Full text: Die Logik der Dichtung

Die mannigfachen älteren und neueren Theorien der Dichtung scheinen 
mir darum nicht zu voll befriedigenden Resultaten gekommen zu sein, weil 
diese Tatsache, das Verhältnis der Dichtung zum allgemeinen Sprachsystem, 
nicht scharf genug als solches erfaßt worden ist oder jedenfalls nicht die 
letzten Konsequenzen aus ihm gezogen worden sind. Erst wenn dies ge 
schieht, tritt das eigentümliche, für die Dichtung spezifische Phänomen zu 
tage, daß sie ein schwer zu umgrenzendes Kunstgebiet ist, ja sogar »diejenige 
besondere Kunst, an welcher die Kunst sich aufzulösen beginnt«, wie Hegel 
erkannt hat; und wir werden sogleich sehen, worin diese Einsicht Hegels be 
gründet ist und welche von ihm selbst freilich nicht gezogenen Folgerungen 
sich daraus ergeben. Denn wenn man mit dieser Erkenntnis Ernst macht, 
enthüllt sich ihr methodischer Wert. Sie leuchtet hinein in das verborgene 
logische Gewebe der Dichtung, durch das diese mit dem Gewebe der allge 
meinen Denk- und Sprachvorgänge sowohl zusammenhängt wie aber auch 
sich von ihm abscheidet. Bei Aufdeckung dieser Struktur aber kommen eigen 
tümliche, oft überraschende Phänomene ans Licht. So zeigt sich vor allem, 
daß das zentrale Problem der Poetik, das der Gattungen, sich unter einem 
anderen Aspekt, einem anderen Ordnungsprinzip darstellt als den bisher ver 
trauten, wie variierend diese auch gewesen sind und noch sind. Seitdem 
Goethe, sich von dem Zwange der klassischen Poetik freimachend, Lyrik, 
Epik und Dramatik als die drei einzigen »Naturformen« bezeichnet hat (in 
den Noten und Abhandlungen zum Westöstlichen Diwan) und diese keines 
wegs an die traditionellen Gattungen gebunden sah, sondern »oft in dem 
kleinsten Gedicht« zusammenwirkend, hat man vor allem in der neueren Poetik 
sich diese Auffassung zu eigen gemacht. So gewann Emil Staiger neue Deu 
tungsmöglichkeiten des Dichterischen, als er aus den traditionellen Form- 
begriffen das Lyrische, das Epische und das Dramatische als Verfestigungen 
seelischer Grundhaltungen, als Erinnerung, Vorstellung, Spannung heraus 
destillierte. Und vor ihm hatte schon Robert Hartl die Gattungen zu Erlebnis 
formen, »Vermögen des Gemüts«, Gefühl, Erkenntnis- und Begehrungsver- 
mögen reduziert. 
Es ist ersichtlich, daß alle diese Bestimmungen, so feine Nuancen des Dich 
terischen als solche sie zu erfassen vermögen, doch selbst zuletzt nur Deutun 
gen der vorliegenden Gattungsphänomene sind, Deutungen, die eben dadurch 
möglich wurden, daß die festen Gattungen in Erlebnis- oder Ausdrucksformen 
aufgelöst wurden. Dennoch aber sind die Gattungen feste Formen, die als 
solche zuletzt jeder Deutung, jeder Sinninterpretation widerstehen. Wir er 
fahren es unmittelbar, wenn wir ein Gedicht, einen Roman oder ein Drama 
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