Full text: Die Logik der Dichtung

Nun ist aber das Raumadverb >hier< ebenso wie das Zeitadverb >jetzt< am 
wenigsten geeignet, darüber aufzuklären, was sprachlich mit den Raumdeiktika 
vorgeht, wenn sie in der Fiktion stehen. Der ursprünglich deiktische Sinn des 
Hier ist im Sprachgebrauch recht abgenützt worden. Nicht nur kann überall, 
auch im historischen Bericht, der Wirklichkeitsaussage, ein Hier für ein Dort 
eingesetzt werden, ohne daß dabei eine gedankliche Standpunktsverschiebung 
bemerklich wird, es fungiert auch in allen möglichen, keineswegs nur räum 
liche Verhältnisse bezeichnenden Zusammenhängen, z. B.: hier müssen wir 
einen Augenblick anhalten, und dergleichen mehr. Wie es sich mit dem Raum 
deiktika in der Wirklichkeitsaussage einerseits, in der Fiktion anderseits ver 
hält, können wir weit überzeugender an den das Hier erweiternden Rauman 
gaben links, rechts, vor, hinter, nach Westen, nach Osten usw. erkennen. Zu 
nächst können wir freilich fragen, der Versetzungstheorie Bühlers recht gebend, 
ob wir uns nicht auch in einem Roman in ein anschaulich geschildertes Zimmer 
>versetzt< fühlen, so daß wir uns mit den Personen nach links und rechts, vor 
und hinter ihnen orientieren können. Bühler zeigt, wie eine solche Orientierung 
in der anschaulichen Vorstellung vor sich geht, nämlich durch Beteiligung »des 
präsenten Körpertastbildes. Köln-Deutz: linksrheinisch — rechtsrheinisch — 
wenn ich mir dieses Sachverhaltes auf eine Besinnung hin deutlich bewußt 
werde, verspüre ich die Bereitschaft meiner Arme, hic et nunc als Wegweiser 
zu fungieren. Die Tatsachen der Versetzung in der Vorstellung müssen ... 
von derartigen Beobachtungen aus ihre wissenschaftliche Aufklärung erfah 
ren.« 89 Bühler hat recht, sofern es sich um die Vorstellung von irgendwo exi 
stierenden Räumlichkeiten handelt. Denn wie schwierig die Orientierung in 
der Vorstellung auch zu vollziehen ist, etwa beim Anhören oder Lesen einer 
durch die deiktischen Adverbien angegebenen Raumdarstellung — sie ist 
prinzipiell immer möglich, und jedenfalls ist der Mitteiler in der dem Empfän 
ger gegenüber günstigeren Lage, die Vorstellung durch eine vorausgegangene 
Wahrnehmung lenken zu können. Mit anderen Worten: bei der Real Vorstellung 
>hier, da, rechts, links< usw. ist immer der Bezug auf die reale Ich-Origo er 
halten: die Rede bewegt sich dabei im Zeigfeld der Sprache, eine Deixis am 
Phantasma ist möglich. »Es ist so«, fährt Bühler fort, »wenn sich Mohammed 
zum Berge >versetzt< vorkommt, daß sein präsentes Körpertastbild mit einer 
phantasierten optischen Szene verknüpft wird. Deshalb vermag er als Sprecher 
die Positionszeigwörter hier, da, dort und die Richtungsangaben vorn, hinten, 
rechts, links genau so am Phantasma wie an der primären Wahrnehmungs- 
89 Ebd., S. 136f. 
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