Volltext : Sitzungs-Protokolle / Verein für Baukunde in Stuttgart (1881)

Die  Stadtbahn  beginnt  am  Niederschl.  Märk.  Bahnhof,  geht
entlang  der  Spree  und  dem  Königsgraben  zur  Königsstraße  und
mit  Ueberschreitung  der  Spree  zur  Friedrichsstraße  in  einer  Entfernung ­
  von  nur  300  in  von  den  Linden,  übersetzt  wieder  die
Spree,  den  Humboldthafen  und  den  Lehrter  Bahnhof,  geht  bei
Schloß  Lollovuo  auf  das  rechte  Spreenfer  zurück,  durchschneidet
den  Thiergarten  unweit  des  neuen  Polytechnikums  und  mündet  in
der  Nähe  Charlottenburgs  wieder  in  der  Ringbahn  ein.  Bahnhöfe
sind:  Königsstraße,  Spandauerbrücke,  Friedrichsstraße,  Lehrter-Bahnhof,
  Zoologischer  Garten.  Daß  die  Durchschneidung  des  Thiergartens ­
  soweit  gegen  Eharlottenburg  verschoben  wurde,  ist  auf
Befehl  des  Kaisers  geschehen.  Außer  diesen!  Lokalverkehr,  für
welchen  die  Ringbahn  2  Geleise  erhält,  soll  aber  auch  ein  externer
Verkehr  eingerichtet  werden  derart,  daß  von  jedem  Bahnhof  der
Stadtbahn  aus  ein  Anschluß  an  die  Züge  derjenigen  Hauptbahnen
eingerichtet  werden  soll,  welche  an  die  Stadtbahn  anschließen.
Vorerst  sind  5  der  Hauptbahnen  in  Aussicht  genommen:  die
östlichen:  Niederschl.  Märkische  und  Ostbahn,  die  westlichen:
Hamburg,  Lehrter  und  Potsdam-Magdeburg  (Berlin  Wetzlar).
Der  Verkehr  soll  nun  so  eingerichtet  werden,  daß  ein
Wagenwechsel  wegfällt,  was  man  dadurch  erreicht,  daß
für  die  westl.  Bahnen  auf  den  Vorstationen  Spandau  und  Potsdam ­
  die  Züge  in  2  Theile  getheilt  werden,  wovon  der  eine  in
den  Stammbahnhof  einläuft,  der  andere  aber  auf  besonderem
Anschlußgeleise  in  die  Stadtbahn  geführt  wird,  sämmtliche  Stationen
derselben  anläuft  und  in  deni  Endbahnhof  (Niederschl.  Märkische
Bahn)  endigt.  Ebenso  wird  der  abgehende  Zug  ans  2  Theilen
zusammengesetzt,  der  eine  vom  Stammbahnhof  ausgehend,  der
andere  in  die  Stadtbahn  einlaufend,  beide  werden  dann  in  Potsdam ­
  resp.  Spandau  vereinigt.  Einrichtungen  dieser  Art  bestehen
seit  längerer  Zeit  in  London,  wie  überhaupt  bei  der  Berliner
Anlage  das  Vorbild  von  London  mehrfach  benützt  ist.
Für  diesen  äußeren  Verkehr  erhält  die  Bahn  2  besondere
Geleise,  welche  mit  dem  localen  Geleise  gar  nicht  verbunden  sind.
