Full text: Sitzungs-Protokolle / Verein für Baukunde in Stuttgart (1879)

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theilung des Drucks bedeutender Radlasten, andererseits wird 
aber der Zusammenhang des ganzen Straßenprofils durch 
das Aufreißen für Gas- und Wasserleitungszwecke häufig 
gestört, und deshalb dürfte hier weder die günstigste Er 
fahrung, daß nämlich eine Lastvertheilung auf die ganze 
Straßenbreite hin stattfindet, noch die durch Herrn Raurath 
Leibbraud's Versuche sich ergebende ungünstigste Druck 
wirkung (nahezu vertikal abwärts) ausschließlich anzunehmen 
sein. Die Letztere nur in dem praktisch seltenen Fall, daß 
das Aufreißen der Straße direkt über derjenigen Stelle des 
Gewölbes geschehen würde, welche den ungünstigsten Belastuugs- 
fall repräsentirt. 
Demgemäß wurde für die Stabilitätsuntersuchung des 
Gewölbes außer der ungünstigsten Annahme, daß nämlich der 
Druck der Walze sich nur auf ihre Breite und eine Länge 
von 50 cm vertikal abwärts fortpflanzt, auch noch der Fall 
in Rechnung gezogen, daß der von vertikalen Ebenen begrenzte 
Druckkörper bei gleicher Breite eine Länge von 100 cm besitze*) 
und als sich für diese Annahmen zeigte, daß die Drucklinie 
beidemal erst in der Nähe des linkseitigen Widerlagers das 
Gewölbe verließ, war noch die neue Frage zu beantworten, 
ob das umgebende Erdreich der hieraus sich ergebenden seit 
lichen Verschiebung des Widerlagers Widerstand entgegensetze 
oder nicht, m. a. W. ob dieser Erdkörper sich neutral verhalle, 
aber als weiche Masse sich leicht zusammenpressen lasse, also 
keinen Widerstand entgegensetze, oder ob derselbe einen Seiten 
druck (aktiven Erddruck) auf das Widerlager ausübe, der der 
Stabilität günstig wäre, oder endlich, ob der Erdkörper als 
starre Masse sich jeder Verschiebung der Widerlager widersetze, 
also unbegrenzten seitlichen Schub aushalten könne, wodurch 
die Stabilität vollkommen gesichert erscheinen würde. 
Bei der Beschaffenheit des letteuartigen Auffüllungs 
materials in der Böblingerstraße, das insbesondere bei feuchtem 
Wetter teigartig werden könnte, muß wohl die ungünstigste 
Annahme als die wahrscheinlichste erscheinen und der Berech 
nung zu Grunde gelegt werden. Doch wurde eine zweite 
Drucklinie auch für aktiven Erddruck gezogen, welche bei 100 cm 
Länge des Druckkörpers eine genügende Stabilität des Ge 
wölbes ergeben würde. 
Die theoretische Untersuchung erstreckte sich demgemäß auf 
folgende Fälle: 
Zunächst wurde durch verschiedene Versuche diejenige 
Stellung der Dampfwalze ermittelt, welche den für die Sta 
bilität des Gewölbes ungünstigsten Seitenschub liefert. 
Das Gewicht der Walze iin Dienst ist 500 Ctr., es ver 
theilt sich zu auf jede hintere Walze und zu '/„ auf die 
zwei vorderen zusammen. Die Breite der hinteren Walzen ist 
70 cm, die Radlast also -jj- g tr _ 8333 kg. 
1) Ungünstigster Fall. Die Radlast vertheilt sich 
auf die Breite der Walze und nur 50 m Länge. Die um 
gebende Erde ist zusammenpreßbar und übt keinen aktiven 
Erddruck aus. Hiebei ergibt sich ein Klassen der Kämpferfuge 
und der ihr benachbarten Fugen, sowie ein Verschieben des 
Widerlagers, so daß also ein Einsturz des Gewölbes stattfinden 
müßte. 
2) Wahrscheinlicherer Fall, daß der Druckkörper 
100 cm Länge hat. Das Resultat ist ähnlich wie bei Fall 1, 
nur findet geringerer Druck statt. 
3) Wie Fall 2, aber mit aktivem Erddruck. Die 
Drucklinie bleibt ganz im Gewölbe und Widerlager, tritt aber 
so weit aus dem mitlleren Fugendrittel, daß wenigstens ein 
Klaffen der Fugen ani Fundament und damit ein Auswaschen 
der Fugen durch das Kanalwasser eintreten könnte, wofern 
nicht mit gutem Cementmörtel gemauert wurde, der 
den geringen entstehenden Zug auszuhalten im Stande ist. 
