Full text: Die Logik der Dichtung

90 Ebd., S. 137 
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Situation zu verwenden. Und dasselbe gilt für den Hörer.« 90 Daß der Begriff 
des Phantasma, der »phantasierten optischen Szene« (ein Ausdruck übrigens, 
der in unserem Sprachgebrauch eher an eine Fiktionswelt als an eine reale 
Örtlichkeit denken läßt, aber von Buhler hier im Sinne von Vorstellung über 
haupt gemeint ist) in seinem ungeschiedenen Sinne keineswegs die Vorstel 
lungsphänomene deckt und die Orientierung durch die Positionszeigwörter 
im Bereiche der Vorstellung von Fiktivem versagt, wollen wir an einem kleinen 
Experiment zeigen, das wir mit einer Stelle aus Thomas Manns »Buddenbrooks« 
vornehmen, der Beschreibung des sogenannten Landschaftszimmers im 
Mengstraßenhause: 
Durch eine Glastür, den Fenstern gegenüber, blickte man in das Halbdunkel einer Säulen 
halle hinaus, während sich linker Hand vom Eintretenden die hohe weiße Flügeltür zum 
Speisesaalc befand. An der anderen Wand aber knisterte .. . der Ofen. 
Diese Beschreibung ist, obwohl sie in einem Roman steht, der sich durch 
das Auftreten der Romangestalten bereits als solcher ausgewiesen hat, eine 
Realbeschreibung, und sie könnte auch als solche aufgefaßt werden, wenn man 
nicht zufällig wüßte, daß Thomas Mann hier sein Familienhaus beschrieben 
hat. Es ist ein rein sprachliches, ja strukturelles Indizium, das diese Beschrei 
bung unabhängig von den Romanpersonen, geradezu zu einer >Baedeker- 
angabet macht. Mit den Worten »linker Hand von dem Eintretenden« wendet 
sich der Erzähler an eine gedachte, aber nicht fiktive Person, sei es an sich selbst 
oder den Leser, ja darüber hinaus an jeden, der in das Zimmer eintretend ge 
dacht werden kann, derart daß die reale Ich-Origo des jeweiligen Lesers auf 
gerufen wird und dieser sich an Hand seines >Körpertastbildes< eine Vorstellung 
von den Verhältnissen dieses Zimmers machen kann. Wenn wir nun aber unser 
Experiment anstellen und die Worte »vom Eintretenden« durch »von der Kon 
sulin Buddenbrook« ersetzen, so können wir mit eins diese Orientierung durch 
aus nicht mehr vornehmen. Die Angabe »linker Hand von der Konsulin Bud 
denbrook«, die auf dem gradlinigen Sofa neben ihrer Schwiegermutter sitzend 
beschrieben ist, ist durch das Körpertastbild des Lesers nicht verifizierbar. 
Denn jetzt ist »linker Hand« auf die fiktive Gestalt der Konsulin bezogen, von 
deren Stellung im Zimmer wir uns darum keine genaue räumliche Vorstellung 
machen können, weil sie — in diesem Falle — rein fiktiv bliebe. Thomas Mann 
hat, eben weil es ihm darum zu tun war, eine möglichst genaue Darstellung 
dieses für ihn realen Zimmers zu geben, unbewußt den Gesetzen der Erkennt 
nistheorie folgend, die Verhältnisangabe, die als solche real ist, auf eine reale
	        

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