Full text: Die Logik der Dichtung

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Frühling läßt sein blaues Band 
Wieder flattern durch die Lüfte; 
Süße, wohlbekannte Düfte 
Streifen ahnungsvoll das Land. 
Veilchen träumen schon, 
Wollen balde kommen. 
— Horch, von fern ein leiser Harfenton I 
Frühling, ja, du bist’s 1 
Dich hab’ ich vernommen! 
Das Gedicht bereitet keine Verstehensschwierigkeiten. Sofort ist erkennbar, 
wovon es spricht. Der Objektpol der Versaussagen ist deutlich: der Frühling, 
mit dem ersten Worte aufgerufen, genauer der kommende Frühling, als solcher 
evoziert erst im vierten, fünften und sechsten Vers durch die Worte ahnungs 
voll, schon, balde. Doch gleich die ersten beiden Verse enthalten eine ganz an 
dere Vorstellung: ein blaues durch die Lüfte flatterndes Band. Es flattert nicht 
von selbst, aber wenn wir auf die Frage antworten wollten, wer es flattern läßt, 
so müßten wir sagen: der Frühling. Aber indem wir so antworten, tun wir 
etwas anderes als das Gedicht. Dies sagt »Frühling«, und nur indem es, durch 
Fortlassung des Artikels aus der Jahreszeit einen Eigennamen, also eine Person, 
eine männliche, macht, kann es diese sein blaues Band flattern lassen. Der 
Interpret aber kann diese Metapher nicht als Aussage wiederholen. Wenn er 
sagt: das ist eine Metapher, die etwa, vielleicht, den blauen Frühlingshimmel 
ausdrücken soll, so tut er wieder etwas anderes als das Gedicht, das nicht vom 
Himmel spricht, sondern bloß das Bild eines flatternden blauen Bandes vor 
Augen stellt, das als solches von dem Objektpol, der leicht festzustellen ist, 
dem Frühling, weit entfernt ist. Die vier folgenden Aussagen sind dem Objekt 
pol näher; sie nennen immerhin konkrete, »wohlbekannte« Frühlingserschei 
nungen: süße Düfte, Veilchen, und im Worte »ahnungsvoll«, als Adverb zum 
Streifen der süßen Düfte, klingt direkt Frühlingsahnung auf. Unbestimmter 
aber ist bei genauem Zusehen die Aussage über die Veilchen. Sie träumen 
schon, sie wollen balde kommen. Wir können nicht, so einfach, so wenig 
dunkel diese Aussagen sind, erklären, ob von Veilchen die Rede ist, die schon 
da sind, als Knospen vielleicht, oder ob auch sie nur als Frühlingsahnung in 
der Luft hegen, oder noch unbestimmter nur im vorstellenden Sinn des Dich 
ters schon da sind. Der Objektbezug entzieht sich fast unbemerkt unserer 
Frage, unserer Interpretation. Er entzieht sich ganz und gar bei der letzten 
Aussage. Sie ist wie die Bandmetapher Umdeutung des Dichters, ist aber nicht 
einmal mehr in eine Vorstellung des Sichtbaren, sondern nur noch des Hör
	        

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