Full text: Die Logik der Dichtung

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baren verwandelt, doch wiederum nicht in eine konkrete hörbare Frühlings 
erscheinung, wie es etwa Lerchengesang wäre, beliebtes Requisit romantischer 
Frühlingslieder — sondern wiederum in etwas, das nicht auf den realen Objekt 
zusammenhang bezogen ist: ein leiser Harfenton, von fern. Und endlich ist 
die Frühlingsahnung gerade in diesem ganz und gar imaginären Ton zusam 
mengefaßt: er, dieser Ton, ist’s, ist der Frühling, ihn hat das lyrische Ich, das 
sich nun meldet, vernommen. 
Überlegen wir, was sich als das organisierende Strukturmoment bei diesem 
Abhorchen des kleinen einfachen Gedichts zeigt. Ein Kind versteht es; denn 
deutlich ist, wovon es spricht. Sich ankündigender Frühling ist der Objektpol 
der Aussagen des lyrischen Aussagesubjekts. Aber nun zeigt sich das Phäno 
men, daß am Schluß, wenn wir das Gedicht als Ganzes aufnehmen, gar nicht 
der kommende Frühling als solcher, der Objektbezug, als Eindruck und Er 
lebnis des Gedichts zurückbleibt, sondern Frühlings flatterndes blaues Band, 
träumende Veilchen, ein leiser Harfenton. Etwas ist mit der Subjekt-Objekt- 
Struktur der Aussagen vorgegangen, das in der mitteilenden Aussage niemals 
vorkommt. Sie haben sich sozusagen aus dem Objektpol zurückgezogen, sich 
zueinander hin geordnet und dabei Inhalte angenommen, die sich keineswegs 
auf den Objektzusammenhang, jedenfalls nicht direkt beziehen. Sie sind nicht 
auf diesen hin orientiert, nicht von ihm her gelenkt, gesteuert. Sie bilden keinen 
Objekt- und d. h. auch keinen Mitteilungszusammenhang, sondern etwas an 
deres, das wir als Sinn^usammenhang bezeichnen. Das bedeutet, daß die Aus 
sagen aus dem Objektpol fort in die Sphäre des Subjektpols hineingezogen 
sind. Dieser Prozeß aber ist es, der das lyrische Kunstgebilde hervorbringt. Es 
entsteht dadurch, daß sich die Aussagen zueinander ordnen, gelenkt von dem 
Sinn, den das lyrische Ich mit ihnen ausdrücken will. Wie es dies tut, welcher 
sprachlichen, rhythmischen, metrischen, klanglichen Mittel es sich dazu be 
dient, wieweit es einen inneren Zusammenhang sichtbar macht und wieweit 
nicht — das ist die ästhetische Seite seines dichtenden Tuns. Und im Resultat 
des entstandenen Gedichts kann nicht unterschieden werden, ob die Zuord 
nung und Form der Aussage den Sinnzusammenhang ergibt oder dieser die 
Zuordnung lenkt. Sinn und Form sind im Gedicht identisch. 
Das Mörikegedicht empfinden wir als einfach und leichtverständlich, weil 
bei aller sinnhaften, metaphorischen Verkleidung seiner Aussagen der Objekt 
bezug deutlich erhalten bleibt. Der Sinn, aus dem es geschaffen, Glück der 
Frühlingsahnung, erschließt sich unmittelbar. Und es bedurfte erst einer ge 
naueren Prüfung der Worte, Bilder, Bezüge, um den Prozeß der Zurückziehung 
der Aussagen aus dem Objektpol zu bemerken. Die Formel kam aufgestellt
	        

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