Volltext : Sitzungs-Protokolle / Verein für Baukunde in Stuttgart (1876)

die  Darsiellung  der  bekannten  Anekdote  von  Arestotcles  anschließt,
alle  auf  die  Macht  der  weiblichen  Reize  sich  beziehend.
Das  zweite  Bild  zeigt  3  Felder  mit  Schach-,  Brett-  und
Kartenspiele,  im  4.  die  Musiker  eines  Festzugs.
Das  3.  Bild  einen  Hahnentanz,  Ausritt  zur  Jagd  und
eine  Kneiperei.  Die  Farben  der  Bilder,  welche  aus  dem  Jahr
1537  sind,  seien  blaß,  aber  die  Zeichnung  desto  schöner.
2)  Einen  Entwurf  zu  einem  Kricgermonument  für  den
Marktplatz  in  Pforzheim;  derselbe  ist  aus  einer  Conkurrcnz  verschiedener ­
  anderer  Künstler  für  die  Ausführung  ausgewählt
worden.  Eine  Germania  mit  Schwert,  Schild  und  Kaiserkrone
steht  auf  rundem  Postament  mit  Kricgsemblemen,  dieses  auf
einem  vierseitigen  Unterbau,  dessen  Ecken  mit  Adler  bekrönt  sind
und  auf  dem  die  Siegcstage  des  badischen  Heeres  verzeichnet  sind.
Die  Figuren  sind  Entwürfe  des  verstorbenen  Bildhauer  Rau
hier,  der  architektonische  Theil  ist  von  Herrn  Dollinger;
Postament  wird  von  Sandstein,  die  Germania  und  der  Adler
in  Bronze,  Gitter  und  Kandelaber  in  Eisen  ausgeführt.
3)  Entwurf  zur  Restauration  der  Fa^ade  des  Rathhauses
in  Tübingen;  dieselbe  ist  ursprünglich  ein  unverputzter  Fachwerksbau ­
  aus  dem  15.  Jahrhundert,  im  vorigen  Jahrhundert
verputzt  und  bemalt.  Eine  wesentliche  Abänderung  ist  nicht
beabsichtigt,  in  dem  unteren  Stockwerk  bleiben  die  Spritzenrcmisen,
  in  dem  mittleren  die  städtischen  Kanzleien,  im  oberen
der  große  Rathsaal,  insbesondere  wird  die  Fenstereintheilung
in  keiner  Weise  geändert,  dagegen  ein  neuer  Verputz  mit  Sgrasfitomalereien
  erstellt.  Diese  zeigen  allegorische  Figuren,  Frieden
und  Wissenschaft,  in  einem  Friese  die  Porträts  bedeutender
Tübinger  Größen,  ein  Standbild  Eberhard's  im  Bart  als  Stifter
der  Universität,  und  endlich  die  Reichs-,  Landes-  und  Stadtwappen,
  oben  befindet  sich  eine  Stundenuhr  und  eine  astronomische ­
  Uhr.  —
Dieser  Entwurf  findet  großes  Interesse  des-  Vereins  und
giebt  zu  eingehenden  Besprechungen  Veranlassung;  der  Herr
Vorsitzende  spricht  dem  Herrn  Prof.  Dollinger  den  warmen
Dank  und  die  Anerkennung  für  seine  sehr  fleißigen  Mittheilungen
an  den  Verein  aus.
Achte  ordentliche  Versammlung  vom  22.  April  1876.
Vorsitzender:  Oberbaurath  v.  Schlierholz,
Schriftführer:  Professor  Teichmann.
Anwesend  28  Mitglieder.
Herr  Binder  verliest  das  Protokoll  der  letzten  Sitzung,
das  genehmigt  wird.
Der  Vorsitzende  theilt  mit,  daß  die  K.  Centralstelle  für
Gewerbe  und  Handel  sich  erboten  hat,  den  Versandt  von  kunstgewerblichen ­
  Gegenständen  für  die  Ausstellung  in  München  zu
besorgen.
