Title:
Die Logik der Dichtung
Creator:
Hamburger, Käte
Shelfmark:
2L 2061(2)
PURL:
https://digibus.ub.uni-stuttgart.de/viewer/object/1464595917209/10/
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spräche, die den Gedanken verkleidet, die Sprachlogik nicht unmittelbar zu 
entnehmen sei 4 . 
Hier überall wird also Sprachlogik als Kritik der Sprache in Hinsicht auf ihre 
— grammatische oder linguistische — Ausdrucksfunktion aufgefaßt, d. h. 
auf ihre Fähigkeit, sowohl »Gedanken« wie auch die Gesetze des Denkens 
auszudrücken. Und wenn wir in diesem Sinne von einer Sprachlogik der Dich 
tung sprächen, so würde freilich das Problem der Dichtung von vornherein 
verfehlt sein. Logik der Dichtung sieht es zwar auf ein Verhältnis der Dich 
tung zur Sprache ab, aber auf ein anderes als das in den genannten Theorien 
gemeinte. Sie berücksichtigt nicht die Sprache in ihrer beschreibenden und aus 
drückenden Funktion und damit die mehr oder weniger banale Tatsache, 
daß Dichtung sprachliche Kunst im Sinne von Wortkunst ist. Sie wird viel 
mehr aus dem Umstand entwickelt, daß die Sprache als das Gestaltungs 
material der Dichtung zugleich auch das Medium ist, in dem sich das spezifisch 
menschliche Leben überhaupt vollzieht. Dies ist keine neue Erkenntnis. Wil 
helm Schlegel etwa hat sie formuliert, wenn er sagt, daß »das Medium der 
Poesie eben dasselbe ist, wodurch der menschliche Geist überhaupt zur 
Besinnung gelangt und seine Vorstellungen zu willkürlicher Verknüpfung in 
die Gewalt bekommt: die Sprache« 5 6 . In diesem Satze ist aber auch schon an 
gedeutet, daß dies Medium sich nicht darin erschöpft, aus sinngeprägten Zei 
chen, den Worten, zu bestehen, sondern daß es die Dichtung in weit ein 
schneidenderer Weise in ihrem besonderen Kunstsein bestimmt. Logik oder 
Sprachlogik der Dichtung bedeutet deshalb nicht Sprachkritik im Sinne Witt 
gensteins, sondern kann genauer als Sprachtheorie bezeichnet werden, die unter 
sucht, ob und wieweit die Sprache, die die Formen der Dichtung hervorbringt 
(wie wir zunächst noch allgemein sagen wollen), sich funktionell von der 
Sprache unseres denkenden und mitteilenden Lebens unterscheidet. Die Logik 
der Dichtung als Sprachtheorie der Dichtung hat ^um Gegenstand das Verhältnis der 
Dichtung c(um allgemeinen Sprachsystem. Logik der Dichtung ist also im sprach- 
theoretischen Sinne zu verstehen, wobei die hier gemeinte Sprachtheorie im 
folgenden als Aussagetheorie entwickelt wird und als solche im Laufe ihrer 
Erhellung den Terminus Logik ersetzen kann. 
4 L. Wittgenstein, Tractatus Logico-Philosophicus, 9. Aufi., London 1962, S. 62: »Es ist 
menschenunmöglich, die Sprachlogik aus ihr (der Umgangssprache) unmittelbar zu entneh 
men. Die Sprache verkleidet den Gedanken.« (4.002). »Alle Philosophie ist >Sprachkritik<.« 
(4.0031) 
6 A. W. Schlegel, Über Schöne Literatur und Kunst (Dt. Litteraturdenkmale des 18. u. 19. 
Jahrhunderts, Bd. 17, 1884), S. 261
        

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