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Einzelwesen oder wenigstens der weitaus größeren Mehrzahl gefährlich ist;
. 8. für die Hasen sind die Füchse gemeingefährliche Subjekte, weil sie
jeden Hasen, den sie erwischen können, ohne Unterschied fressen; für den
MNenschen sind die Giftschlangen gemeingefährlich, weil ihr Biß unbedingt
jseden schädigt. Nun frage ich: Kann man irgend eine Seuche in diesem
Sinn gemeingefährlich nennen? Bleiben wir bei der Cholera, wobei wir
zweierlei zu unterscheiden haben:
1. Die Einbruchsstation, also im vorigen Jahr Hamburg. Diese
Stadt besitzt rund 600000 Einwohner. Hievon, erkrantten rund 13900.
Das sind uͤur 390. Wo bleibt da die Gemeingefährlichkeit, wenn 970/0,
gleichgültig ob wegen Nichtempfänglichkeit, oder mangels Gelegenheit zur
Ansteckung, selbst bdei solcher Zusammendrängung der Menschen, wie in
einer Groͤßstadt, ungefährdet sind? Hier das Wort gemeingefährlich an—
zuwenden, ist schon ohne weiteres eine ungeheure Uebertreibung.
Noch toller wird die Sache, wenn wir nach den Todesfällen fragen
und hiebei etwas tiefer blicken, als es die offizielle Statistik zu thun beliebt.
Es ijt richtig, daß bei allen unseren europäischen Choleraepidemien etwa
die Hälfte der Befallenen (500/0) stirbt; das macht für die Gesamtbevölke—
rung 1,5/0 Verlust. Wenn wir aber fragen: Warum stirbt die Hälfte?
so lautet die unerbittliche Antwort: Wegen der Hartnäckigkeit, mit welcher
die in Europa allmächtige Schulmedizin trotz allen Mißerfolgen und trotz
dem fortwährend erbrachten Beweise gegen sie an ihrer gänzlich ver—
kehrten mörderischen Behandlungsart festhält. Schon bei der ersten Cholera⸗
epidemie in Deuischland 1832 betrug die Sterblichkeit bei homöopathischer
Behandlung bei 10 homöopathischen Aerzten im Durchschnitt. 8,80/0 der
Erkrankten (siehe Nr. 12 des Monatsblatis 1892 S. 264). Bei der vor—
ãhrigen Choleraepidemie in Hamburg behandelte der Laienhomöopath Pasch
im Auftrag des Senats 312 Kranke, von denen nur 12, also 490 starben.
Gleich günstige Erfolge erzielt die nalurärztliche Behandlung: im Jahr 1866
behandelte Dr. Schindler, der Nachfolger von Prießnitz, 300 Cholera⸗
kranke und verlor gar keinen. Wo steckt da das Gemeingefährliche? Wenn
bei der Cholera etwas die Bezeichnung gemeingefährlich verdient, so ist das
lediglich nichts anderes, als die verkehrte schulärztliche Behandlung, welche
die Hälfte der Kranken umbringt. Würden die richtigen Behandlungsarten
eingeführt, die man nicht erst zu erfinden braucht, so würde der Verlust
durch Todesfall mindestens auf 100/0 der Erkrankten, also auf, O,30/0 der
Bevoͤlkerung herabsinken, und zwar unter so ungünstigen Verhältnissen wie
in Hamburg. Damit ist es aber noch nicht genug; Es ist allseitig zu—
gegeben, daß in Hamburg eine Panitk ausgebrochen ist und daß Angst die
hersönliche Empfänglichteit gerade bei der Cholera in ganz bedeutender
Weise steigert. Diese Panik war sehr leicht zu vermeiden, sobald die Cholera
von sachverständiger Seite, so wie es in England thatsächlich geschieht, als
nicht ansteckend behandelt und der Bevölkerung Mut zugesprochen worden
ware. Dieser eine Umstand, bei dem es sich nur um einige, Worte ge—
handelt hätte, hätte allein schon genügt, die Zahl der Erkrankungen und
Todesfälle nicht bloß um einige Prozente, sondern vielleicht auf die Hälfte
oder auf ein Drittel herabzusetzen. Was bliebe dann noch von der Gemein—
gefährlichkeit übrig?
2 Den Umfang wie in Hamburg erreicht die Cholera erfahrungs—
gemäß fast nur an der ersten Einbruchsstation. An den Orten, an welche