Full text: Die Logik der Dichtung

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Erzähler gewußten Wirklichkeit darzubieten. Und daß ein ähnlicher Symbol- 
wille die Erzählung des Simplex von den guten Geistern des Mummelsees 
hervorgebracht hat, liegt auf der Hand. Aber auch die Ich-Form naiver, 
also nicht-symbolischer Wundergeschichten kann nicht durch die Absicht 
der Glaubhaftmachung erhellt werden. Sondern gerade das Gegenteil be 
deutet das hier vorliegende Phänomen. Es ist die Fingiertheit des Ich-Erzäh 
lers, die um so hochgradiger und offenbarer ist, je unwirklicher der Aussage 
inhalt. Nicht läßt also die Ich-Form das Unwirkliche >wirklicher< erscheinen, 
sondern umgekehrt läßt die Unwirklichkeit des Berichtes auch das berich 
tende Ich als unwirklich, fingiert erscheinen. In Ich-Erzählungen dagegen, 
die einen hohen Wirklichkeitsgehalt haben, bedarf es wiederum des Erklä 
rungsgrundes der Glaubwürdigkeit nicht. Denn diese nähern sich an sich 
selbst schon der echten Autobiographie derart, daß in manchen Fällen nur 
dokumentarische Untersuchungen über das Verhältnis von Dichtung und 
Wahrheit entscheiden können. Nur aber wenn wir die Gesamtheit der mög 
lichen und wirklichen Fälle von Ich-Erzählungen im Blickpunkt behalten, 
nicht aber aus einzelnen Erscheinungen Schlüsse ziehen, wird der Kontur 
ihrer Struktur, besser ihr dichtungslogisches Gesetz erkennbar. Dies ist be 
dingt und gefordert durch eben dies Gesetz, nämlich die Variabilität des 
Fingiertheitscharakters, der sich, mathematisch ausgedrückt, auf einer Skala 
bewegt, deren Grenzpunkte 0 und oo sind. Dabei zeigt auf der einen Seite 
das Beispiel der »Marmorklippen«, auf der anderen die Sesenheimer Szenen 
in Goethes »Dichtung und Wahrheit«, daß die innerhalb der Aussageform 
variierenden Erzählformen nicht entscheidend für den Fingiertheitsgrad sind. 
Die echte Autobiographie Goethes bedient sich in diesen Szenen fiktionali- 
sierender, romanhafter Erzählformen, die hochgradig fingierte Ich-Erzählung 
Jüngers bewahrt die historische Aussageform. Beide Fälle sind Ausnahmen, 
Extreme. Und wenn die Masse der Ich-Erzählungen sich für unser Leseerleb 
nis nicht sonderlich von dem einer Er-Erzählung, einer Fiktion abhebt, so 
liegt das daran, daß sie in den meisten Fällen mit reichlichen fiktionalisierenden 
Mitteln: Situationsbeschreibungen, Gesprächen u. ä. ausgestattet sind, was 
unwillkürlich um so unbefangener geschieht, je weit- und figurenreicher die 
Erzählung ist. 
An diesem Punkte ist noch einmal der Unterschied der Ich-Erzählung zur 
Fiktion festzustellen und einem leicht sich einstellenden Einwand zu begeg 
nen. Wie, ist zu fragen, unterscheidet sich der Ich-Erzähler von der Erzähl 
funktion, wenn wir auf die Definition der Fiktion zurückgehen, daß sie nur 
ist kraft dessen, daß sie erzählt ist? Denn eben unser unmittelbares, >naives<
	        

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