Title:
Die Logik der Dichtung
Creator:
Hamburger, Käte
Shelfmark:
2L 2061(2)
PURL:
https://digibus.ub.uni-stuttgart.de/viewer/object/1464595917209/13/
menen anerkannte und anwandte, die Bedeutung, die schon darin enthalten 
ist, daß sie die Lehre sind. Denn sie sind die Lehre, weil sie als Phänomene 
zugleich Symptome sind, weil ihr besonderes So-sein oder So-erscheinen auf 
eine oder mehrere in ihnen selbst gelegene Ursachen zurück- oder auch 
hinunterweist, die ihr Sosein und -erscheinen bedingen. Daß diese Ursachen 
so verborgen und darum so unauffällig sein können, daß man bei der Beschrei 
bung der Phänomene sie gar nicht als Ursachen erkennt — auch dies hat Goethe 
prägnant festgestellt: »Man sagt gar gehörig: das Phänomen ist eine Folge 
ohne Grund, eine Wirkung ohne Ursache. Es fällt dem Menschen so schwer, 
Grund und Ursache zu finden, weil sie so einfach sind, daß sie sich dem 
Blick verbergen« (Nr. 1103). Die Naturwissenschaft besteht methodisch in 
nichts anderem als in diesem Verfahren der Erkenntnis. Sie sucht nach den 
Ursachen der Symptome, die die Erscheinungen zeigen, und sie beruhigt sich 
nicht, bis sie diese Ursachen in einem Gesetz, einer Gesetzmäßigkeit, einer 
Struktur gefunden hat. Wir lassen uns hier nicht auf die weitläufige und viel 
diskutierte Frage ein, ob und in welcher Weise auch die Geisteswissenschaften 
Gesetzeswissenschaften sein können. Wir behalten nur das Phänomen der 
Dichtung im Auge und wollen zu zeigen versuchen, daß es in hohem Grade, 
im selben Grade wie die Sprache selbst, zu den an Symptomen reichen Phäno 
menen gehört, deren Sosein oder Seinsweise nicht von ungefähr ist und nur 
als solche beschrieben zu werden brauchte, sondern sich erklärt und erhellt 
aus der verborgenen logischen Struktur, die ihr als Kunst der Sprache oder 
aus Sprache zugrunde liegt. 
Dieser logischen Struktur oder Gesetzmäßigkeit sind sich die schaffenden 
Dichter selbst nicht bewußt, so wenig wie wir denkend und sprechend uns 
der logischen Gesetze bewußt sind, denen wir folgen müssen, um uns ver 
ständlich zu machen. Dem Interpreten der Dichtung aber geben diese Gesetze, 
einmal aufgedeckt, Schlüssel zu manchen verborgenen Türen an die Hand, 
hinter denen die Geheimnisse des dichterischen Schaffensprozesses und damit 
der Dichtungsformen selbst verborgen sind. Wenn wir im folgenden nun die 
Dichtung als Kunst der Sprache zu analysieren versuchen, so wird, wie nun 
nochmals hervorgehoben sei, Sprache mit Bezug auf die Dichtung nicht im 
engeren ästhetischen Sinne der >dichterischen< Sprache, des >Wortkunstwerks< 
verstanden, sondern als dichtende Sprache, d. h. untersucht mit Hinsicht auf die 
sprachlogischen Funktionen, die sie lenken, wenn sie die Formen der Dichtung 
hervorbringt. 
Hierin aber ist — wie zur Vermeidung jeglichen Mißverständnisses beson 
ders betont sei — enthalten, daß auch der Begriff Dichtung im ästhetisch wei 
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