*) Die Länge der gedrückten Stelle ist abhängig vom Rad 
durchmesser und der Diese des Einsinkens in den Schotterkörper und 
wird bei den ersten Walzengängen größer sein, als bei späteren. 
In letzterem Fall erscheint die Stabilität der Anlage ge 
sichert, der Druck pro gcm steigt allerdings bis zu 30 kg 
pro gern, doch würde das Befahren durch die Walze un 
bedenklich sein. 
In gleicher Weise wurde auch die Untersuchung für ein 
Gewicht der Walze von nur 400 Ctr. (wie die Bestellung 
eigentlich verlangte) geführt. Die Erscheinungen sind ähnliche 
wie bei 1, 2 und 3, nur äußern sich die Drücke in viel gerin 
gerem Maße, ja bei Fall 6 märe gar kein Bedenken mehr 
vorhanden. Auf einzelne Fugen trifft die Drucklinie zwar 
ziemlich schief, doch ist ein Verschieben der Steine dabei nicht 
zu befürchten, da der Reibungswiderstand hiegegen vollkommen 
sichert. 
Resumc. Demnach würde das Befahren des Gewölbes 
durch die Dampfwalze für neu zu bauende Straßenstrecken 
unzulässig, für ältere Strecken mit comprimirter Vorlage aber 
wenigstens bedenklich erscheinen. Sobald man aber eine Druck- 
verthcilung auf eine größere Fläche des Schotterkörpcrs an- 
ninlmt, was bei älteren Straßenstrecken sicher zu erwarten ist, 
würde sich eine genügende Stabilität ergeben, und da letztere 
Annahme größere Wahrscheinlichkeit für sich hat als die erstere, 
so wäre ein Versuch mit der Walze auch im Interesse der 
Wissenschaft, die hier noch keine genügenden Anhaltspunkte 
bietet, sehr dankenswerth. 
Unglücksfälle sind bei dem Befahren mit der Walze nicht 
zu befürchten, da kein plötzlicher Einsturz zu erwarten ist; es 
würden event, höchstens einige Kosten für Reparaturen dadurch 
entstehen. 
Der Vorsitzende dankt Herrn Lang für seinen anregenden, 
durch Zeichnungen erläuterten Vortrag und fordert bei der 
Wichtigkeit des Gegenstandes zu einer Diskussion über den 
selben auf. 
Herr Baumeister Dobel ist der Ansicht, daß der Druck 
der Walzen sich entsprechend der Tieflage des Gewölbs unter 
der Straßenoberfläche auf eine größere Breite vertheilen und 
der Druck im Gewölbe selbst kleiner sein werde, als der von 
Herrn Lang berechnete, wogegen Herr Lang darauf aufmerk 
sam macht, daß er die ungünstigsten Annahmen gemacht habe, 
um für alle Fälle sicher zu gehen. 
Herr Stadtbaurath Kaiser theilt mit, daß die Dampf 
straßenwalze schon thatsächlich über das Gewölbe gefahren sei, 
ohne daß sich irgend welche Beschädigungen desselben gezeigt 
hätten, eine nochmalige und häufigere Belastung habe er 
jedoch ohne vorausgegangene eingehende Untersuchung der 
Stabilitätsverhältnisse nicht für gerathen gehalten. Es sei 
für ihn von großem Werth, die Ansicht der anwesenden Vereins 
mitglieder zu erfahren. 
Bei der weiteren Besprechung des Gegenstandes, au 
welcher sich die Herren Oberbaurath v. Schlierholz, Ober 
baurath v. Hänel, Professor Weyrauch, Bauinspektor 
Kn oll und Bauinspektor Rh ein Hardt beteiligen, kommt 
die Ansicht zur Geltung, daß für den Druck der Walzen auf 
das Gewölbe eine größere Breite angenommen werden könne, 
daß auch der Erddruck, wenigstens der aktive Erddruck berück 
sichtigt werden müsse und daß das Gewölbe unter diesen 
Voraussetzungen wohl hinreichende Stabilität besitzen werde; 
jedenfalls werde bei weiteren Belastungsversuchen nicht sofort 
eine Beschädigung derselben zu befürchten sein. Versuche 
hierüber werden allgemein als höchst wünschenswerth bezeichnet 
und Baumeister Lang erbietet sich, bei etwaigen Probefahrten 
die Erscheinungen innerhalb des Gewölbes zu beobachten. 
Schließlich werden verschiedene Zeitschriften, welche in 
mehreren Exemplaren vorhanden und daher theilweise für die 
Bibliothek entbehrlich sind, zum Verkauf gebracht, ein Resultat 
aber nicht erzielt. 
Der Schriftführer: 
Knoll.
	        

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