Full text: Die Logik der Dichtung

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Faustus« die wenigen, aber zentralen Situationen, in denen Adrian Lever 
kühn aus dem Bericht- und Erlebnisfeld seines Biographen Zeitblom los 
gelöst ist, dennoch durch diesen vermittelt werden, so zeigt das an, daß der 
Bezug Zeitbloms zu dem Objekt seiner Biographie tiefer gegründet ist, daß 
er selbst als Berichter in die durch die Hauptgestalt geprägte Lebens- und 
Weltsphäre einbezogen ist. 
Die Problematik der Fingiertheit 
Diese wenigen, aus der Fülle der Ich-Romane gewählten Beispiele zeigen 
doch schon, daß die Form der Wirklichkeitsaussage bei der Interpretation 
von Ich-Erzählungen nicht vernachlässigt werden darf. Sie ist das strukturelle 
Gesetz, das weit in das ästhetische und weltanschauliche Gebiet hinein wirk 
sam ist — und zwar auch gerade dann aufschlußreich ist, wenn es einmal 
durchbrochen wird. Auch dann noch setzt die Aussageform die Grenze, die 
zwischen Ich-Erzählung und Fiktion besteht. Wenn wir dies zunächst mehr 
an den Formen des Erzählens als den Symptomen dieser Gesetzlichkeiten 
ablesen konnten, so ist damit jedoch die Phänomenologie der Ich-Erzählung 
noch nicht erschöpfend analysiert. Die Frage, die ihr logischer Ort im Dich 
tungssystem stellt, eine fingierte Wirklichkeitsaussage zu sein, ist damit noch 
nicht beantwortet j d. h. der Begriff des Fingiertseins selbst bedarf einer 
näheren Analyse, wobei sich dann zeigt, daß in der Tat erst er die entscheiden 
den Kriterien enthüllt und das Verhältnis der Ich-Erzählung zur epischen 
Fiktion einerseits, zur Lyrik anderseits erhellt. 
Daß das lyrische Gedicht eine echte Wirklichkeitsaussage ist, bedeutet, 
daß der Begriff der Wirklichkeit ganz und gar erfüllt ist. Denn er ist auch 
dann erfüllt, wenn diese Wirklichkeit nicht objektiver, sondern subjektiver 
Art ist, wenn — da Wirklichkeit immer erlebte Wirklichkeit ist — das Erleb 
nis der Wirklichkeit mehr als ihre objektive Beschaffenheit die Aussage prägt. 
Und das heißt: er ist auch dann erfüllt, wenn die ausgesagte Wirklichkeit 
noch so >unwirklich< ist. Denn hier ist auch die äußerste, träum- oder vi 
sionshafte, von der Empirie her nicht nachzuerlebende Unwirklichkeit ein 
Wirklichkeitserlebnis, das Erlebnis des lyrischen Ich (wie sie auch das Er 
lebnis des nicht-lyrischen träumenden, visionären Ich sein kann). Über die 
Echtheit dieses Ich, und damit über die Echtheit der lyrischen Aussage kann 
kein Zweifel bestehen — eben hierdurch ist ja überhaupt das Erlebnis des 
Lyrischen geprägt. Und dies besagt: in der Lyrik ist es nicht die Form, son-
	        

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