Full text: Die Logik der Dichtung

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des fiktionalen Erzählens vollzieht, die dieses mit voller Stringenz als fik- 
tional ausweist oder, anders ausgedrückt, darüber aufklärt, daß das >epische 
Ich< wie man zu sagen pflegt, kein Aussagesubjekt ist. Die Bedeutungsveränderung 
aber besteht darin, daß das Präteritum seine grammatische Funktion, das Vergangene 
%u bezeichnen, verliert. 
Um dies zu beweisen, müssen wir uns zunächst über die grammatische 
Funktion des Präteritums klarwerden. Nicht alle Definitionen, die über 
dieses Tempus aufgestellt wurden, sind für unsere Zwecke aufschlußreich. 
Es genügt für sie nicht, etwa mit H. Paul und O. Behaghel das Präteritum 
bzw. Imperfekt durch seine Relation oder Nicht-Relation zur »Gegenwart« 
zu bestimmen, durch einen »Bezugspunkt«, der in der »Vergangenheit« 
liegt und von dem aus in der Vergangenheit weiter vorangeschritten wird 60 . 
Denn es fehlt bei dieser Bestimmung des (aoristischen) Imperfekts und der 
Tempora überhaupt etwas Wesentliches, das diese von einer tieferen Schicht 
als der bloß grammatischen her erklärt. Dies wesentliche Moment hat, so 
weit ich bei Musterung deutscher und fremdsprachiger Grammatiken fest 
stellen konnte, als einziger der alte deutsche Grammatiker Christian August 
Heyse aufgedeckt, dessen »Deutsche Grammatik« sich überhaupt dadurch 
auszeichnet, daß sie grammatische Gesetze und Formen weitmöglichst aus 
sinnlogischen Verhältnissen herleitet. Es ist seine Erklärung der Tempora, 
die mich allererst auf die eigentliche Ursache des kategorialen Unterschiedes 
zwischen Aussage und fiktionalem Erzählen aufmerksam machte, obwohl 
Heyse selbst wie alle anderen Grammatiker vor und nach ihm keineswegs 
diesen Unterschied erkannt hat. 
Wenn Paul und Behaghel nur von der Relation der Tempora zur Gegen 
wart sprechen, so wird nun bei Heyse der Begriff der Gegenwart dadurch 
vertieft, daß hinzugefügt wird: »Gegenwart bzw. der gegenwärtige Augen 
blick des redenden Subjekts« 61 . Dadurch kommt Heyse zu viel schärferen 
Unterscheidungen der drei Hauptzeiten Präsens, Präteritum, Futurum. 
Diese werden als »subjektive Tempora« bezeichnet, weil »sie die Handlung 
oder den Vorgang schlechthin, d. h. ohne innere Begrenzung nach den 
Momenten ihres Verlaufs, in die Gegenwart, Vergangenheit oder Zukunft 
des redenden Subjekts setzen«. Mit dem Begriffe des >redenden Subjekts< 
hat also Heyse das Aussagesubjekt in die Tempusdefinition, damit aber in 
das Zeit- oder (was dasselbe ist) Wirklichkeitssystem eingeführt. Umgekehrt 
bedeutet dies, daß das Aussagesubjekt als ein in der Zeit existierendes, d. h. 
60 H. Paul, Deutsche Grammatik, Bd. IV, Halle 1920, S. 65 
61 Ch. A. Heyse, Deutsche Grammatik, 29. Aufl., Hannover 1923, S. 314
	        

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