Full text: Die Logik der Dichtung

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teils< geworden ist. Wird er zum Gegenstand eines Urteils, bedeutet das, daß 
er »in die reale Seinssphäre ... hinaus versetzt« 27 , d. h. auf einen real existie 
renden Gegenstand oder Sachverhalt bezogen wird. In diesem Falle liegt ein 
»echtes Urteil« vor, dessen Aussage verifizierbar ist, den »Wahrheitsanspruch« 
erfüllt. Das heißt, daß der durch das Urteil »bestimmbare Sachverhalt nicht als 
ein rein intentionaler, sondern als ein in einer dem Urteil gegenüber seinsunab 
hängigen Seinssphäre verwurzelter Sachverhalt tatsächlich besteht« 28 — wie 
die phänomenologische Definition dessen lautet, was wir im folgenden als 
Wirklichkeitsaussage bezeichnen (und an seinem Orte bestimmen) werden. 
Die Sätze nun, aus denen eine Dichtung (ein Roman oder Drama) besteht, 
sind keine echten Urteile, sondern >Quasi-Urteile<, die dadurch definiert sind, 
daß sie keine Hinausversetzung in eine reale Seinssphäre enthalten. Der dich 
terische Gegenstand existiert nur in rein intentionaler Weise. Doch ist damit 
das Verhältnis von Dichtung und Wirklichkeit auch für Ingarden noch nicht 
erschöpfend beschrieben. Daß die Wirklichkeit dennoch der Stoff der Dichtung 
ist, wird so ausgedrückt, daß »die Satzkorrelate ihrem Gehalte nach in die reale 
Welt hinausversetzt« werden 29 . Aber die Rein-Intentionalität wird durch die 
Bestimmung aufrechterhalten, daß »die Hinausversetzung ... nicht in dem 
Modus des vollen Ernstes, sondern in einer eigentümlichen diesen Ernst nur 
vortäuschenden Weise vollzogen [wird]. Deswegen werden die rein intentio 
nalen Sachverhalte bzw. Gegenstände nur als real existierende angesprochen, 
ohne daß sie . .. mit dem Realitätscharakter durchtränkt wären.« 30 Ingarden 
meint nun, daß es die so definierten »quasi-urteilsmäßigen Behauptungssätze« 
seien, die es vermögen, »die Illusion der Realität ... hervorzurufen«, daß sie 
»eine suggestive Kraft mit sich führen, die uns bei der Lektüre erlaubt, uns in 
die fingierte Welt hineinzuversenken und wie in einer eigenen, eigentümlich 
nicht-wirklichen und doch wirklich scheinenden Welt zu leben« 31 . Diese Re 
duktion des Nicht-Wirklichkeitscharakters einer mimetischen Dichtung auf die 
Sätze, aus denen sie besteht, scheint jedoch das Phänomen keineswegs befriedi 
gend zu erklären. Ja sie stellt letztlich nichts anderes als einen Zirkel dar. Die 
Sätze oder Aussagen eines Romans werden als >Quasi-Aussagen< erst dadurch 
konstituiert, daß sie in einem Roman stehen. Nicht der Satz an sich: »Alles ging 
drunter und drüber im Hause Oblonsky«, mit dem Tolstois »Anna Karenina« 
27 R. Ingarden, Das literarische Kunstwerk, 2. Aufl., Tübingen 1960, S. 170 
28 Ebd., S. 171 
29 Ebd., S. 178 
30 Ebd. 
31 Ebd., S. 182
	        

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