Full text: Sitzungs-Protokolle / Verein für Baukunde in Stuttgart (1874)

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Restaurateur Deschler in Augsburg. Das eine dieser Wandge 
mälde stellt Christus am Kreuze und die beiden Schächer, das an 
dere den Leichnam des vom Kreuze abgenommenen Heilandes im 
Schoße seiner jungfräulichen Mutter — eine wahre Pietü — dar. 
So schön und erhaben dieses Gotteshaus sich von Innen und 
Außen repräsentirt, es ermangelt eines Hauptschmuckes, nemlich 
eines Thurmes. Ob sein Meister es in dieser thurmlosen Gestalt 
in seinem Geiste bei seinem Entwürfe sich gedacht hat, ist kaum 
denkbar! Ob und wie aber, darüber schweigen unsere Archive. 
An der nördlichen nach Osten zugewandten Wandfläche zur 
Seite des Chorbogens steht geschrieben, daß 1497 in der Nacht 
des Charfreitags die beiden Thürme eingestürzt seien. — In einer 
der südlichen Chorkapellen hängt ein auf Holz gemaltes Tableau, 
welches die .Kreuzkirche darstellt und zwar wie dieselbe durch irgend 
einen Unfall großen Schaden gelitten hat und die Bauleute im 
Begriffe sind, denselben wieder auszubessern. Diese Tafel, eine 
sogen. Ablaßtafel, trägt die Jahrzahl 1503. — Auch in dem 
Repertorium des städtischen Archives findet sich die Lade im Kgl. 
Staatsarchiv in Stuttgart verzeichnet, in welcher sich zwei Ablaß 
briefe zum Besten des Wiederaufbaues der eingestürzten Thürme 
befinden sollen. 
Trotzdem wurde immer wieder Zweifel erhoben, ob die Kirche 
je mit Thürmen versehen gewesen sei, da die ganze Anlage nicht 
darauf hinweise. Diese Frage hat ihre endgiltige Beantwortung 
bei einer neuen Beplattung des Fußbodens in der Kirche gefunden. 
An jener Stelle, welche bei ausgeprägten Kreuzkirchen die Vierung 
genannt wird, näherhin an den beiden Endpunkten des Querbak- 
kens des Kreuzes, fanden sich nemlich nach Wegnahme der alten, 
schadhaften Platten die Fundamente der ehemaligen beiden Thürme. 
Von hier aus, also dem Innern der Kirche, vor der Sacristei 
einer- und der Taufkapelle andererseits erhoben sie sich, um das 
Gewölbe und das Dach zu durchbrechen und in ganz mäßigem 
Umfange und ganz bescheidener Höhe ihr Haupt wohl kaum über 
den First des Daches zu erheben, auf welchem jetzt ein ganz or 
dinärer Dachreiter den beiden kleinen Glocken zur Behausung dient. 
Gerade aber diese Fundamente dieser beiden Thürmchen weisen in 
Verbindung mit der ganzen Grundanlage auf Einen Hauptthurm 
an der Westfa?ade hin, wie bei den Münstern in Ulm, Frei 
burg rc. rc. 
Zur Wiederherstellung des Aeußern wurden etwas über 
60,000 fl. aus den Mitteln der Kirchenpflege verwendet; 35,000 fl. 
für das Innere einzig und allein aus den milden Beiträgen der 
edlen Bürgerschaft der Stad Gmünd. 
2) Zur Restauration der S. Johanniskirche. 
Trotz dieser vielen und großen Opfer und der nicht abge 
schlossenen Vollendung der Restauration der Kreuzkirche wurde den 
noch auch an eine Wiederherstellung der zweihundert Jahre mehr 
zählenden Johanniskirche gedacht. Glich die Kreuzkirch einer bild 
schönen Jungfrau mit geschmackloser, alterthümlicher Gewandung, 
so bot die Johanniskirche das betrübende Bild eines an seinen 
edelsten Gliedern verstümmelten Organismus. Ende des zwölften 
Jahrhunderts begonnen und somit im Rundbogen als dreischiffige 
Basilika erbaut, hat sie bis zu ihrer jetzigen Wiederherstellung zwei 
Hauptperioden durchgemacht: sie wurde im Laufe der Zeit gothisirt 
und sodann verzopft in des Wortes vollstem Sinne. Durch die 
Gothisirung wurden die Sargwände der niederen Nebenschiffe er 
höht; neben die kleinen kaum eine Spanne breiten, schießscharten 
artigen Lichtöffnungen traten große, hohe und breite Spitzbogen 
fenster mit Maßwerken; die den alten Basiliken so charakteristische 
Apsis ward verdrängt durch einen gothischen Chor; an Stelle'der 
ebenso zierlichen als höchst einfachen Lichtgaden über den Arkaden 
bögen des Hochschiffes waren unschöne, ochsenaugenartige Lichtlöcher 
angebracht; die Pultdächer der Nebenschiffe, welche das Ganze so 
lebendig gliedern, hatten einem großen, allgemeinen, alle 3 Schiffe 
zugleich deckenden Satteldache Platz gemacht und so dem so reich 
gegliederten Bau die Gestalt einer alten Zehentscheuer gegeben. 
