Full text: Die Logik der Dichtung

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Eine solche Doppelschichtung einer symbolischen Struktur besteht im Falle 
der Lyrik nicht. Und eben deshalb wird sie hier zu einer unbestimmten Er 
scheinungsform. Eine symbolische Form, die sich schon rein strukturell und 
darum prinzipiell restloser Deutung entzieht -— kann unter Umständen als 
spezifisch symbolische Form nicht mehr erlebbar sein. Es fehlt hier gerade das 
Moment, das Symbolbildung und Symbolerlebnis stützt, das Moment des 
Scheins, der Mimesis, und das heißt der kategorialen Unterschiedenheit von 
der Erlebensweise der Wirklichkeit (als nichtsymbolischer). Die Mimesis ist 
bereits als Mimesis eine symbolische Form; wo aber Mimesis fehlt, wie in der 
Lyrik und in der Musik, an ihrer Stelle existentieller Ausdruck das Kunst 
gebilde konstituiert, wird die Bestimmung dieses Kunstgebildes als symboli 
sche Form sehr schwierig und empfindlich. Und Hegels Satz von der Auf 
lösung der Kunst in die Prosa der Wirklichkeitsaussage bewährt sich wieder als 
Erkenntnisinstrument, wenn auch nicht als ein hinreichendes. Die logische 
Struktur der lyrischen Aussage liefert auch hier die Grundlage für die Art und 
Weise, in der diese sich als symbolische Form darstellt, und zwar als eine 
symbolische Form von ebenso offener symbolischer Struktur wie sie eine 
offene logische Struktur ist. Die lyrische Symbolstruktur und -bildung ist 
darum offen, weil sie auf das Aussagesubjekt, das lyrische Ich bezogen ist. 
Es liegt nahe, sich an der Theorie des Symbolismus zu orientieren, der den 
oder genauer einen Symbolbegriff programmatisch in sich aufnahm. In der Tat 
bringt er die durch die Offenheit des lyrischen Aussagesubjekts bedingte Unbe 
stimmtheit des Symbolsinnes eines Gedichts zum Ausdruck, den wir auf die 
lyrische Subjekt-Objekt-Relation zurückführen zu können glaubten. Wobei 
es in diesem Zusammenhang nicht auf die symbolischen »Inhalte« des aus den 
Objekten entbundenen (dégager) »état d’äme« ankommt, der »Ideen« oder der 
»übersinnlichen Erfahrungen«, die »in die Sprache sichtbarer Dinge über 
tragen«, oder umgekehrt von den Dingen »evoziert« werden sollen 191 . Wie 
weit ein solcher im Wort erscheinender Symbolsinn erkennbar oder nur fühl 
bar wird, bleibt deutungsoffen; und wenn es bei W. Vordtriede heißt, der aus 
dem Objekt »herauszudestillierende« état d’âme werde auch im Leser, als der 
état d’âme der Objekte selbst und nicht des Dichters, erzeugt 192 , so ist die Un 
bestimmbarkeit des lyrischen Symbols oder der lyrischen Symbolsprache damit 
191 So C. M. Bowra, The Heritage of Symbolism, London 1943, S. 5 : »He (Mallarmé) and 
his followers are rightly called Symbolists, because they attempted to convey a supernatural 
experience in the language of visible things, and therefore almost every word is a Symbol 
and is used not for its common purpose but for the association which it evokes of a reality 
beyond the senses.« 
192 W. Vordtriede, a. a. O., S. 103
	        

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