Ter  Verkehr  auf  beiden  Geleiscpaaren  wird  ein  grundsätzlich  verschiedener ­
  sein,  bezüglich  der  Lokalzüge  reiner  Omnibusverkehr
ohne  Gepäckabfertigung,  beim  externen  Verkehr  dagegen  vollständiger ­
  Betriebsdienst  niit  Eilgutbeförderung.
Die  Externbahnhöse  werden  durch  die  neue  Einrichtung
bedeutend  entlastet,  der  Hauptinternationalverkehr  wirft  sich  auf
die  paar  Centralbahnhöfe  im  Herz  der  Stadt,  so  namentlich  den
Bahnhof  Königsbrücke  und  Friedrichsstraße,  und  geht
hieraus  der  Werth  des  neuen  Centralhotels  neben  dem  letztgenannten ­
  Bahnhof  hervor.  Ob  freilich  die  Stadtbahn  durch  die
vielen  Züge  nicht  ungebührlich,  überlastet  wird  und  passende  Fahrpläne ­
  noch  möglich  sein  werden,  ob  nicht  am  Ende  nur  einzelne
der  Externenzüge  die  Stadtbahn  benützen  werden,  muß  die  Zeit
lehren.
Die  Bahnanlage  selbst  weicht  in  vielfach  er  Beziehung
von  andern  Bahnausführungen  ab:  Das  Planum  liegt  selbstverständlich ­
  in  der  ganzen  Länge  von  13  km  über  dem  Straßenniveau ­
  und  mit  Ausnahme  eines  kleinen  Anschlußstücks  bei
Charlottenburg  auf  fortlaufenden!  Viadukt,  dessen  flache  Stichbogen ­
  aus  Backsteinen  gemauert  sind,  nur  die  vielfachen  Straßenund
  Flußübergänge  werden  durch  eiserne  Brücken,  Fachwerk,
sowohl  als  Bogenträger  von  Eisen  und  Stein  überspannt.
Auf  architektonische  Schönheit  machen  die  Bauten  keinen
besonderen  Anspruch,  sie  sehen  so  nüchtern  als  möglich  aus,  sind
aber  dadurch  im  höchsten  Grade  interessant,  daß  von  den  üblichen
Konstruktionssystemen  vielfach  abgewichen  ist,  große  Mannigfaltigkeit ­
  herrscht,  und  der  Theorie  der  weitgehendste  Spielraum  gelassen ­
  ist.  Man  hat  oft  bizarre  Konstruktionsformen  gewählt,
wenn  sie  nur  statisch  richtig  sind.  Als  Beispiel  mag  auf  die
Form  eines  Landpfeilcrs  eines  steinernen  Viadukts,  auf  die  Trägerform ­
  der  Brücke  über  den  Huinboldtshafen,  auf  die  Kasten,  welche
zur  Unterstützung  des  Oberbaus  dienen,  hingewiesen  werden.
Die  Ausführung  ist  außerordentlich  schön,  Material  der
Steinbrücken  Backsteine  mit  Verblendsteinen,  die  theilweise  entgegen ­
  der  Berliner  Gepflogenheit  mit  dem  Hintergemäuer
gleichzeitig  versetzt  sind.  Tie  Mittelpfeiler  der  großen  Brücke

