Volltext : Sitzungs-Protokolle / Verein für Baukunde in Stuttgart (1874)

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den  Baldachinen  über  den  Statuen,  von  welchen  einige  förmliche
Modelle  von  zierlichen  gothischen  Eathedralen-Chören  mit  dem  charakteristischen ­
  französischen  Kapellenkranze  sind,  während  doch  in
jener  Zeit  schwerlich  auch  nur  ein  solcher  Kapellen-Chor  in  Deutschland ­
  vollendet  war.  Die  Anlage  ist  übrigens  in  mehrfacher
Hinsicht  außerordentlich  unregelmäßig,  der  Grundriß  ist  ausfallend
verschoben  und  ungleich  in  den  Maaßen,  auch  der  Aufbau  und  die
Konstruktion  sind  nicht  frei  von  auffallenden  Unpünktlichkeiten.  Bei
alledem  wirkt  das  Bauwerk  sehr  anziehend,  auch  gewährt  es  reichliche ­
  Belehrung.  —  Seit  1856  ist  die  Kirche,  Dank  der  Einsicht  der
hessischen  Oberbaudirektion,  solid  restaurirt.  Einige  nicht  geschickte  Einzelnheiten
  die  dabei  unterlaufen  sind,  fallen  ohne  Zweifel  nur  den  Bauführern ­
  zur  Last.  Egle  schließt  mit  der  Besprechung  noch  weiterer
Einzelnheiten.
Am  Schlüsse  dieser  interessanten  Mittheilungen  dankt  der  Borsitzende ­
  Herrn  v.  Egle  für  dieselben  und  drückt  seine  Freude  über
die  Leistungen  der  Bauschule  und  die  hiedurch  erreichten  Studien
und  für  weitere  Kreise  sehr  werthvolle  Publikation  aus,  was  die
Mitglieder  durch  Erhebung  von  ihren  Sitzen  bestätigen.

Vierzehnte  ordentliche  Sitzung  vom  21.  Noveniber  1874.
Vorsitzender:  Oberbaurath  v.  Schlierholz.
Schriftführer:  Prof.  Teich.nann.
Anwesend  21  Mitglieder  und  1  Gast.
Herr  Architekt  Gerok  wird  vom  Vorsitzenden  als  Gast  eingeführt. ­

Verlesung  und  Genehmigung  der  Protokolle  der  vorletzten  und
letzten  Sitzung.
Herr  Prof.  Beyer  zeigt  Aufnahmen  in  natürlicher  Größe
vor  von  den  ornamentalen  0  lasmalereicn  im  Maaßwerk  des  großen
Fensters  im  Chor  der  Kirche  des  Klosters  Bebenhausen,  und  gibt
hiezu  einige  Erläuterungen.
Das  sehr  schöne  Steinwerk  dieses  prächtigen  Fensters  (von
Or.  Leibnitz  in  seiner  Beschreibung  des  Klosters  Bebenhausen
ausführlich  behandelt)  ließ  der  Abt  Conrad  von  Lustnau  im  Jahre
1335  einsetzen.  Das  ganze  Fenster  war  mit  Glasmalereien  ausgefüllt, ­
  wovon  leider  nur  die  obern  Theile  im  Maaßwerk  noch
erhalten  sind.  Diese  Malereien,  die  mit  Ausnahme  von  4  Wappen, ­
  nur  aus  Pflanzenornamenten  bestehen,  zeigen  eine  große  Mannigfaltigkeit ­
  in  der  Erfindung  und  sind  von  der  zartesten  Ausführung. ­
  Was  die  Zeit  betrifft,  in  der  sie  entstanden  sein  werden,
so  dürfen  sie  wohl  der  Mitte  des  15.  Jahrhunderts  angehören,
wofür  besonders  der  Umstand  spricht,  daß  bei  dem  Wappen  der
Grafen  von  Wirtemberg  (der  Schirmherrn  des  Klosters)  auch  das
Wappen  der  Grafschaft  Mömpelgard  vorkommt,  welche  erst  im
Jahre  1444  mit  Wirtemberg  vereinigt  wurde.
Der  Vorsitzende  dankt  für  die  Mittheilung  dieser  interessanten
und  mühevollen  Arbeit  und  bittet  um  weitere  Vorlagen  über
das  Kloster  Bebenhausen,  mit  dessen  Restauration,  insbesondere  des
schönen  Sommer-Refectoriums  der  Vortragende,  desgleichen  beschäftigt ­
  ist.
Herr  Prof.  Dollinger  zeigt  Zeichnungen  des  fürstlich  hohenlohischen
  Schlosses  Neuenstein:  Aufnahmen  und  Photographien  von
älteren  Theilen,  worunter  eine  besonders  schöne  Thüre  in  deutscher