Nur an der Westfayade fanden sich noch einige Spuren von den 
originellen plastischen Thier- und Menschengebilden. 
Noch mehr aber seines ursprünglichen Charakters beraubt war 
das Innere dieses altehrwürdigcn Gotteshauses. Von oben bis 
unten, vom Altar bis zum Portal war Alles mit einem Stuck 
mantel überzogen, in dessen aufgewirbeltem Gefälte der Wind 
der damaligen Tage sich festgesetzt hatte. Der erste Versuch, 
den bösen Geist zu bannen, wurde mit Entfernung eines aus 
Stuck und Latten gebildeten Pseudocapitäls auf Veranlassung 
des verstorbenen Landesconservators, Herrn Professors und Ober- 
Studienrathes Häßler in Ulm gemacht. Doch der erste 
lebensfähige Impuls zur Inangriffnahme einer Wiederherstellung 
der Johanniskirche verdankt seine Quelle einer Aufnahme und Dar 
stellung der Kirche in ihrer ursprünglichen Formation von Seite 
des Württembergischen Alterthumsvereins und gebührt dieses Ver 
dienst Herrn Oberfinanzrath Paulus und dessen Herrn Sohn, 
Dr. Eduard Paulus, Nachfolger des Herrn Dr. Häßler als 
königlicher Landesconservator. Kaum war das höchst interessante 
Bild, durch Herrn Architekt H e t t i ch aufgenommen und entworfen, 
vor Augen getreten und der schon so lange Zeit glimmende Funke 
ward zur Flamme angefacht! Die bürgerlichen Collegien gaben 
ihre Zustimmung; Stadtbaumeister Stegmaier unterzog sich mit 
anhaltendem Fleiße der mühevollen und gewagten Arbeit; Kirchen 
pfleger Kraus hat durch sein amtliches Interesse und seinen regen 
Eifer seinen Namen als Vorstand der fabrica eeclesiae für immer 
mit dem schönen Baumonument verbunden. Aber auch die beiden 
Steinmetzen, die Gebrüder Oechsle, Lorenz und Franz 
Josef, sowie Steinmetz Paul Wagner, welcher die Thierge 
stalten entwarf und meisterhaft stylgcmäß fertigte, sollen hier nicht 
ungenannt bleiben, besonders ersterer als Quasipaliers. 
Die erste Versuchstation war die Oeffnung eines Lichtgaden 
des mittleren Hochschiffcs an der nordwestlichen Ecke, 24. Mai 
1869. Alles geschah ohne Vorlage eines ausgearbeiteten Plans, 
Alles nur schrittweise, um imnier nur auf dem Elfund des Ur 
sprünglichen zu fußen, wie solches nach Entfernung des Fremd 
artigen auch nur schrittweise zu Tage trat. Je tiefer jedoch die 
Restauration griff, desto mehr stieß man auf bauliche Schäden, 
welche der Stuckmantel dem Auge entzogen hatte. Vor allem be 
durfte es eines ganz neuen Dachstuhls an Stelle des alten, der 
durch seine Construktion die Wände eher auseinander geschoben, als 
zusammengehalten hatte. Ueberdieß war er so wurmstichig und 
morsch, daß er keinem Nagel mehr Festigkeit bot. 
Die schwierigste Frage war jedoch der in baulicher Beziehung 
ganz gut erhaltene gothische Chor. Soll er bleiben? Soll auch 
mit ihm tabula rasa gemacht werden? Die Ansichten der ge
	        

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