Full text: Die Logik der Dichtung

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im ästhetischen Sinne verstanden ist) gehört deshalb ein noch so schlecht 
geschriebener Roman, aber kein noch so glänzend geschriebener Essay. Es 
gehört dazu das (unwillkürlich) komischste Friederike-Kempner-Gedicht, aber 
nicht der 42. Psalm Davids. Es gehört dazu das fünfte geistliche Lied des 
Novalis, wenn es in seiner Gedichtsammlung, aber nicht, wenn es im prote 
stantischen Gesangbuch steht. 
Es mag deutlich geworden sein, daß mit diesen Bestimmungen nichts anderes 
beabsichtigt ist, als den logischen Ort der Lyrik im System der Dichtung zu 
fixieren. Dieser Ort liegt, um es nochmals zusammenzufassen, im Aussage 
system der Sprache, im Unterschied von der fiktionalen Gattung, die von ihm 
abgetrennt ist. Aber er liegt im Aussagesystem an einer anderen Stelle als die 
mitteilenden Aussagen aller drei Kategorien, sozusagen jenseits der Grenze 
dieses Gebietes. Wir bestimmen die mitteilende Aussage dadurch, daß sie un 
geachtet des Grades ihrer Subjektivität vom Subjektpol weg auf den Objektpol 
gerichtet ist, und d. h. eine Funktion in einem Objekt- oder Wirklichkeits 
zusammenhang hat, und deuteten vorerst am Beispiel des Gebet-Gedichtes an, 
daß die lyrische Aussage eine solche Funktion nicht haben >will< (wie wir sagen 
müssen) und es sich mit der Subjekt-Objekt-Polarität anders bei ihr verhält. 
Erst die nähere Untersuchung dieser Verhältnisse, und d. h. des Verhaltens und 
der Beschaffenheit des lyrischen Aussagesubjekts, wird die (logische) Genesis 
des lyrischen Gedichts als sprachliches Kunstgebilde weiter erhellen. 
liegende zweite Auflage meines Buches bereits vor dem Erscheinen seines Artikels umge 
arbeitet war und, wie ich hoffe, eine Reihe von Ursachen mancher berechtigten Kritik schon 
eliminiert, z. T. berichtigt, z. T. ganz gestrichen, waren). Doch verhält es sich nun prinzipiell 
so, daß Welleks Kritik das Mißverständnis dessen, was in meiner Theorie der Begriff Aussage 
und Aussagesubjekt besagt, zugrunde liegt. Der deutsche urteilslogische und grammatische 
Begriff Aussage ist im Englischen durch Statement wiederzugeben, das eine noch über assertion 
(Behauptung) hinausgehende allgemeine Bedeutung hat. In der englischen Version von Witt 
gensteins »Philosophischen Untersuchungen« ist denn auch der dort gelegentlich vorkom 
mende Terminus Aussage mit Statement übersetzt. Vgl. auch meinen Aufsatz »The Theory of 
Statement«, in: Allgemeen Nederlands Tijdschrift vor Wijsbegeerte en Psychologie 65 (1964). 
Ganz und gar nicht ist er durch utterance, der von mir genau definierte Begriff Wirklichkeits 
aussage durch real utterance (S. 393), sondern durch reality Statement wiederzugeben, wie es 
sich denn auch bei dem Begriff Aussagesubjekt nicht um einen »Speaker« handelt, sondern 
um das Strukturelement des Aussagesystems der Sprache. — Erlaubt sei mir auch, den Ver 
such meiner Gattungstheorie gegen die simple Formel zu verteidigen, auf die Wellek sie 
bringen zu können glaubt: »The dividing criterion ist the Speaker: in the lyric the poet him- 
self speaks, in theepicanddramahemakesothersspeak«(S. 393). Verhielte es sich so, hätte das 
Buch wohl kaum zur Diskussion Anlaß gegeben.
	        

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