Der  Vorort  des  Vereins  der  Architekten  und  Ingenieure
macht  aufmerksam  aus  einen  Aufsatz  von  Prof.  Baumeister
in  Karlsruhe:  „der  Verein  der  Architekten  und  Ingenieure  und
die  Reichsgesetzgebung",  worin  die  Vereine  aufgefordert  werden,
ein  allgemeines  deutsches  Rcichsbaugesctz  anzustreben  und  bei
den  Reichsbehörden  dafür  zu  wirken.  Der  Aussatz  wird  verlesen.
Nach  einer  Debatte,  in  welcher  die  Herren  v.  Schlierholz, ­
  v.  Egle  und  Silber  gegen  ein  derartiges  Vorgehen  sich
anssprcchen,  weil,  da  wir  erst  vor  Kurzem  unser  langersehntes
Baugcsetz  erhalten  haben,  daher  auch  kein  wesentliches  Interesse
an  dem  Vorschlage  haben  können,  wogegen  aber  Herr  Rheinhard
  die  Mängel  unserer  Gesetze  namentlich  in  Bezug  auf
Wasser-  und  Fluß-Recht  hervorhebt  und  mit  Beispielen  belegt,
und  daher  der  Antrag  von  Herrn  vr.  Weyrauch:  daß  das
Reich  eben  nur  da  einzuschreiten  habe,  wo  die  Interessen  mehrerer
Staaten  gleichzeitig  in  Frage  kommen,  wie  z.  B.  für  ein  längst
ersehntes  Wasserrccht,  aber  in  Fragen,  welche  nur  innere  Angelegenheiten ­
  betreffen,  die  Landcsgcsetze  genügen  —  allgemeine
Zustimmung  erhält.
Der  Vorsitzende  erneuert  seine  Einladung  an  die  Mitglieder, ­
  morgen  Mittag  die  nun  fertige  Johanneskirche  unter
der  Führung  ihres  Baumeisters  Herrn  v.  Leins  zahlreich,

ebenso  nachher  den  neuen  Liederhallesaal  zu  besuchen  und  in
letzterem  Locale  einen  fröhlichen  Abend  zuzubringen.
Der  Kirchenbauverein  stellt  5  Karten  zur  Einweihung  der
Johanneskirche  auf  den  30.  April  dem  Verein  zur  Verfügung.
Diese  Freundlichkeit  wird  verdankt  und  der  Ausschuß  eingeladen,
den  Verein  bei  dieser  Festlichkeit  zu  vertreten.
Vortrag  von  Herrn  Binder  über  die  Rutschungen  der
linksufrigen  Zürichseebahn  bei  Horgen  siehe  Beilage  1.  Der
Vorsitzende  spricht  den  Herren  Prof.  Schleebach  in  Winterthur
und  Obcringenicur  Moser  in  Zürich,  welche  die  Materialien
zu  diesem  Vortrag  geliefert  haben,  sowie  dem  Herrn  Referenten
den  Dank  des  Vereins  aus.
Ueber  die  im  Fragekasten  gefundene  Frage:
„Welche  Einrichtungen  sind  zu  treffen,  um  das  Einfrieren ­
  der  gewöhnlichen  Abtrittgrubcn  und  Abfallrohre  zu
verhindern,  und  welches  ist  das  beste  Material  für  die  Abfallröhren?" ­

ist  Herrn  Prof.  Silber  das  Referat  ertheilt  und  er  läßt  sich
darüber  vernehmen  wie  folgt:
Es  liegt  nahe,  daß  gegen  das  Einfrieren  von  Kloaken  in
erster  Linie  wirksam  ist  eine  möglichst  gute  Verwahrung  der
Tröge  nach  außen,  wie  auch  nach  innen,  d.  h.  sowohl  des  ivcgen
des  Entlercns  außerhalb  dem  Gebäude  liegenden  Theils,  als
des  im  Gebäude  befindlichen;  wie  diese  Vorsichtsmaßregeln  zugleich ­
  auch  gute  Mittel  sind,  um  die  Verbreitung  des  Geruchs
abzuhalten.  Die  Verwahrung  nach  außen  läßt  sich  verhültnißmäßig
  sehr  leicht  zu  einer  dreifachen  gestalten,  indem  zuunterst,
