Full text: Die Logik der Dichtung

64 
daß der spätere Leser ein anderes Zeitverhältnis zu dem Inhalt des Berichtes hat 
als sein Verfasser, weist diesen Inhalt als einen Wirklichkeitsbericht aus, der 
der Frage nach dem Wann unterstellt ist oder werden kann. Dieses Wann kann 
nur von der jeweils mit dem Bericht beschäftigten Ich-Origo her gefragt wer 
den. Alles Vergangene (im weitesten Sinne alles Geschichtliche) bezieht sich 
wie alles Gleichzeitige und Zukünftige auf >mich<, ist in meine Vergangenheit, 
Gegenwart oder Zukunft gesetzt, auch wenn die vergangenen, gegenwärtigen 
oder zukünftigen Ereignisse nichts mit meinem individuellen persönlichen Ich 
zu tun haben. Die Möglichkeit der Frage nach dem Wann eines Ereignisses 
beweist dessen Wirklichkeit und als Frage damit die Anwesenheit einer Ich- 
Origo, sei es einer explizite oder implizite anwesenden. Das Präteritum einer 
Wirklichkeitsaussage bedeutet, daß das Berichtete vergangen ist, oder, was 
dasselbe besagt, von einer Ich-Origo als vergangen gewußt ist. 
Untersuchen wir nun das Imperfekt der Fiktion. Wir nehmen an, daß der 
Satz »Herr X war auf Reisen« in einem Roman steht. Unmittelbar spüren wir 
daß er nun seinen Charakter ganz verändert hat. Wir können die Frage nach 
dem Wann nicht mehr stellen, und dies selbst dann nicht, wenn etwa ein Datum 
genannt sein würde, etwa: im Sommer 1890. Mit oder ohne Datumangabe 
erfahre ich aus dem Romansatz nämlich nicht, daß Herr X auf Reisen war, 
sondern daß er auf Reisen ist. Ganz ebenso verhält es sich mit dem Satz über 
Friedrich den Grqßen, wenn er uns in einem Fridericusroman begegnet. Und 
zwar obwohl es sich hier um eine historische Persönlichkeit handelt, von deren 
Existenz in der Wirklichkeit, einer für uns Heutige um 200 Jahre zurückliegen 
den Vergangenheit, wir wissen. Auch der Romansatz »Der König spielte jeden 
Abend Flöte« teilt uns nicht mit, daß er dies damals, vor 200 Jahren tat, son 
dern daß er es jetzt tut. Der Satz, der in Kuglers »Geschichte Friedrichs des 
Großen« auf die Erzählung von Friedrichs Flötenspiel bei den Abendkonzer 
ten folgt: »Zur bestimmten Stunde trat er, die Noten unter dem Arm, in das 
Konzertzimmer und verteilte die Stimmen .. .«, läßt dies besonders deutlich 
erkennen: als Satz des Geschichtswerkes teilt er Vergangenes mit, als Roman 
satz schildert er eine >gegenwärtige< Situation. Die grammatische Form des 
Imperfekts verliert ihre Funktion, uns über eine Vergangenheit der mitgeteil 
ten Fakten zu informieren. 
Dieser Umstand aber erklärt sich nicht bloß psychologisch, aus unserem 
Leseerlebnis. Dieses würde sich nicht einstellen, wenn es nicht seine strukturell 
bestimmten logischen und erkenntnistheoretischen Ursachen hätte. Und diese 
näher zu erkennen, sind wir denn auch nicht auf das bloß subjektive Symptom 
unseres Leseerlebnisses angewiesen. Sondern es ist ein echtes objektives Sym-
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.