Full text: Die Logik der Dichtung

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Wenn ich ihn nur habe, 
Laß ich alles gern, 
Folg’ an meinem Wanderstabe 
Treugesinnt nur meinem Herrn; 
Lasse still die andern 
Breite, lichte, volle Straßen wandern. 
(Fr. v. Hardenberg) 
Die Psalmen Davids, die Kirchenlieder Flemings, Gerhardts, Hardenbergs 
u. a. weisen alle Symptome des lyrischen Gedichts auf: Sprachgebung, Vers, 
Reim. Und sie bieten sich auch in der Form dar, in der die Mehrzahl lyrischer 
Gedichte auftritt: in der Ichform, als Aussage eines in diesem Falle preisenden, 
bittenden, betenden, seinen Glauben bekennenden Ich. Wenn wir jedoch nun 
feststellen, daß Psalmen und Kirchenlieder, daß das Gebet, das im Gottes 
dienst in diese Form gekleidet ist 147 , dennoch nicht in den Bereich der Lyrik 
als Gattung gehört (und auch nicht dazu gerechnet zu werden pflegt), so hat 
das seinen Grund nicht in dem Inhalt der Psalmen und Lieder, sondern be 
ruht auf dem Aussagesubjekt, das hier erscheint. Es ist ein pragmatisches Aus 
sagesubjekt und als solches objektiv ausgerichtet wie das historische und das 
theoretische Aussagesubjekt. Das Gebet gehört zum Gottesdienst wie die 
Predigt, die rituellen Handlungen, die der Geistliche und die Gemeinde vor 
nehmen. Es steht im Kontext des kirchlichen Rituals, in dem Objekt- oder 
Wirklichkeitszusammenhang, der durch die religiös-kirchliche Wirklichkeit 
gesetzt ist und setzt auch den einzelnen der Gemeinde in eine Beziehung zu 
dieser. Das Ich des Gebets ist das Gemeinde-Ich, und wieweit der einzelne 
Beter in der Kirche dies Gemeinde-Ich als ein persönliches erlebt, kann nicht 
angegeben werden und hat nichts mit der Struktur des Gebets zu tun, das als 
solches vorgegeben ist. Denn auch dann wenn der Einzelbeter in der Kirche 
oder seiner Kammer das Gebet als persönlichen Ausdruck seiner Frömmig 
keit oder seiner hilfsbedürftigen Not spricht — das Ich des Gebets bleibt 
dennoch ebenso ein pragmatisches Ich wie das jeweilig individuelle, das sich 
mit ihm, zu seinen persönlichen Zwecken, im Augenblick des Betens identi 
fizieren mag. Er erlebt das Gebet, auch wenn es sich in einer schönen lyrischen 
Form darbietet, nicht als lyrisches Gedicht — und zwar gerade deshalb weil 
er je nach dem Grade seines pragmatischen religiösen Engagements das vor 
gegebene Ich des Gebets auf sich selbst bezieht. 
147 Daß das Kirchenlied zur Gattung des Gebets gehört oder gezählt werden kann, be 
stätigt F. Heiler: »Als Zeugnis echten, individuellen Betens ist z. T. die aus persönlichen 
Gebetserlebnissen geborene Gebetspoesie zu beachten: . . . die Psalmen des A. T., die 
Kirchenlieder der verschiedenen Landessprachen.« (Das Gebet, 5. A., München 1923, S. 31)
	        

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