Full text: Die Logik der Dichtung

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tivität auf beide mimetische Formen zutrifft, ohne daß jeweils die Form des 
Dramas seine Handlung schon als eine >dramatische<, diejenige des Epi 
schen die erzählte Handlung als >episch< verbürgte. Der dramatische Cha 
rakter der Kleistschen Novellen ist oft hervorgehoben worden, die epischen 
Möglichkeiten, die in Goethes »Tasso« liegen, sind unschwer zu erkennen, 
und angesichts einer Figur wie der Prinzessin hat Hugo von Hofmannsthal 
es bedauert, daß sie eine dramatische und keine epische Gestalt sei 119 . In 
diesen Verhältnissen liegt denn ja auch zweifellos einer der Gründe, aus 
denen die neuere Dichtungstheorie die Kategorien des Dramatischen, Epi 
schen (wie auch, in Zusammenhang damit, die des Tragischen, Komischen, 
Humoristischen) nicht mehr den >Gattungen< zuordnen wollte (E. Staiger). Doch 
anderseits ist auch eine im dichtungsästhetischen oder auch bloß gefühlsmäßigen 
Sinne nicht sehr dramatische Handlung eines Dramas von der dichtungs 
logischen Form des Dramas, dem Dialogsystem, den infolge davon sich 
selbst darstellenden Personen, insofern bedingt, als diese die Möglichkeit zu 
mimisch-szenischer Verkörperung besitzen 120 . Das heißt: die Möglichkeit 
aus dem Modus der Vorstellung in den Modus der Wahrnehmung hinüber 
zutreten. Dies aber bedeutet wiederum, daß sie aus dem unendlichen Be 
reiche der Vorstellung in den begrenzten Wirklichkeitsraum eintreten kön 
nen, dessen physische Bedingungen sie mit dem Publikum des Theaters 
teilen. Es ist letztlich dieser Wirklichkeitsraum, der die Konzentration einer 
Handlung erfordert, die der strukturelle Kern einer dramatischen Handlung 
ist. Wie diese nun im sich verändernden Stil der Epochen sich den Bühnen 
— d. i. den Wahrnehmungsgesetzen unterwirft oder auch diese sprengt —, das 
sind Untersuchungen der Dichtungsästhetik, die ihrerseits keine weitere 
Rücksicht auf die sprachtheoretische Grundsituation zu nehmen brauchen, 
aus der die dramatische Handlung hervorgeht: dem Dialog, den sich selbst 
darstellenden Personen. 
Der Ort des Dramas 
Wir sind an dem Punkte, den Ort des Dramas im System der Dichtung 
genauer beschreiben zu können. Zurückblickend auf den Anfang unserer 
119 Hofmannsthal, Unterhaltung über den >Tasso< von Goethe, Ges. Werke, Prosa II, 
Frankfurt 1951, S. 212 
120 So meinte auch Otto Ludwig, »es würden sich fruchtbare Gesichtspunkte ergeben, 
wenn man die ganze dramatische Kunst aus dem Problem, der Schauspielkunst ein Substrat 
zu geben, herleitete« (Ges. Schriften V, S. 115).
	        

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