unmittelbar  auf  dem  Trog  (sei  dieser  gemauert,  aus  Beton,
oder  aus  Stein,  oder  aus  Platten  hergestellt)  ein  Dieleubodcn
gelegt,  sodann  in  einen  Falz  des  Trottoirs  oder  sonstigen  steinernen ­
  Einfassung  eine  eiserne  Platte  eingelegt  wird.  Der  Abstand ­
  zwischen  diesen  beiden  von  ca.  25—30  cm.  besteht  in  der
Ausfüllung  mit  einem  porösen  Material.  Ueber  die  eiserne
Platte  läßt  sich  sodann  leicht  für  den  Winter,  oder  wo  es  nicht
hinderlich  ist,  auch  für  Sommer  und  Winter  ein  Bretterkästchen
aufsetzen,  das  gleichfalls  mit  Stroh,  Loh,  Hobelspähnen  oder
derlei  auszufüllen  ist.  Der  nach  innen  gelegene  Theil  der
Kloaken  kann  mit  doppeltem  Plattenbodcn  und  Sandfüllung  dazwischen ­
  abgedeckt  oder  überwölbt  werden  und  in  letztem  Fall
eine  Sandschüttung  und  Plattcnboden  darüber  erhalten.
Ein  Eintauchen  des  Schlauchs  bis  nahe  auf  die  Sohle  der
Grube  oder  etwa  in  eine  weiter  oben  der  Mündung  des
Schlauchs  vorgehängte  eiserne  Schüssel  ist  mit  Rücksicht  auf  das
etwaige  Einfrieren  nicht  günstig,  wie  Referent  aus  Erfahrung
weiß,  und  wie  er  auch  ein  günstig  erwartetes  Resultat  von
dieser  Vorkehr  gegen  Geruchabhaltung  nicht  gefunden  hat.  Ebenso
kann  jede  Art  von  Ventilation,  die  man  der  Grube  giebt,  nicht
als  Vortheilhaft  für  die  Wärmehaltung  angesehen  werden,  da
sie  immer  frische,  also  im  Winter  kalte  Luft  zur  Grube  führen
wird.  Doch  dürfte  es,  wie  für  die  Ventilation,  so  auch  in
Betreff  der  Erkaltung  der  Grube  vortheilhafter  sein,  einen  besondern ­
  Ventilationsschlot  anzuordnen,  statt  den  Abtrittsschlauch
selbst  bis  über's  Dach  zu  führen.
Als  nützlich  gegen  Abkühlung  des  Schlauchs  und  damit
auch  der  Grube  ist  ferner  anzuführen  eine  Verwahrung  des
Schlauchs  in  den  Abtritten  der  Stockwerke  mit  Getäfel  und
Strohverwahrung;  ferner  gute  Verschlüsse  der  Sitzdcckel,  da
häufig,  namentlich  wo  die  Fenster  offen  gelassen  werden,  eine
Abkühlung  von  den  Abtritsräumen  aus  auf  Schläuche  und
Grube  stattfindet.  Als  zweckmäßige  Sitzdeckel  sind  diejenigen
sehr  empfehlcnswerth,  welche  Flaschner  Zaiser  hier  (Maricnstraße)
  fertigt  und  welche  mit  Kautschukringcn  versehen  und  mit
Schlempen  am  Sitz  befestigt  werden.  Als  Ventilationsmündungen
empfiehlt  Referent  die  Hovorth'schcn  Ventilatoren  oder  die  Wolpcrtschcn
  Luftsauger  nicht  allein  als  sehr  zweckmäßig  in  Betreff
ihres  Hauptzweckes,  als  auch  deßhalb,  weil  diese  beiden  keinen
Luftstrom  oder  Windstoß  von  oben  nach  unten  gelangen  lassen.
Eine  weitere  zweckmäßige  Verwahrung  endlich  gegen  Eindringen
kalter  Luft  vom  Abtritt  aus  durch  Sitz  oder  Deckel,  wie  gegen
Ausströmen  übler  Dünste  ist  eine  Klappe,  welche  noch  über  dem
Sitzdeckel  angebracht  werden  kann.
            
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