Full text: Die Logik der Dichtung

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reflektieren, daß die Symbolgestaltung mehr oder weniger bewußt oder gewollt 
sein kann, bei Thomas Mann bewußter als bei Fontane etwa, betrachten wir 
das fiktionale Symbol in doppelter Weise: als spezifisch fiktionales, durch die 
Gesetze der Fiktion bestimmtes, nämlich geschlossenes Gebilde, und als ein 
in dieser oder jener Weise von dem Dichter der Fiktion konzipiertes. Das be 
sagt: die literarische Fiktion >bedeutet< irgendeine Wirklichkeit, gleichgültig 
ob diese als eine mögliche vorhandene gedacht oder erfunden ist; denn auch 
in der irrealsten erfundenen Wirklichkeit sind Stoffelemente der Wirklichkeit 
vorhanden, ohne welche überhaupt eine Mimesis nicht vollzogen werden 
könnte (wie auch die abstrakteste, ungegenständlichste Malerei noch die Ele 
mente der gegenständlichen Wirklichkeit verwenden muß, und seien es nur 
Farben und Linien). In korrelativem Zusammenhang mit dem Bedeuten einer 
Wirklichkeit, genauer dem Abstraktionsprozeß dieses Bedeutens, weist die 
literarische Fiktion auch auf den >Sinn< (des Autors) hin, aus dem heraus sie 
konzipiert ist. Nun gestaltet sich in dieser Spannung zwischen dem bedeutend 
konzipierenden Sinn und dem bedeuteten, als solchem abstrahierten Wirklich 
keitsstoff die Fiktion, aber gestaltet sich als eine geschlossene Struktur, zu 
deren Bedeutung und Verständnis wir keines im weitesten Sinne biographi 
schem Wissens über das Dichter-Ich bedürfen. Gehen wir auf dieses, etwa 
seine weltanschauliche Haltung, zurück, so verfahren wir nicht mehr deutend, 
sondern erklärend, treten aus dem Raum des fiktionalen Werkes heraus in den 
der Literatur- und Geistesgeschichte, betrachten es nicht mehr bloß als ein in 
sich geschlossenes Kunstwerk, sondern auch als Dokument einer historischen 
Situation, in die der Autor gehört. Da aber die fiktive, auch die erzählte fiktive 
Welt selbst nicht auf den Dichter bezogen ist, nicht seine Stimmung, seine Welt 
anschauung zum Ausdruck bringt, sondern die der fiktiven Gestalten, so muß 
die Deutung des fiktionalen Werks innerhalb seiner selbst verbleiben, als einer 
in sich geschlossenen Symbolstruktur. Sie ist an keiner Stelle offen zum Ich 
des Dichters hin. Wir können die hier waltenden, sozusagen doppelschichtigen 
Symbolverhältnisse so ausdrücken: als Kunstwerk steht eine fiktionale Dich 
tung in der variablen Spannung zwischen der bedeuteten Sache und dem be 
deutenden Sinn ihrer Konzeption und teilt damit die Existenzform des Kunst 
seins überhaupt, eine symbolische Form zu sein. Die Deutung ihrer besonderen 
Symbolstruktur aber kann sich ganz innerhalb ihrer bewegen und sie darum, 
im Prinzip, restlos erhellen, weil der bedeutende Sinn sich in festen Gebilden 
verfestigt hat, die von dem entwerfenden Dichter (und das bedeutet logisch 
grammatisch: einem Aussagesubjekt) unabhängig, gegen ihn >abgeschlossen< 
sind.
	        

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