Full text: Sitzungs-Protokolle / Verein für Baukunde in Stuttgart (1879)

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Achte ordentliche Versammlung vom 19. April 1879. 
Vorsitzender: Oberbaurath v. Schlierholz. 
Schriftführer: Baumeister Lang. 
Anwesend: 3t Mitglieder. 
Der Vorsitzende stellt das neu aufgenoniniene Mitglied 
Herrn Ingenieur Statb der Gesellschaft vor. 
Herr Ingenieur Fleischhauer in Oberndorf ist durch 
Herrn Baurath Leib brand zur Aufnahme in den Verein als 
auswärtiges Mitglied vorgeschlagen und wird einstimmig auf 
genommen. 
Die Protokolle der sechsten und siebenten Versammlung 
werden verlesen und genehmigt. 
Eingelaufen sind: Der Bericht über die Rechnungsergeb 
nisse und den Vermögeusstand der Stadt Stuttgart pro 
1. Juli 1877/78 von Herrn Oberbürgermeister vr. v. Hack, dem 
dafür der Dank des Vereins ausgesprochen wird, ferner eine 
Probe-Nummer der Romberg'schen Zeitschrift für praktische 
Baukunst und mehrere Probe-Nummern der Wochenschrift des 
Architekten-Vereins zu Berlin; endlich das Referat über die 
Haftpflicht der Bautechniker vom Architekten- und Ingenieur- 
Verein zu Hannover, welches dem Vorsitzenden der hiesür ge 
wählten Kommission, Herrn Professor Laißle, zur weiteren 
Behandlung mit dem Ersuchen um baldige Erledigung über 
geben wird. 
Der Vorsitzende trägt sodann als Vorstand der Kommis 
sion für die vom Verband gestellte Frage: „Was für Er 
fahrungen mit Betonbauten tm Hoch- und Ingenieur-Wesen 
sind im Vereinsgebiete bisher gemacht? Wie stellen sich die 
Kosten der Herstellung und Unterhaltung von Betonbauten 
gegenüber sonstigen Bauausführungen?" den sehr ausführlichen 
Bericht dieser Kommission vor (vgl. Beil. 3), zu welchem 
außer der Kommission noch die Veretnsmitglieder Herren 
Baurath Kaiser hier, Baurath Kraft in Ravensburg, 
Bauinspektor Rheinhard, Professor Tafel und Baron 
v. König hier, Bauinspektor Bossert in Ehingen und 
Schneider in Leutkirch, sowie die Nichtmitglieder Südd. 
Immobilien-Gesellschaft Blaubeuren, Fabrikant Merkel in 
Eßlingen und Fabrikant Spohn in Ravensburg Beiträge ge 
liefert habeu. 
An dieses Referat schließt sich eine lebhafte Debatte an. 
Professor Walter theilt mit, daß er mit Cementdach 
platten günstige Erfahrungen gemacht habe und daß sie auch 
Stürme gut ausgehalten haben, während v. Schlierholz 
und Rheinhard bemerken, daß bei Gebäuden im Blauthale, 
da sie zu leicht seien, der Wind solche Dachplatten leicht 
umlege. 
Bauinspektor Rheinhard ist der Ansicht, daß Erschütter 
ungen auf den Beton nicht so schädlich wirken, w'e im Referat 
erwähnt sei und führt als Beispiel hiesür die bei Zwiefalten 
dorf von ihm ausgeführte Brücke an, welche schon acht 
Tage nach der Herstellung des Betongewölbes dem Ver 
kehr übergeben und mit schweren Lasten befahren worden sei. 
Auch sei das Feuchtwerden der Betonwände leicht zu verhüten, 
wenn man für gehörige Ventilation während der Zeit des 
Austrocknens sorge und deshalb sei die im Referat vorge 
schlagene Dicke der Wände von 0,4 in Minim, überflüssig. 
Gebr. Müller in Mochenwangen haben sogar Riegelwände 
von 0,15 m Dicke in Beton ausgeführt, der keine Feuchtigkeit 
durchgelassen habe. 
Dagegen sei ein Hauptnachtheil des Beton seine gute 
Wärmeleitung und deshalb empfehle es sich für Wohnräume 
Doppelmauern mit inneren Hohlräumen herzustellen um von 
den äußeren Temperaturverhältnissen weniger zu leiden. 
v. Schlierholz erwähnt, daß er die schädlichen Einflüsse 
von Erschütterungen im Referate wesentlich nur auf die hoch 
gelegenen Dachüberwölbungen der Bahnwärterhäuser bezogen 
habe, nicht auf Erschütteruugen, die von oben her drückend 
auf die Gewölbe wirken, auch sei erwähnt, daß gute Ventilation 
eine wesentliche Bedingung für trockene Wände gegen Jnnen- 
räume seien. 
