Full text: Die Logik der Dichtung

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für diesen Dichter eigentümlicher, gar biographisch zu erklärender zu ver 
stehen, sondern allein als sprachlich-logischer, als der Prozeß, der sich inner 
halb der Subjekt-Objekt-Korrelation der lyrischen Aussage ereignet. Als sol 
cher hat er freilich unendlich differenzierte Erscheinungsformen, deren Diffe 
renzierungen die unendlichen Möglichkeiten der lyrischen Aussage und der 
durch sie erzeugten Kunstgebilde sind; und nur in diesem Sinne ist dieser 
Prozeß auch individuell in Hinsicht auf die einzelnen lyrischen Gedichte und 
damit die lyrischen Dichter, sowie auch in Hinsicht auf die Epochenstile. Die 
Struktur der älteren Lyrik stellt sich auch in dieser Hinsicht anders dar als die 
der modernen. 
Das fünfte der »Geistlichen Lieder« des Novalis ist als Ausgangspunkt für 
unsere Untersuchung dieses Prozesses eben deshalb geeignet, weil es auch als 
gottesdienstliches Lied fungiert. Als solches fungiert es in einem Wirklich 
keitszusammenhang, eben dem religiös-gottesdienstlichen, als Bekenntnis des 
seinen Herrn, seinen Christus liebenden Herzens. Das unpersönliche Gemeinde 
lch des Liedes wandelt sich, so sahen wir, zu dem Ich des Dichters, wenn wir 
das Gedicht außerhalb des gottesdienstlichen Zusammenhangs lesen oder 
hören. Der Charakter des Aussagesubjekts verändert sich, aber nicht der 
des Aussageobjekts — naturgemäß, da ja das Gedicht sich nicht verändert. Der 
Objektzusammenhang, der im Gedicht erscheint, bleibt bestehen, auch wenn 
er keine gottesdienstliche Funktion hat, das besagt: er bleibt in seiner Eindeu 
tigkeit bestehen: »er« — in der für den Klang des Gedichts nicht unwesent 
lichen Akkusativform »ihn«, fünffach aufklingend als Intonation der fünf 
gleichen Strophenanfänge — der Herr, den zu besitzen das Herz mit einem 
Glück erfüllt, für das in den fünf Strophen fünf verschiedene, teils direkt, teils 
metaphorisch benannte Zustände zeugen. So deutlich ist der Objektzusammen 
hang dieser Aussagen, daß der Interpret nichts anderes zu tun hat als sie als 
Ausdruck des frommen Glücks dieses hier >sich aussprechendem lyrischen 
Ich zu konstatieren. Es hat sich zwischen dem Subjekt- und Objektpol dieser 
als Gedicht geformten religiösen Aussage noch nicht viel ereignet. Nicht 
viel, aber doch schon etwas. Es erscheint in der vierten Strophe — und 
es dürfte keine Willkür sein, daß in den Gesangbüchern, in denen das 
Lied aufgenommen war, diese Strophe fortgelassen oder geändert ist 149 . 
149 In Gesangbüchern, die die vierte Strophe aufgenommen haben — z. B. das Evangel. 
Gesangbuch für Elsaß-Lothringen (1914), das Christi. Gesangbuch für evangel. Gemeinden 
(Bielefelt 1854) —lauten Vers 3 und 4: »und des Himmels reiche Gabe / meinen Blick nach oben 
hält«; im Gesangbuch für die Evangel. reformierte Kirche der deutschen Schweiz (Bern 
1891) heißt es: »Was er beut, ist ew’ge Gabe / Selig wer ihn an sich hält.«
	        

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