Title:
Die Logik der Dichtung
Creator:
Hamburger, Käte
Shelfmark:
2L 2061(2)
PURL:
https://digibus.ub.uni-stuttgart.de/viewer/object/1464595917209/130/
m 
130 
Jean Pauls »Titan« ist ebensowenig wie Henry Fieldings »History of Tom 
Jones« ein humoristischer Roman im engeren Sinne. Beide Werke, ihrem 
Stil und Inhalt nach nicht vergleichbar, haben dies gemeinsam, daß sie Ein 
lagen haben, die sich mit dem Erzählen des Romans selbst beschäftigen. Bei 
Fielding ist dies einerseits systematischer, anderseits einfacher als bei Jean 
Paul durchgeführt, und darum gehen wir von ihm aus. Fielding war sich 
bewußt, ein >Neutöner< auf dem Gebiete des Romanschreibens zu sein, »the 
founder of a new province of writing«, und deutlich bestand dies Bewußtsein 
in der Erkenntnis der Sonderart des fiktionalen Erzählens, der Erkenntnis, 
daß dieses anderen Gesetzen gehorche als das übrige Erzählen, »so I am at 
liberty to make what laws I please therein« (II, 1). Ihn beschäftigt das Pro 
blem, und er sucht es zu lösen, daß einerseits der Roman ein Bild der Wirklich 
keit geben soll, »a history«, nicht »a romance« oder »novel« (darum gibt er 
dem Roman den Titel »History of Tom Jones«), anderseits aber doch nur 
eine fiktive Wirklichkeit darstellen kann, für die der Romanverfasser die 
Gesetze selbst machen muß — und zwar eben darum weil die erzählte Wirk 
lichkeit um des Erzähltseins willen nicht die wirkliche Wirklichkeit ist, ja sie 
im Grunde eigentlich gar nicht >darstellen<, kann. Auf dieses Problem aber 
stieß Fielding an einem Phänomen, das sonst erst heutzutage die Roman 
theoretiker beschäftigt hat, nämlich das der Darstellung der Zeit. Das Ver 
hältnis zwischen der fiktiven und der wirklichen oder historischen Zeit ist 
eins seiner Grundprobleme. Und er sucht es schon dadurch zum Ausdruck zu 
bringen, daß er die Romanzeit als Titelüberschrift der einzelnen Kapitel setzt: 
»Containing the time of a year, containing about three weeks, two days, 
twelve hours« usw. Er sah hier ein Problem, eben weil er beim Erzählen 
seiner Geschichte bemerkte, daß sich die Zeit garnicht erzählen ließ, daß das 
Bewußtsein von ihr gerade in der Fiktion abhanden kommt, weil diese nicht 
wie das historische Erzählen Ereignisse bloß angibt und datiert, sondern den 
Schein eines Lebens erweckt, das sich wie das wirkliche Leben ohne Re 
flexion auf die Zeit, in der es abläuft, vollzieht. Er bemerkte dies, ohne zu 
völliger Klarheit über die im fiktionalen Erzählen gelegenen logisch struk 
turellen Ursachen dieser Erscheinung zu kommen, wenn er sagt: »when any 
extraordinary scene presents itself, we shall spare no pains nor paper to open it 
at large to our readers, but if whole years pass without proceeding anything 
worthy his notice ... we shall leave such periods of time totally unobserved« 
(11,1). Er bemerkte nicht, daß er mit diesem Satze die Romanzeit, die er durch 
die Kapitelüberschriften bezeichnen wollte, wieder aufhob, daß weder der 
Erzähler noch der Leser auf die Zeit achtet, in der sich das erzählte Geschehen
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.