über  den  Humboldthafen  und  die  Spree  sind  aus  Quadern  Basaltlava ­
  von  Niedermengen  a/Nh.,  Granit  k.  hergestellt,  die  eisernen
Brücken  zeigen  die  verschiedenartigsten  Systeme,  Warrenträger,
Bogen  träger  nnt  und  ohne  Aussteifung,  der  Oberbau  liegt
auch  auf  den  Brücken  immer  im  Schotter,  indem  entweder  das
ganze  Brückenplanum  mittelst  Buckelplatten  abgedeckt,  oder  die
Langschwellen  in  besonderen  Schotterkasten  gebettet  sind.  Die
Wasserableitung  (und  sonstige  Details)  sind  nnt  minutiöser  Genauigkeit ­
  ausgearbeitet,  es  ist  immer  Rücksicht  darauf  genommen,
das  Herabtropfen  von  Wasser  auf  die  überbrückten  Straßen  zu
verhindern  x.  Auch  die  Steinkonstruktioncn  mußten  häufig  die
schmierigsten  Formen  überwinden,  in  Folge  der  schiefen
Kreuzungen  der  Straßen,  der  Anschlüsse  an  Bahnhöfe  und  dergl.
Schwierige  Fundationcn  kamen  noch  bei  dem  im  Königsgraben
liegenden  Bahnstück  vor.  (Entwässerungskanal  unter  der  Brücke.)
Als  Oberbau  ist  eine  besondere  Form  des  Haarmann'schen
Oberbaus  gewählt.  Das  System  ist  sehr  ähnlich  dem  Hilf'schen,
die  Langschwellen  etwas  tragfähiger,  die  Schienen  sind  sehr  solid
befestigt,  aber  das  Ganze  ist  doch  ziemlich  komplizirt;  Schienen
9  rn  lang  mit  den  Laugschwellen  gestoßen  ohne  Zwischenschivellen,
Schienen  und  Langschwellen  kalt  gebogen,  das  Gewicht  der  Stahlschienen ­
  beträgt  29,95,  dasjenige  der  Langschwellen  24,57  k
pro  laufenden  Meter.
Die  Bahnhöfe  haben  dem  Lokalverkehr  und  dem  Externenverkehr ­
  zu  dienen,  und  sind  namentlich  die  beiden  Anschlußbahnhöfe ­
  schwierig,  weil  noch  die  Verbindung  mit  der  Ringbahn  in
Betracht  kommt.  Der  Lokälverkehr  soll  nämlich  so  eingerichtet
werden,  daß  die  Stadtbahnzüge  nicht  etwa  da,  wo  die  Ringbahn
erreicht  wird,  endigen,  sondern  in  die  Ringbahn  übergehen
und  theils  der  einen,  theils  der  andern  Hälfte  desselben  folgen,
um  Verbindungen  mit  der  Umgebung  Berlins  zu  erzielen.  Man
hat  es  deßhalb  nicht  mit  Endbahnhöfen,  sondern  mit  eigentlichen
und  komplizirtcn  Trennungsbahnhöfen  zu  thun,  insofern  die  Anschlüsse ­
  der  Externbahnen  hinzukommen.  Die  in  der  Stadt
liegenden  Bahnhöfe  haben  beim  Lokal-  und  Externenverkehr  es
nur  mit  dem  Personenverkehr  und  Beförderung  der  Bagage
zu  thun,  wogegen  bei  den  Anschlußbahnhöfen  Post-  und  Eilgutverkehr
  mit  hereinkommt.
Die  Stadtbahnhöfe  waren  zur  Zeit  meiner  Anwesenheit  kaum
begonnen,  die  Einrichtung  auch  noch  nicht  ganz  festgestellt;  ich
beschränke  mich  auf  eine  Beschreibung  des  östlichen  Anschlußbahnhofes, ­
  hiebei  einer  Beschreibung  in  der  deutschcn  Bauzeitung  pro
1878  folgend  (Seite  163  und  241).  Zu  diesem  Anschlußbahnhof ­
  wurde  verwendet  der  Bahnhof  der  Niederschlesisch-Märkischen
Bahn  (Frankfurter  Bahnhof)  welcher,  uni  der  Stadtbahn  dienen
zu  können,  um  5,53  m  gehoben  und  den  neuen  Verkehrsverhältnissen ­
  entsprechend  vergrößert  werden  mußte.  Verwaltungsgebäude
und  Halle  wurden  beibehalten,  ersteres  erhielt  eine  andere
Einthcilung  der  Räume,  in  der  Halle  aber  wurden  die  Geleise
und  Perrons  um  1  Stockwerk  gehoben,  ohne  die  Halle  zu
ändern.  Wer  es  nicht  weiß,  wird  kaum  an  dem  gedrückten
Verhältniß  zwischen  Höhe  und  Breite  die  Aenderung  vermuthen.
Die  Erhebung  des  Geleises  von  5,5  m  ohne  dem  Dach  zu  nahe
zu  kommen,  war  dadurch  möglich,  daß  dasselbe  aus  einem  Sichelträger ­
  besteht,  dessen  Widerlager  noch  ca.  12  m  über  dem  neuen
Bahnplanum  liegt.  In  Beziehung  auf  die  Geleiscanlage  hat  die
Station  zu  dienen:
1)  Als  Durchgangsstation  für  die  Lokalzüge  des  Stadtbahn—Ringbahnverkchrs. ­

2)  Als  Durchgangsstation  für  die  Externzüge  der  östlichen ­
  Berlinerbahnen  deren  Züge  bis  Charlottenburg  durchgehen. ­

3)  Als  Endstation  für  die  westlichen  Berlinerbahnen.
4)  Als  Uebergangsstation  für  die  Bahnzüge  aus  den
Vororten  (Potsdam,  Spandau,  Erkner  rc.),  welche  mit  den  Exteinbahnen
  ankommen,  hier  aber  in  die  Geleise  der  Lokalbahn  übergehen. ­

Für  diesen  Verkehr  sind  8  Geleise  vorgesehen,  welche  4  Perrons
zwischen  sich  fassen,  jedes  Geleise  der  Stadtbahn  ist  in  2  Stränge
gegabelt,  welche  einen  Jnselperron  umschließen,  so  daß  für  Lokal-
            
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