Title:
Die Logik der Dichtung
Creator:
Hamburger, Käte
Shelfmark:
2L 2061(2)
PURL:
https://digibus.ub.uni-stuttgart.de/viewer/object/1464595917209/110/
Ich-Origo bezogen und für einen Augenblick damit sozusagen den Raum der 
Fiktion verlassen. 
Dieses Experiment zeigt, daß mit den Raumdeiktika sich etwas Entsprechen 
des vollzieht, wie mit denen der Zeit, wenn sie im fiktionalen Erzählen auf- 
treten. Auch für sie gilt, daß sie sich nicht auf eine reale Ich-Origo, des Ver 
fassers und damit des Lesers, beziehen, sondern auf die fiktiven Ich-Origines 
der Romangestalten. Sie stellen bei dieser Bezugsveränderung zwar keine 
grammatischen Veränderungen an, wie die Zeitdeiktika, aber dafür zeigen sie 
noch greifbarer als diese, was die Ursache dieser Bezugsveränderung ist, die 
für beide in gleicher Weise gilt. Diese Ursache besteht darin, daß die Zeigwörter 
in der Fiktion aus dem Zeigfeld in das Begriffs- oder Sjmbolfeld der Sprache übergehen — 
unbeschadet der Tatsache, daß sie dort den grammatischen Schein des Zeig 
wortes beibehalten, so gut wie das epische Präteritum den grammatischen 
Schein des Vergangenheitstempus beibehält. Die deiktischen Adverbien, die 
zeitlichen wie die räumlichen, verlieren in der Fiktion ihre deiktische, existen 
tielle Funktion, die sie in der Wirklichkeitsaussage haben, und werden zu 
Symbolen, bei denen die räumliche bzw. zeitliche Anschauung zu Begriffen 
verblaßt ist. Beschreibt in den »Wahlverwandtschaften« der Gärtner die Lage 
der Mooshütte, 
Man hat einen vortrefflichen Anblick: unten das Dorf, ein wenig rechter Hand die Kir 
che . . . gegenüber das Schloß und die Gärten . .. dann öffnet sich rechts das Tal. . . 
wandern etwa bei Stifter die Personen häufig »gen Mitternacht« oder »gen 
Morgen«, so nehmen wir diese Richtungsangaben als Bezeichnungen von Be 
ziehungen hin, von denen wir wissen, daß sie dem Raume zugehören, die wir 
aber als solche nur von einem eigenen realen Hier, nicht aber von dem fiktiven 
Hier fiktiver Gestalten vorstellbar machen können. Damit fällt nun von den 
räumlichen Adverbien ein schärferes Licht auch auf die zeitlichen. Auch die 
Angaben: heute, morgen usw. haben in der Fiktion gerade um ihres deiktischen 
Ursprungscharakters willen nur die Funktion verblaßter Begriffssymbole, von 
denen wir wissen, daß sie zeitliche Verhältnisse bezeichnen, die wir aber als 
existentielle Zeit nicht erleben oder erfahren können. Sie können in der Fiktion 
fehlen, ohne daß die Illusion des Jetzt dadurch gestört würde, ebenso wie die 
Raumdeiktika dort fehlen können, ohne daß die Illusion des Hier der Hand 
lung und damit der Gestalten gestört würde. Das Jetzt- und Hier-Erlebnis, das 
uns die Fiktion (die epische und, wie wir sehen werden, ebenso auch die dra 
matische und filmische) vermittelt, ist das Erlebnis der Mimesis handelnder 
Menschen, d. h. der fiktiven, aus sich selbst lebenden Gestalten, die eben als 
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