Full text: Die Logik der Dichtung

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St.-Rochus-Festes, wo der Wechsel von Präsens mit dem Präteritum so wahllos 
ist — »die Prozession kommt bergauf« ... »Ein rotseidener Baldachin wankte 
herauf« —, daß keines der beiden Tempora für sich den Vorrang der Ver 
lebendigung vor dem andern hat, ohne daß das Bewußtsein, daß dieses Reise 
erlebnis aufgeschrieben ist, nachdem es stattgefunden hat, verlorengeht. Denn 
weil hier das Geschilderte als Selbsterlebtes dargeboten wird, d. h. der Ich-Er 
zähler sich als anwesend darstellt (welches das Wesen jeder Ich-Erzählung ist, 
einer echten oder fingierten), beziehen wir das Erlebte auf ihn und seinen damali 
gen Ort in seiner Vergangenheit. Im autobiographischen Bericht wird das Zeit 
bewußtsein nicht durch das historische Präsens verändert, so sehr es gerade 
hier — darin scheinen mir Wunderlich-Reis völlig im Rechte zu sein — anzeigt, 
daß der Erzähler sich lebhaft in das vergangene Erlebnis zurückversetzt und 
es dadurch sich selbst und dem Empfänger vergegenwärtigt. Denn in der per 
sönlichen Erinnerung fällt die lebhafte Vorstellung mit dem Gefühl des Da 
mals und Früher zusammen, und wird sie erinnernd reproduziert, fällt sie 
wiederum mit dem Jetztpunkt des Sicherinnerns und Wiedererlebens zusam 
men. Die ausschließlich existentielle Bedeutung und Funktion der Erinnerung 
(die höchstens in metaphorischem Sinne auf andere geistige Vorgänge, etwa 
des Wissens, übertragen werden kann) macht sich auch in der Erhellung des 
historischen Präsens geltend. 
Denn dieses zeigt sich schon in einem objektiven historischen Dokument 
ganz verändert. Ein Beispiel aus einem modernen (als solchem allen Forderun 
gen modernen Geschichtsunterrichts für die Oberstufe entsprechenden) Lehr 
buch der Geschichte sei hierher gesetzt, das fast durchweg in historischem 
Präsens abgefaßt ist: 
Mit Umsicht führt Barbarossa den erneuten Zusammenschluß mit der Reichskirche herbei. 
Er benützt jedes Recht, das ihm nach dem Wormser Konkordat zusteht, um die deutschen 
Kirchenfürsten wieder fest in die Hand zu bekommen . . . Gleichzeitig erneuert der König 
das . . . Regalien- und Spolienrecht der Krone . . . Nach dieser vorläufigen Festigung der 
deutschen Verhältnisse zieht Friedrich 1154 nach Rom, um sich die ihm im Vorjahr bereits 
zugesagte Kaiserkrone zu holen. Die Fahrt durch Ober- und Mittelitalien zeigt ihm den vollen 
Umfang der Schwierigkeiten, die . .. (Geschichte unserer Welt II, 1947) 
Worin besteht der Unterschied dieses historischen Präsens zu dem des auto 
biographischen Beispiels? Beides sind Wirklichkeitsaussagen. In beiden ist 
eine reale Ich-Origo, ein Aussagesubjekt, vorhanden. Aber die objektiven bzw. 
objektiv geschilderten Sachverhalte des Geschichtsbuches sind (relativ) objek 
tiv darum, weil sie als von dem Aussagesubjekt unabhängig, nicht von ihm 
selbst erlebt dargestellt werden. Zwar hat das Aussagesubjekt, der Historiker,
	        

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