Rennaissance,  ferner  Entwürfe  zu  Restaurationsarbeiten.  —  Eine
neue  Thüre,  sowie  ein  neues  schmideisernes  Gitter  zu  einer  älteren
Thüre  sind  in  Natura  ausgestellt.  —  Die  sehr  schön  ausgeführten
Holzschnitzereien  sind  von  Bildhauer  Glos  hier,  die  übrigen  Holzarbeiten ­
  von  Schrcinermeister  Schwan,  das  Beschläge  von  unserem
Mitglied  A.  Stotz,  das  Gitter  von  Schlossermeister  Heinrich
hier  gearbeitet,  bezüglich  des  letzteren  nur  bedauert  wird,  daß  die
Gitterstäbe  nicht  durchschläuft,  sondern  nur  übereinander  geschmiedet ­
  sind.
Derselbe  zeigt  weiter  Zeichnungen  des  Gasthofs  zum  g>  'denen
Löwen  in  Biberach,  eine  Perspektive  des  Speisesaals  mit  sichtbarer
Holzkonstruktion  (Häng-  und  Sprengwerk).  Die  Felder  der  Wände
sind  mit  Malereien,  auf  die  verschiedenen  Getränke  bezüglich,  von
Sieger  in  Wien  gemalt,  ausgeschmückt,  welche  in  Photographie
vorliegen.
Deßgleichen  Zeichnungen  des  architektonischen  Unterbau's  zu
dem  in  Ausführung  begriffenen  Schillcrmonument  in  Marbach  von
Bildhauer  Rau
unv  endlich  eine  Probe  von  weißem  Marmor  aus  Sterzing
in  Tyrol.  Die  Brüche  sind  Eigenthum  unseres  Landsmanns  Werkmeister ­
  Ziegler  von  Aulendorf,  der  den  Marmor  in  Blöcken  bis
zu  100  C/  zu  3  fl.  9  kr.  per  Kubikschuh  franko  hierher  liefern
kann.  Der  Marmor  ist  wetterbeständig,  wie  ein  aus  dem  14.
Jahrhundert  stammendes  Kirchenportal  in  Sterzing  und  einige  über
100  Jahre  alte  Statuen  im  Garten  von  Schönbrunn  beweisen.
In  seiner  Danksagung  bittet  der  Vorsitzende  um  Nachahmung
des  dankenswerthen  Vorgangs:  ausgeführte  Arbeiten  zur  Ausstellung ­
  im  Verein  zu  bringen,  was  namentlich  auch  deßhalb  von
Werth  ist,  weil  bessere  Handwerksmeister  dadurch  den  Mitgliedern
bekannt  gemacht  und  empfohlen  werden.
Endlich  ladet  der  Vorsitzende  zu  der  Morgen  Mittags  3  Uhr  stattfindenden ­
  Besichtigung  der  Johanniskirche  unter  Führung  von
Herrn  Oberbaurath  v.  Leins  ein.

Besichtigung  der  Johanniskirche  in  Stuttgart.
Sonntag  den  22.  Novbr.  1874.
Der  freundlichen  Einladung  durch  Herrn  Oberbaurath  v.  Leins
entsprechend,  besuchten  trotz  Schnee  und  rauher  Witterung  Mittags
3  Uhr  dreißig  Vereinsmitglieder  in  Wiederholung  einer  früheren  Einsichtnahme ­
  die  im  Bau  begriffene  Johanniskirche  in  Stuttgart.
Zunächst  wurden  in  der  Bauhütte  die  Plane  zur  Kirche,  die
massenhaften  Details  und  die  Gypsmodelle  zu  den  ornamentirten
Bautheilcn,  Wasserspeiern  rc.  re.  besichtigt,  welche  Herr  v.  Leins
in  eingehendster  Weise  erläuterte.
Die  Wanderung  durch  die  Kirche  selbst,  welche  bei  unserem
ersten  Besuche  nur  bis  zur  Hälfte  der  Höhe  der  Umfassungswände
gediehen  war,  zeigte  nunmehr  den  Bau  im  Aeußern  vollendet,  sowohl
das  Kirchengebüude  selbst  als  auch  der  westlich  über  dem  Haupteingang ­
  sich  erhebende  Thurm.
Der  Bau  hat  im  Grundriß  die  Kreuzform  mit  wenig  vorspringendem ­
  halbachteckigem  östlichen  Chorausban,  den  die  Sakristei
mit  ihren  Nebenräumen  uin  giebt  und  ist  bekanntlich  auf  einer  Halbinsel ­
  gelegen,  welche  westlich  an  die  Guttenbergstraße  stößt  und
von  drei  Seiten  durch  den  sogenannten  Feuersee  umfaßt  wird,  dessen
            
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