Full text: Sitzungs-Protokolle / Verein für Baukunde in Stuttgart (1879)

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kommen, als solche von Holz, aber das hängt theils von 
örtlichen und temporären Verhältnissen ab, theils von der Art 
der Konstruktion, z. B. der Größe der Spannweite, theils 
kann dies auch nur in relativem Sinne als richtig gelten, 
indem man die verhältnißmäßig längere Dauer und Unzerstör 
barkeit der Eisenkonstrnktion mit in Rechnung zieht, was eben 
in der gewöhnlichen Praxis, bei gewöhnlichen, aber gerade der 
größeren Zahl von Bauten leider nicht in entsprechendem 
Maße zu geschehen pflegt. 
Es unterliegt keinem Zweifel, daß bei uns in Deutschland 
das Holz eben im Allgemeinen verhältnißmäßig noch billiger 
ist als das Eisen. Hiegegen dürfte allerdings in direkter Weise 
schwer anzukämpfen sein, wenn nicht, was übrigens fast sicher 
zu erwarten, die Preisverhältnisse sich in Zukunft für das 
Eisen noch günstiger gestalten werden, namentlich durch Ein 
führung zweckentsprechender (d. h. besserer und tragsähigerer und 
somit auch billigerer) Profile von Seite der Eisenwerke, dies 
zugleich in deren eigenem Interesse, wie das in Belgien und 
England z. B. schon längst der Fall ist, und wird es weiter 
Sache der Techniker selbst sein, sich mit den Lehren der tech 
nischen Mechanik immer auf vertrautem Fuße zu befinden, da 
eben die passenden Dimensionen bei Eisenkonstruktion sich nicht 
so leicht durch bloße noch sehr junge Erfahrung oder durch 
praktisches Gefühl bestimmen lassen, das vermöge der viel 
hundertjährigen Erfahrungen in Holz und Stein wohl der Fall 
sein kann; oder sollten da und dort eigene technische Bureaux 
errichtet werden, in denen gegen angemessenes Entgelt die 
nöthigen Berechnungen angestellt werden, wie das z. B. in 
Paris bereits der Fall ist und auch in Deutschland da und 
dort bereits angebahnt wird. 
Sodann gibt es ja doch eine Menge Fälle, wie z. B. 
öffentliche Bauten, Eisenbahn-Hochbauten, bessere Privatbauten, 
größere Viehstallungen, industrielle Anlagen der verschiedensten 
Art. Magazinsbauten, größere Gerüste rc., wo jene relative 
größere Wohlfeilheit in Anbetracht der viel längeren Dauer 
von Eisenkonstruktionen zur absoluten werden kann, in Betracht 
der denkbaren zu Folge der Unhaltbarkeit und Verbrennlichkeit 
der Holzkonstruktion später nothwendig werdenden kostspieligen und 
vielleicht in hohem Grade störenden Wiederherstellungen derselben. 
Wir halten diesen Punkt für sehr wichtig und erblicken 
hierin für jeden einsichtigen Techniker einen bedeutenden Sporn 
für die von demselben in Betracht zu ziehende Wahl von 
Eisenkonstruktionen gegenüber von solchen in Holz. Es kommen 
hiebei auch noch andere Punkte in Betracht, die auf den 
Kostenpunkt bezüglich der Eisenkonstruktion mindernd einzuwirken 
und ihn gegenüber von Holz- oder Steinkonstruktion mehr aus 
zugleichen geeignet sind, wie z. B. schwächere Umfassungs-, 
Widerlags- und Fundamentmauern; wenn allerdings vielleicht 
auch nicht gerade in dem Grade, wie das schon manchmal behauptet 
worden, insofern die Stabilitätsverhältnisse derselben eben auch 
ihre Berücksichtigung verlangen und der Techniker hiebei nicht 
riskiren darf, mit der durch die gewählten Eisenkonstruktionen 
gesuchten größeren Dauerhaftigkeit durch daraus gefolgerte allzu 
geringe Mauerstärken so zu sagen vom Regen in die Traufe 
zu kommen. Es liegen in dieser Beziehung schon vielfache 
sehr schätzenswerthe Arbeiten vor, die Anleitung zu vergleichen 
den Betrachtungen geben können, wie z. B. in den verschiedenen 
neueren Lehrbüchern über Eisenkonstruktionen, in der schon 
oben berührten Abhandlung von Daelen und in einem erst 
kürzlich erschienenen Buche von Meiners: „das städtische 
Wohnhaus der Zukunft". Indem wir uns hiemit erlauben, 
hierauf hinzuweisen, erachten wir es deshalb nicht als Zweck 
dieser Zeilen, auf einzelne Punkte näher einzugehen, eine 
förmliche Abhandlung über Spezialkonstruktionen zu schreiben. 
