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Beil. 1, zur 15. Versammlung, mit Zeichnuugsbeilage 2.
Wolizen, gesammelt auf einer Weise nach Italien,
von Professor Lnisfte,
und mitgetheilt in der 15. Versammlung am 22. November 1879.
Zwei Hauptrouten gehen nach Italien, der Brenner, seit
1867 überschient und die Gotthardstraße, welche der Vollendung
eines Schienenwegs erst in einigen Jahren entgegensieht. Ich
habe den Gotthard zur Hinreise und den Brenner auf der
Heimfahrt benutzt. Von Flüelen an bis Innsbruck (Matrei)
betrat ich hiebei niegesehenes Gebiet.
Die Schwierigkeiten, mit welchen die Gotthardbahn in den
letzten Jahren zu kämpfen hatte, dürften bekannt sein, nachdem
das Unternehuien nunmehr in finanzieller Beziehung wieder
gesichert ist, sind die Zufahrtslinien zum Gotthard energisch in
Angriff genonnnen worden, während seither nur der große Tunnel
iveiter betrieben wurde. Diese Linien beiderseits des Paßes
gehören wohl zu den interessantesten Bahnen, welche je gebaut
worden sind, und mögen einige Notizen hierüber am Platze sein,
um zum Besuch derselben während der Bauzeit einzuladen.
In Arbeit war damals die Strecke von Brunnen über
Flüelen-Gotthard, und Gotthard (Airolo) bis zum Anschluß an
die schon fertige Strecke Biasca-Locarno. Die Anschlußlinie
Luzern-Brunnen oder Theile derselben sind seither, soviel ich
weiß, ebenfalls in Angriff genommen worden.
Tie Gotthardbahn baut nördlich nur Jmmensee-Brunnen
weiter, der Tunnel unter dem Goldauer Sturz, obgleich schon
begonnen, unterbleibt; die Nordostbahn muß zum Anschluß an
Jmmensee die Linie Rothkreuz-Jmmensee Herstellen.
Als Vollendungstermin ist das Jahr 1882 bestimmt, so
daß der Tunnel jedenfalls früher fertig wird, an dem Durchschlag
des Stollens bis Februar 1880 ist wohl nicht zu zweifeln.
Mit in Luzern niitgenommener Legitiination besuchten wir
zuerst die Strecke Brunnen-Flüelen; die Felsen steigen senkrecht
aus dem Urnersee auf, nur hier und da schmale Vorländer.
Die Straße (Arenstraße) ist häufig aus der senkrechten
Wand galerieartig ausgesprengt, mit überhängender gefahrdrohender
Decke (s. Zeichnungsbeil. 2, Fig. 1), oder geht durch unausgemauerte
Tunnels, die Bahn war noch schwieriger zu situiren
und enthält die ganze Strecke Brunnen-Flüelen 60 Prozent
Tunnels, welche theilweise unausgemauert bleiben sollen. —
Das Gestein, ein Kalkstein, der Kreideformation angehörig
lNeocom), ist in einzelnen Schichten sehr fest, es ist deut Gebirge
aber stark niitgespielt worden, die Schichten stehen häufig auf
dem Kopf uud sind stellenweise ineinandergewickelt wie Kuchenteig.
Zu den Kunstbauten verwendet man die rauhen Kalksteine
der nebenliegenden Felswand, wobei man sich nicht genirt, die
Straßenwände anzuschießen und den Ueberhang noch gefahrdrohender
zu gestalten, oder aber Granitfindlinge, welche
in zienilicher Ausdehnung au flacheren Terrainstellen sich vorfinden.
Wer diese vom Gotthard hieher getragen, ist unbekannt,
wahrscheiitlich Gletscher. Aus den kleinen unlagerhaften Kalksteinen
wird mit Verwendung hydraulischen Kalks ein schlecht
aussehendes, aber brauchbareslMauerwerk ü22Frcs. —17,60 Mk.
pro Kubikmeter hergestellt (gegenüber 30 bis 35 Mk. bei uns).
Von regelmäßigen! Haupt oder Lager ist aber keine Spur zu
sehen, der Hammer das einzige Instrument, keine Schichte abgeglichen.
Das Granitmauerwerk ist besser, da die Steine, wenn
auch nicht regelmäßiger, doch größer sind. Es ist anzuerkennen,
daß die Ingenieure der Gotthardbahn ihre Aufgabe, das vorhandene
Material passend zu verwenden, richtig aufgefaßt haben.
