Full text: Die Logik der Dichtung

26 
anfängt, ruft als solcher die Illusion der Realität hervor. Denn seiner Form nach 
kann er, losgelöst aus dem Romankontext, eine Mitteilung über eine Realität 
sein: wenn er etwa in einem Briefe steht. Die Nicht-Wirklichkeit der Romanwelt 
wird, wie wir sehen werden, durch ganz andere Funktionen der Sprache er 
zeugt, nämlich eben durch echte Funktionen, die die Ursache der Phänomene 
sind. Die Bezeichnung der Sätze eines Romans oder Dramas als Quasi-Urteile 
besagt aber nichts anderes als die tautologische Tatsache, daß wir, wenn wir 
einen Roman oder ein Drama lesen, wissen, daß wir einen Roman oder ein 
Drama lesen, d. h. uns nicht in einem Wirklichkeitszusammenhang befinden. 
Ingarden — und freilich nicht er allein — hat an dem entscheidenden Faktor 
vorbeigesehen, der »die mysteriöse Leistung des literarischen Kunstwerks« 32 
hervorruft und den Aristoteles als die Mimesis handelnder Menschen bestimmt 
hat. Eklatant tritt dieses Mißverständnis in Ingardens Versuch hervor, die Er 
scheinung des historischen Romans zu bestimmen. Für diese Kategorie stimmt 
ihm der Begriff des Quasi-Urteils nicht mehr ganz. Hier, meint er, »kommen 
wir den echten Urteilssätzen noch um einen Schritt näher« 33 , denn es wird auf 
eine als real ausgewiesene Realität Bezug genommen, ohne daß diese in ihrer 
Realität dargestellt wird, »die intentional entworfenen Sachverhalte völlig mit 
den wirklichen zur Deckung gebracht werden« 34 . Der Romancharakter des 
historischen Romans, damit aber des Romans überhaupt, ist schon dadurch 
völlig verkannt, daß die als historisch bekannte Wirklichkeit, die der Stoff 
dieser Romane ist, dichtungstheoretisch für eine andersartige gehalten wird 
als jede andere in Romanen gestaltete Wirklichkeit (wie wir unten näher dar 
legen werden). Und diese Verkennung tritt noch deutlicher hervor, wenn ge 
meint wird, daß man einen historischen Roman von einem wissenschaftlichen 
historischen Werk nur durch die Quasi-Urteile unterscheiden könne, daß zwi 
schen beiden ein Übergang von Quasi-Urteilen zu echten Urteilen stattfinden 
und damit aus einem historischen Roman ein wissenschaftlicher historischer 
Bericht werden könne. »So entsteht (im Roman) vor unseren Augen die längst 
entschwundene und nichtig gewordene Vergangenheit in den nun intentio 
nalen, sie verkörpernden Sachverhalten wieder, aber sie ist es nicht selbst, die 
da beurteilt wird, weil der letzte Schritt noch fehlt, der die quasi-urteilsmäßigen 
Behauptungssätze von den echten Urteilssätzen trennt: die Identifizierung 
und damit die im Modus des vollen Ernstes vollzogene Setzung sowie die 
Verankerung der Intentionen der Sinngehalte in der betreffenden Realität. 
32 Ebd., S. 180 
33 Ebd. 
34 Ebd., S. 181
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.