Full text: Die Härte der Weltenliebe

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Bitte geben Sie mir ein Glas Wasser. 
Wie Ihre Wangen brennen. 
Sehen Sie den kleinen roten Strich auf meiner Backe. 
Wegen der Schramme brauchen Sie doch nicht drei Stunden 
auf den Doktor zu warten. 
Sehen Sie, sehen Sie, der Ring paßt nicht, der Strich ist kleiner. 
Sie fiebern, Fräulein. 
Sehen Sie doch bitte, jetzt halte ich den Ring genau auf diesen 
Strich. Er deckt ihn doch. 
Ich will Ihnen ein Glas Wasser holen. Uebrigens ist der Herr 
Doktor Kinderarzt. Er wird Ihnen nicht helfen können. 
Jetzt ist das Licht ausgelöscht. 
Ich habe den Schlüssel. Gehen Sie jetzt wirklich, Fräulein, ich 
darf Sie nicht länger warten lassen. Herr Doktor wird 
mit mir schelten. 
Bitte geben Sie mir ein Glas Wasser. 
Ich hole es, aber dann müssen Sie gehen. 
Ein leiser Ruck nur und die Flurtür ist geschlossen. 
Hier ist das Wasser. Fräulein! Fräulein! 
In den zehn Rillen des Geländerpfostens ruhen zehn braune 
Finger. Die linke Schulter trägt den Kopf. Zwei braune 
Augen bohren in das Blei des Flurfensters. Von der vierten 
Rille spiegelt es hinab zu zwei Messingstangen unter 
braunen Beinen. Der Rock zerflattert zwischen ihnen. 
Von der Kirche schlägt es dreimal hart. 
Die Lippen zittern: Warum hast Du mich verlassen. 
Und viele Tränen zwingen die Wimpern zusammen. 
Von der Kirche schlägt es fünfmal hart. 
Die Haustür knarrt, das bleiche Licht flammt auf und müde 
Füße stoßen jede Stufe. 
Die Füße stehen, die Stufen schwanken. 
Verbissene Zähne hemmen den Schrei. 
Die Lippen atmen: Du, Du Namenlose, Du namenlos Geliebte. 
Er faßt die Stirn, die Hände. Das bleiche Licht flammt aus. 
Wach auf, wach auf, D*u lebst, denn ich bin bei Dir. 
Die Mutter wartet auf mich. Es ist elf Uhr. 
Steh auf, Du Namenlose, Du namenlos Geliebte. Du bist ge 
borgen. 
Lassen Sie mich doch warten. Er kommt bestimmt. Bringen 
Sie mir ein Glas Wasser. Wie sie sich spiegeln, seine 
Augen. Hat er nicht Augen wie Jesus von Nazareth, 
Schwester.
	        

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