Mit den Vorschriften für Mauerwerk, wie sie in Württemberg
bestehen, wäre die Gotthardbahn nach meiner festen Ueberzeugung
ganz unausführbar.
Eine gefährliche Stelle bietet noch der Uebergang der Bahn
über den Grünbach unterhalb Flüelen. Der Schuttkegel des- -
selben ist ca. 1 Kilometer breit, die Unterführung mittelst
eines Tunnels zu theuer, und geht man über denselben weg,
wobei allerdings ein Durchbruch des Planums nicht zu den
Unmöglichkeiten gehört (vergl. Hellwag, Gotth. S. 62). Tie
Arbeiten der Strecke Brunnen-Flüelen sind an eine französische
Gesellschaft vergeben und machen die Einrichtungen keinen günstigen
Eindruck: Schlechte Holzgerüste, unpraktische Rollbahnen
und eine drakonische Disciplin für die Arbeiter.
Von Flüelen bis Biasca mit dein Gotthardpaß haben wir
die eigentliche Gebirgsbahn vor uns, und ist zunächst das Trace
interessant, das von dem Expertenproject bis heute mehrere !
Wandlungen durchgemacht hat, welche sich principiell von einander
unterscheiden.
Da es sich nur um das Princip handelt, so möge die
südliche Seite als die charakteristische behandelt werden: Das :
Thal hat von der Tuniielstation Airolo bis zur Einmündungs- ;
statiou Biasca ca. 22 pro Btille mittleres Gefälle (s. Figur 2
der Tafel 2), also weniger als das Maximalgefälle der Bahn
(25 pro Mille), eine directe Linie wäre somit denkbar. — Da
aber das Thal nicht gleichmäßig fällt, sondern 3 durch steile
Abstürze getrennte Stufen bildet, so erforderte diese directe Linie
bei Dazio grande einen langen Tunnel unter dem Tessin und
die Passirung ausgedehnter sehr beweglicher Schutthalden in
der untersten Stufe. Es hat deßhalb schon Gerwig vorgeschlagen,
auf die directe Linie zu verzichten, und eine Kehre
oberhalb Giornico einzulegen. Aber auch dann fällt die Linie
zwischen Giornico und Dazio noch nicht günstig, die Bahnhöfe
Faido und Lavorgo liegen hoch am Hang und hat nun Hellwag
das Trace derart verändert, daß die Bahn möglichst in die Thalsohle
verlegt wird, und die steilen Abfälle des Flußes durch
Doppelkehren überwunden werden (s. Längenprofil). Diese
erhalten dann im Grundriß die allerdings noch nie dagewesene
Form von Vollkreisen (vergl. Fig. 3u. 4, Zeichnungsbeil. 2),
die immer paarweise vorhanden sind. Es werden bei der großen
Enge des Thals selbstverständlich Kehrtunnels von 1200 bis
1500 m Länge nöthig, sonst aber geht daun die Bahn in verhältnißmäßig
ebenem Terrain hin, ivobei Tunnels sich auf Unterführung
von Wildbächen und Lawinenhalden, oder Durchschneidung
vorspringender Bergköpfe reduciren. Die Ansicht von
solchen Doppelkehren ist aber beim jetzigen Stand der Arbeiten
ganz verwirrend, man braucht längere Zeit, bis man sich die
ringsum zerstreuten, in verschiedener Höhe liegenden Tunnelmündungen
zusammenreimt.
Die beiden genannten Thalabstürze bei Dazio und Giornico,
sowie der auf der nördlichen Seite liegende Pfaffensprung unterhalb
Wasen sind noch dadurch intereffant, daß der Fluß (Tessin
und Reuß) in enger Felsenschlucht dahinstürzt, von 20 m aus
2 m zusammengedrängt wird, wodurch für die Serpentinen der
Straße nur mit Mühe Raum geschafft werden konnte.
Die Bahnarbeiten sind auf der ganzen Länge in Angriff,
einzelne Kunstbauten uud Dämme schon fertig, bei den Tunnels
erst der Stollen in Angriff genommen.
Die Kunstbauten sind überall aus Granit oder Gneiß
(von in nächster Nähe zu findenden Gesteinen) hergestellt, auf