Volltext: Die Logik der Dichtung

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Und wenigstens im Französischen, sowie anschließend im Deutschen, wurde 
(neben feint, fingiert) das Adjektiv fictif (fiktiv) in dem positiven Bedeutungs 
gehalt gebildet, das in der Kunsttheorie noch gängiger geworden ist als das 
Substantiv Fiktion selbst. 
Damit aber sind die Verhältnisse kompliziert geworden. Was bedeutet der 
Unterschied von fingiert und fiktiv, etwa die Tatsache, daß wir von den Per 
sonen eines Romans oder Dramas nicht als von fingierten, sondern von fiktiven 
Personen sprechen? Wie verhält es sich mit den imaginativen Gebilden der 
Kunst überhaupt? Wie weit und auf welche treffen die Begriffe Fiktion und 
fiktiv zu? Seit H. Vaihingers »Philosophie des Als Ob« (1911) pflegt man Fik 
tion durch die Form des Als Ob zu erklären, d. h. also durch die Struktur des 
Fingiertseins. Das trifft für die wissenschaftlichen — mathematischen, physi 
kalischen, juristischen usw. — Fiktionen zu. Die Mathematik rechnet mit 
raumlosen Punkten, die Physik mit dem leeren Raum, als ob es diese Gebilde 
gäbe, die Jura mit konstruierten Fällen, als ob sie faktisch vorgekommen 
wären. Die Definition der Fiktion als Struktur des Als Ob bedient sich und 
muß sich des Konjunktiv irrealis bedienen, der das Fingiertsein angibt. Im 
Sprachgebrauch nähern sich die Begriffe des Fingierten und Fiktiven wohl 
einander. Mathematische Punkte sind als fingierte auch fiktive Gebilde. Und 
im Alltagsgebrauch hat fiktiv, Fiktion die Bedeutung des Irrealen, Einge 
bildeten. 
Unsere Frage aber ist, ob auch die »ästhetischen Fiktionen«, wie Vaihinger 
sie nennt, die Gebilde der Kunst, durch die Struktur des Als Ob zu bestimmen 
sind. Prüfen wir solche der bildenden Kunst. Auf Terborchs Gemälden, könnte 
man sagen, ist etwa Taft so gemalt, daß er — jedenfalls der Intention dieser 
großen realistischen Kunstrichtung nach — so aussieht, als ob er wirklicher 
Taft wäre. Dennoch wird es schon dabei zweifelhaft, ob das noch so realisti 
sche Kunstgebilde durch die Als Ob-Struktur beschrieben werden kann. Die 
antike Kunstauffassung hat die Kirschen des Zeuxis darum gepriesen, weil die 
Spatzen sie für echte Kirschen gehalten haben, während für die moderne die 
Grenze dort erreicht ist, wo ein Moment der Täuschung im Spiele ist, etwas 
Nichtlebendiges z. B. als lebendig ausgegeben, fingiert werden soll wie im 
Wachsfigurenkabinett. Die Werke der bildenden Kunst, genauer das in ihnen 
Dargestellte ist keine Fiktion im Sinne des Als Ob. Von ihm, dem Fingiertsein, 
ist nun aber das Fiktive zu unterscheiden. Und dabei zeigt sich, daß dieses im 
Gebiete der Kunst nur für die Dichtung, nicht für die bildende Kunst Gültig 
keit hat, das Fiktive, die literarische Fiktion aber nicht die Struktur des Als Ob 
hat. Wie verhält es sich damit? Warum bezeichnen wir ein Portrait Maria
	        

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