Full text: Die Logik der Dichtung

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fiktive nicht in der Zeit und im Raume sind — auch wenn eine geographisch 
oder zeitlich bekannte Wirklichkeit montagemäßig der Romanschauplatz ist. 
Denn das Wirklichkeitserlebnis ist nicht durch die Sache selbst, sondern durch 
das erlebende Subjekt bestimmt. Ist aber dieses fiktiv, so wird jede als solche 
gewußte geographische und geschichtliche Wirklichkeit in das Fiktionsfeld 
hineingezogen, in >Schein< verwandelt. Und weder Autor noch Leser braucht 
sich dann darum zu kümmern, ob und inwieweit die ihm bekannte Wirklich 
keit mit Zügen ausgestattet ist, die über diese phantasiemäßig hinausgehen. 
Dies ist die letzte, jedem Romanleser vertraute Konsequenz aus den Funktio 
nen, die die Logik der Sprache vollzieht, wenn sie ein Fiktions- und kein 
Wirklichkeitserlebnis erzeugen will. 
Das fiktionale Erzählen — eine (fluktuierende) Er^ählfunktion 
Das Verschwinden des Aussagesubjekts und das Problem des >Er%äblers< 
Wir haben bisher die Phänomene oder besser die Symptome aufgezeigt und 
zu begründen versucht, die schon als solche erkennen lassen, daß das fiktionale 
Erzählen von kategorial anderer Art und Struktur ist als die Aussage (die auf 
Grund des realen Aussagesubjekts immer gleichbedeutend mit Wirklichkeits 
aussage, in dem definierten Sinne, ist): die Anwendung der Verben innerer 
Vorgänge auf dritte Personen, die davon ableitbare erlebte Rede, das Ver 
schwinden der Vergangenheitsbedeutung des erzählenden Präteritums mit der 
dadurch bewirkten Möglichkeit (nicht Notwendigkeit) seiner Verbindung mit 
deiktischen Zeit- — insonderheit Zukunftsadverbien — Symptome, die als 
solche nicht isoliert sind, sondern sich gegenseitig bedingen. Schon diese 
Symptome sind auch Elemente, die das fiktionale Erzählen als ein besonderes 
sprachlich-grammatisches Phänomen erkennbar machen. Aber es sind nicht 
die einzigen; weitere Charakteristika seiner Beschaffenheit werden sich erge 
ben, wenn deren letzte und entscheidende Ursache festgestellt ist. 
Es war bereits erkannt worden, daß die bisher aufgezeigten Symptome mit 
der Übertragung des realen Zeit-Raum-Systems auf die fiktiven Personen, die 
fiktiven Ich-Origines Zusammenhängen und dieser Vorgang das Verschwin 
den einer realen Ich-Origo und das heißt zugleich eines Aussagesubjekts be 
dingt. Zurückverweisend auf unsere Analyse der Aussagestruktur sei dies für 
die folgenden Zusammenhänge an einem Satze demonstriert, der isoliert nicht 
darüber Aufschluß gibt, aus welcher Art von Kontext er stammt. Er lautet:
	        

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