Full text: Die Logik der Dichtung

27 
Erst mit dem Übergang zur wissenschaftlichen Betrachtung oder zu einem 
schlichten Erinnerungsbericht wäre dieser letzte Schritt vollzogen, aber damit 
bekäme man auch die echten Urteilssätze.« 35 Es ist gewiß schwierig, sich nach 
dieser Beschreibung einen historischen Roman vorzustellen. Sie macht aber 
besonders deutlich, daß mit dem Begriffe des Quasi-Urteils keineswegs die 
sprachlich-literarische Struktur und spezifische Erscheinungsform des Romans 
beschrieben ist, sondern nichts anderes als eine unbestimmte psychologische 
Haltung des Autors und entsprechend des Lesers: die Modi des vollen resp. 
nicht vollen Ernstes, d. i. die Einstellung, die dem historischen Roman (aber 
auch Drama) gegenüber eine andere ist als dem historischen Bericht gegenüber. 
Erst die Untersuchung der Sprachfunktionen wird zeigen, daß zwischen einem 
historischen Roman und einem historischen Wirklichkeitsbericht niemals ein 
Übergang stattfinden kann und daß es die bei Ingarden unbeachteten ver 
körperndem, nämlich mimetischen Sachverhalte sind, die dies unmöglich 
machen 36 . 
35 Ebd., S. 181 f. 
36 Ingarden hat nun in der neuen Auflage seines Buches meine Kritik an der Theorie der 
Quasi-Urteile zurückgewiesen (S. 184—192). Diese Kritik bezog sich nicht auf die Theorie 
bzw. die Bestimmung des Begriffs des Quasi-Urteils als solche, sondern auf seine Verwendung 
für die Beschreibung der fiktionalen Dichtung. Meine Einwände kann ich jedoch durch 
Ingardens Erklärungen und Ergänzungen nicht als widerlegt betrachten. Es erscheint mir 
nach wie vor nicht überzeugend, die Fiktivität einer Romanwelt (um die es vor allem geht) 
durch die Feststellung zu begründen, daß die Sätze, aus denen der Roman besteht, Quasi- 
Urteile (in dem im Text nach Ingarden angegebenen Sinn) seien. Mein Einwand des tauto- 
logischen Beweises wird jetzt von Ingarden nur bestätigt (wenn auch abgewiesen), wenn er 
sagt: ». . . wenn wir von vornherein wissen, daß wir es mit einer Dichtung zu tun haben, 
wissen wir auch — wenn ich recht habe —, daß wir es mit lauter Quasi-Urteilen zu 
tun haben« (S. 189). Ingarden weist sodann auf das von Russell in die Logik eingeführte 
Assertionszeichen hin, um die sog. >Thesen< des logischen Systems von bloßen >Aussagen< 
(die der Behauptungsfunktion beraubt sind) zu unterscheiden, und nennt, angewandt auf 
Dichtung, als »solche äußeren sprachlichen Zeichen, deren wir uns bedienen, um anzu 
deuten, daß wir es mit einem Quasi-Urteil zu tun haben, . . . eine andere Intonation, die 
wirklich anders ist als die Intonation, welche wir wissenschaftlichen Sätzen geben«, wie auch 
»der Titel oder Untertitel uns informiert, daß wir es mit einem Roman oder Drama zu tun 
haben« (S. 190). Der Gegensatz wissenschaftlicher Sätze zu Quasi-Urteilen scheint sich nur 
auf den historischen Roman zu beziehen, an den hier Ingarden in bezug auf meine Kritik an 
knüpft, während die die Romansätze charakterisierende Intonation wohl allgemein gemeint 
ist. Ohne über diese hier angenommenen, die Quasi-Urteile kenntlichmachen sollenden Intona 
tionszeichen zu diskutieren, scheint es mir wiederum nur zu bestätigen, daß wir der Behaup 
tung, Roman- und Dramensätze seien Quasi-Urteile, entraten können, um zu wissen, daß 
wir uns mit einem Roman und einem Drama in einer fiktiven Welt befinden. Denn sie be 
haupten die Fiktivität nur, aber zeigen nicht, wie sie hergestellt ist. 
Wenn Ingarden mir weiter vorwirft, ich habe ihm »in den Mund gelegt, daß nur die Quasi- 
Urteile einen historischen Roman von einem entsprechenden historischen Werk unterschei 
den« (S. 190), und weitere von ihm herausgearbeitete Unterschiede aufzählt: »ein anderer
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.