Full text: Die Logik der Dichtung

137 
die Gestalt in objektiverem Darstellungsstil geschildert ist. Aber wir dürfen 
diese Bezeichnung eines Stilunterschiedes nicht verwechseln mit dem eigent 
lichen Sinn der Begriffe objektiv und subjektiv. Die Subjektivität bzw. Objek 
tivität bezieht sich nicht auf den Verfasser, der zwar im Wirklichkeitsbericht 
mit dem Erzähler identisch ist, aber nicht im fiktionalen Erzählen (so wenig 
wie der Maler mit seinem Pinsel). Diese Begriffe beziehen sich in der Fiktion, 
wie oben gezeigt, bloß auf den Aspekt, in dem die fiktiven Personen zur Er 
scheinung gebracht werden, und der Unterschied, der zu bemerken ist, ist ein 
solcher des Erzählstils. Daher können wir ebensowenig hinsichtlich des Goethe- 
schen wie des Musilschen Textes die Aufforderung an den Erzähler richten, 
>zur Sache zu kommen!. Beide Formen der reflektierenden Betrachtungen sind 
interpretierende, deutende Gestaltungen und keine Aussagen, nur dem Grade 
aber nicht der kategorialen Art nach unterschieden 102 . Und die Frage, was denn 
die >Sache< in einem Roman sei, kann nicht beantwortet werden, weil sie gar 
nicht gestellt werden kann. Denn eben das Musilsche Beispiel, das in dieser 
Hinsicht auch das Goethesche erhellt, zeigt deutlich, daß keineswegs irgendein 
>objektiver Tatbestand< wie im Wirklichkeitsbericht, eine Handlung, ein Er 
eignis, eine Situation usw. die Sache, der >Inhalt< des Romans sind, die von ihrer 
Darstellung in irgendeiner Weise loszulösen wären. Weshalb wir im Grunde den 
>Inhalt< eines Romans nicht wiedergeben können. Wenn wir es tun oder zu tun 
vermeinen, so suchen wir doch nur einige Anhaltspunkte anzugeben, an denen 
wir ihn uns in die Erinnerung rufen können, und es gibt Fälle, wo der längste 
Roman >inhaltlich< durch einen Satz wiedergegeben werden kann. 
Wie es sich mit den >abschweifenden< Betrachtungen im fiktionalen Erzäh 
len, und letztlich mit diesem selbst, verhält, können wir von einer anderen Seite 
her durch einen Vergleich des Beispiels 1 mit dem Beispiel 2 aufhellen. Auch 
dieses stammt aus dem »Wilhelm Meister«, aber die Anführungsstriche besagen, 
daß es ein Dialogstück ist: eine Betrachtung Jarnos im Gespräch mit Wilhelm. 
Sie ist von der gleichen allgemeinen Art wie die des Beispiels 1, aber weil sie 
einer der fiktiven Personen >in den Mund gelegt ist<, würden wir sie von vorn 
herein nicht unter die Rubrik eines weitschweifigen oder gar abschweifenden 
102 In seinem Buche »Fiktion und Reflexion. Überlegungen zu Musil und Beckett« (Frank 
furt a. M. 1967) hat Ulf Schramm aus solchen Stellen reflektorischen Stils bedeutsame Kon 
sequenzen für den durch ein »Möglichkeitsdenken« geprägten Charakter von Musils Roman 
abgeleitet. Was unter unserem Gesichtspunkt noch als eine äußerste Erscheinung der fluk 
tuierenden Erzählfunktion aufgefaßt wird, beschreibt Schramm als eine »Übergangszone, in 
der unentschieden bleibt, ob das Denken die Fiktion, oder diese jenes übergreift«, mit der 
Folge, »daß beide Mittel . . . ihre Bestimmtheit verlieren . . . nichts mehr verläßlich ver 
mitteln können« (S. 160).
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.