Gefühle  des  Dankes  und  der  Verehrung  gegen  alle  die  hohen  Gönner  und  Mäcenaten  auszusprechen,  welche  diese
neue  Aera,  verkörpert  zugleich  in  dem  herrlichsten  Angebinde,  diesem  neuen  und  geräumigen,  ja  palastähnlichen
Gebäude,  eröffneten.
Wir  glauben  diese  Gefühle  dadurch  am  Besten  an  den  Tag  legen  zu  können,  dass  wir  unsrerseits  nach  Kräften
dazu  beitragen,  unsere  Anstalt  des  Namens  einer  Hochschule  stets  würdiger  zu  machen.
Das  soll  unser  Bestreben  sein;  ich  glaube  es  im  Namen  aller  meiner  Mitstudirendcn  versprechen  zu  dürfen.
Eine  freudige  Ueberrasehung  ward  hierauf  der  ganzen  Festversammlung  dadurch  bereitet,  dass
Herr  Oberbürgermeister  Sick  die  lioduerbülme  bestieg,  und,  nach  rühmender  Hervorhebung  der  Verdienste, ­
  welche  Se.  Excellenz  der  Herr  Cultminister  sich  während  seiner  Verwaltung  um  das  Unterriehtswesen
  erworben,  ein  Diplom  verlas,  dem  zufolge  der  Gemeinderath  der  Stadt  Stuttgart  in  Uebereinstimmung
  mit  dem  Bürgerausschusse  beschlossen  hat:
Sr.  Exccllonz  dem  Herrn  Cultminister,  Dr.  Carl  Ludwig  von  Golthcr,  Commenthur  erster  Klasse
des  K.  Friedrichsordens  und  Commenthur  des  Ordens  der  Württembergischen  Krone,  in  Anerken-
            
Waiting...

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzerin, sehr geehrter Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.