Im klebrigen wird wohl jeder gebildete Techniker, der auf 
wissenschaftlichem Boden steht, selbst hiefür urtheilsfähig genug 
fein; für diesen bedarf es wohl kaum eines Anreizes in dieser 
Beziehung. 
Dagegen aber dürfte es sich als sehr zweckmäßig erweisen, 
der großen Anzahl solcher Techniker, welche eine wissenschaft 
liche Bildung nicht genossen haben, aber mitten im praktischen 
Leben stehen und weitaus die größere Zahl der gewöhnlicheren 
Wohnhaus- und anderen Bauten in Händen haben, in pas 
sender Weise eine Anregung und Anleitung zu geben zu rich 
tigem Verständniß und richtiger sachgemäßer Behandlung der 
Eisenkonstruklion. Hiezu erachten wir nun eine entsprechende, 
diesen Zweck vor Augen habende Abhandlung über das We 
sentlichste der Eisenkonstruktion als das wirksamste Mittel. In 
dieser Abhandlung müßte eine leichtfaßliche, wo möglich po 
pulär gehaltene, für jeden mit den nöthigen Schulkenntnissen 
ausgestatteten Techniker verständliche Theorie der gewöhnlichen 
im praktischen Leben vorkommenden Eisenkonstruktionen mit 
Aufstellung einer einfachen Berechnungsart bezüglich der Trag 
kraft, der praktischen Anwendbarkeit, namentlich auch des Ko 
stenpunktes ine Vergleich zu den dasselbe Ziel anstrebenden 
Holz- oder Steinkonstruklionen nöthigenfalls im Zusammen 
hang mit anderen hierauf bezüglichen Betrachtungen itiib Rech 
nungen über Mauer- und Widerlagsstärken u. s. w. gegeben 
werden. Dieser Abhandlung müßten, entweder in unmittel 
barem Zusammenhang damit oder besser vielleicht in einer 
besondern selbständigen Abtheilung eine Menge gut und an 
schaulich in Wort und Zeichnung dargestellter Beispiele beige 
geben werden, die aus dem unmittelbaren gewöhnlichen prak 
tischen Leben gegriffen, besonders zur Nacheiferung anmuthen 
und auffordern sollten, so daß der Techniker so unmittelbar 
als möglich das für seinen Fall Passende finden, und mit nur 
verhältnißmäßig geringer Modifikation anwenden könnte; hie 
bei wären aber alle abnormen, der höhern monumentalen 
Architektur entnommenen Konstruktionen als nicht hieher ge 
hörig auszuschließen. 
Eine solche eben genannte ganz vortreffliche Abhandlung, 
was wenigstens den theoretischen Theil betrifft, ist erst kürzlich 
im Buchhandel erschienen, betitelt I. G. Jntze, Prof, am 
Polytechnikum in Aachen, welche, wie der Vorrede zu entneh 
men, eben zu dem genannten Zwecke aus Veranlassung der 
selben Frage, wie sie schon im Jngenieurverein zu Aachen auf 
gestellt worden, eigens geschrieben worden ist. 
Es dürfte sich also vielleicht nur darum handeln, dieselbe 
in der erwähnten von einem gewandten, zugleich küustlerisch ge 
bildeten Konstrukteur abzufassenden Beispielsammlung entspre 
chend zu illustriren und noch leichtfaßlicher und zur unmittel 
baren Handhabung für den einfachen, nicht höher geschulten 
Hochbautechniker geeignet zu machen, um es so zu ermöglichen, 
auf die große, fast ausschließlich in Händen der meist nicht 
mit den theoretischen Kenntnissen ausgestatteten landstädtischen 
Baumeister, Werkmeister rc. befindliche Privatpraxis bei ge 
wöhnlichen Wohn- und andern Gebäuden im Sinne der ver 
mehrten Einführung des Eisens in den Hochbau einzuwirken. 
Außerdem aber dürfte es Sache der sämmtlichen technischen 
Lehranstalten sein, die heranzuziehende Jugend, in deren Hän 
den die zukünftige Technik liegt, entsprechend zu unterrichten; 
ebenso Sache der höher stehenden gebildeten Staats- und 
städtischen Techniker, von sich aus durch Beispiel und persön 
liche Aufmunterung und Einwirkung sowohl bei ihren Fach 
genossen, als namentlich auch bei Behörden, Privaten, bei 
Bauherren, in öffentlichen Blättern, durch Publikation entspre 
chend vorzugehen und die Anwendung des Eisens aus allen 
für dasselbe sprechenden, oben berührten und auch nicht be 
rührten Gründen, namentlich was größere Leichtigkeit, Soli 
dität, Feuersicherheit u. s. w. betrifft, zu empfehlen. 
Zur Beurkundung: 
Stuttgart, den 16. Februar 1879. 
I. Schlierholz, 
Vereinsvorstand.
	        

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