Banmeister Lang findet, daß man den Romancement gegen 
über Portlandcement gar zu sehr zurückstelle, auch der letztere 
sei nicht absolut sicher und in Gegenden, wo die natürlichen 
Cementsteine in guter Mischung vorhanden seien, lasse sich der 
Romancement sehr wohl verwenden, wie die seit einer Reihe 
von Jahren ausschließlich iu Romancement ausgeführten 
Dohlenbauten in Ulm und die Hochbauten in Reutlingen 
beweisen. Auch seien erwähnenswerth die von der Reutlinger 
Cementfabrik gelieferten Schiefercementsteine, welche sich 
gegenüber den Backsteinen dadurch auszeichnen, daß sie ein 
größeres Format (25/12,5 cm) zulassen und also das Versetzen 
der Steine rascher und wohlfeiler wird, daß sie spezifisch 
leichter, mindestens ebenso tragfähig, feuer- und witterungs 
beständig und bei gleicher Transportweite ebenso billig als 
Backsteine seien. 
Genauere Daten wird Lang auf Wunsch des Herrn Vor 
sitzenden noch beibringen (vgl. Beil. 3). 
v. Schlierholz betont die Zweifelhaftigkeit des Roman- 
cements nach seiner und anderen Erfahrungen aus dem Grunde, 
daß die Mischungsverhältnisse der natürlichen Cementsteine bei 
uns stark variiren und daher das einemal ein ganz vorzüg 
liches, das anderemal ein weniger gutes Fabrikat resultire, 
während man bei Portlandcementen, deren Bestandtheile künst 
lich gemischt werden, eine Garantie für das richtige Misch 
ungsverhältniß erlangen könne und nach dem Stande der 
Fabrikation auch erhalte. 
v. Morlok theilt über die Wasseralfinger sogenannten 
Schlackensteine mit, daß sie aus einer Mischung von 3 Theilen 
granulirter, aus 2 Theilen gemahlener Schlacke des Coaks- 
hochofens und aus 1 Theil mageren und Hydraulischen Kalks 
aus Dewangen zusammengesetzt, sorgfältig gemischt, in Back 
steinformat gepreßt und hierauf über 2—3 Monate der Lust 
ausgesetzt und getrocknet werden. 
Diese Schlacke zerfällt in körnige Theile, indem sie bei 
ihrem Ausfluß aus dem Hochofen über Wasser geleitet wird, 
und bildet so die körnige — granulirte — Schlacke, welche in 
dem angegebenen Verhältniß gemahlen ehe sie gemischt wird. 
Im Wesentlichen besteht diese Schlacke aus 
ca. 42 Theilen Kieselsäure 81 0* 
„ 37 „ Kalkerde C 0 
„ 10 „ Alaunerde Al 0 3 
„ 3 „ Bittererde, 
einigem Eisenoxyd rc. 
Von dem Fabrikanten wird angenommen, daß die Schlacke 
mit dem hydraulischen Kalke eine Verbindung eingeht, welche 
ähnlich wäre derjenigen, welche durch die Zusammensetzung 
hydraulischen Kalks mit Traß gewonnen wird, und welche in 
früherer Zeit bei Wasserbauten und sonst in Anwendung ge 
kommen war, wo jetzt die Cemente verwendet werden. 
Von Chemikern wird diese Auffassung nicht überall getheilt; 
Redner aber bestätigt, daß die also gefertigten Steine schon 
vielfach bei Hoch- und Wasserbauten verwendet worden sind 
und sich gut und — wenigstens bis jetzt — über 4—5 Jahre 
dauerhaft erwiesen haben, so u. A. bei einigen Dohlen an 
der Wasseralfinger Grubenbahn. Er ist der Meinung, daß sie 
unbedenklich an geschützten Orten, bei Hochbauten rc. und mit 
einiger Vorsicht auch an exponirten Stellen in Verwendung 
genommen werden können. Der Preis derselben ist pr. Mille 
30—33 Mark, ihr Gewicht — 7 Pfund pr. Stück, das Stück 
250—120 und 65 mm messend. 
Weiter gibt v. Morlok Auskunft über die Zusammensetzung 
der bei Reutlingen aus hydraulischem Kalk und aus den Rück 
ständen des zur Gewinnung von Oel destillirten Posidonien- 
schiefers zu Bausteinen. Ueber deren Preise und Verhalten 
ist er aber nicht in der Lage eingehendere Mittheilung zu 
machen. 
Betreffs der bei Betongewölben häufig vorkommenden 
Risse möchte es der Herr Oberbaurcnh für zweckmäßig halten, 
entweder das Material als Gewölbstetne zu formen oder die 
einzelnen Lagen immer so aufzubringen, daß sie nornial zur 
Gewölbefläche liegen und die Form von richtigen Gewölb- 
steinen erhalten. Da eventuell die Risse nach diesen Lagen
	        

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