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sollen die Schmuckformen die Konstruktion idealisieren, d. h. die
statische Leistung der Konstruktionsteile zum Ausdruck bringen.
3. Die Schmuckformen der Architektur sollen aus der Konstruk
tion hervorgehen, d. h. sie sollen aus der Bearbeitungsweise
des Materials oder aus der Art der Zusammenfügung der
Stücke abgeleitet werden.
Die Einzelbetrachtung dieser Sätze, die eine abgekürzte
Darstellung nicht gestattet, führte zu dem Resultat, daß aus
der Beachtung der darin ausgesprochenen Vorschriften manches
schöne Werk hervorgehen könne und in der Vergangenheit her
vorgegangen sei, daß insbesondere für die neuartigen Jngenieur-
und Hochbaukonstruktionen unserer Zeit diese Vorschriften den
nächsten Weg zu einer ansprechenden architektonischen Durchbildung
weisen, daß man aber nicht das Recht habe, sie als Bedingung
einer guten Architektur, als ästhetische Wahrheiten zu pro
klamieren. In jeder fortschreitenden Entwicklung jder Baustile
hat sich die Architektur von diesen Vorschriften entfernt; die
letzte derselben giebt auch nur für den Backsteinbau, für den
Holzbau ohne Schnitz- und Dreherarbeit und für das Metall
einen brauchbaren Sinn, und wenn ihr auch eine Schmuckformen
reihe im Hausteinbau, die Rustika entspricht, so ist sie doch ge
rade bei der Entstehung der ältesten und vornehmsten Formen
unserer Hausteinarchitektur nicht von Einfluß gewesen.
Allgemeiner Beifall der Versammlung ward dem Redner
für seinen außerordentlich interessanten und abgerundeten Vor
trag zu teil. Der Vorsitzende dankt demselben noch besonders
im Namen des Vereins.
Nach Besichtigung des von Professor Göller ausgestellten
Konkurrenzentwurfs zum Reichstagshaus erfolgt Schluß der
Sitzung um V2II Uhr.
Der Schriftführer:
Ockert.
Dritte ordentliche Dersammkung am 16. Februar 1884.
Vorsitzender: Oberbaurat v. Egle.
Schriftführer: Jng.-Assist. Laistner.
Anwesend: 21 hiesige und 1 auswärtiges Mitglied (Bauinsp. Ruff).
Das Protokoll der letzten Sitzung wird genehmigt.
Nun erfolgt ohne Kugelung die Aufnahme des Herrn
Architekten Andre Lambert — vorgeschlagen durch Professor
Walter — als ortsanwesendes Mitglied. Weitere geschäft
lichen Angelegenheiten sind nicht zu erledigen und wird somit
zum angekündigten Vortrage geschritten.
Herr Baurat Rheinhard hat sich die „Drainage und
Wiesenbewässerung" zum Thema gesetzt. Redner ist der Über
zeugung, daß eine Besserung der gedrückten Lage der Landwirt
schaft hauptsächlich durch eigene Kraft der Beteiligten herbeigeführt
werden müsse. Eines der Hauptmittel hiezu bilden die Melio
rationen, da in Württemberg wohl nahezu V* sämtlicher land
wirtschaftlich angebauten Flächen (also etwa 140000 Im) durch
Drainage verbessert und viele Wiesen durch Bewässerung noch
ertragsfähiger gemacht werden könnten.
Meliorationen und geordnete Wasserwirtschaft hiengen aber
so enge zusammen, daß der Wasserbauingenieur die Bedürfnisse
der Landwirtschaft möglichst genau kennen zu lernen und sein
Wissen und Können in den Dienst jener zu stellen bestrebt
sein soll.
Redner bezeichnet hiebei die vielfach herrschende Ansicht als
irrig, daß die Drainage die Hochwassergefahren vermehre; drainierte
Felder funktionieren vielmehr eher als Wassersammler, welche ein
langsames Abfließen der großen Wassermengen bewirken.
Ehe zu Meliorationen geschritten werde, soll eine genaue
Untersuchung des Bodens und eine möglichst sichere Kalkulation
vorgenommen werden und das Miliorieren überhaupt da unter
bleiben, wo nicht eine Rente von mindestens 6"/o mit Be
stimmtheit zu erwarten. An einer größeren Anzahl von Bei
spielen und unterstützt durch entsprechende Pläne und Profile
weist Redner die Notwendigkeit dieser Forderungen nach. Einer
eingehenden Besprechung wird ferner das Petersen'sche Drai-
nierungsspstem unterzogen, dessen Anwendung sich hauptsächlich
bei Wiesen empfehle, welche durch eine reine Drainage leicht
gar zu trocken gemacht werden könnten. Da dieses System
gestatte, dem Boden jeweils den ihm zusagenden Feuchtigkeits
grad zu geben, so bilde dasselbe gewissermaßen einen Uebergang
zu den Wiesenbewässerungsanlagen. Auch diese beschreibt Redner
an einer Anzahl von Beispielen. Dabei erwähnt er, daß in
Württemberg der mittlere Jahresertrag pro Im 93 Zentner
beträgt und bemerkt, daß eine unter Beachtung aller maßgebenden
Faktoren angelegte Wiesenbewässerung unter günstigen Verhält
nissen diesen Jahresertrag auf 200 Zentner steigern könne.
Bei einer in Ochsenhausen also unter wenig günstigen Höhen
verhältnissen, ausgeführten Anlage soll schon nach kurzer Zeit
der Jahresertrag sich auf etwa 150 Zentner gehoben haben.
Im Weiteren wird auf die Forschungen Wollny's und
anderer hingewiesen, aus welchen die Wirkung der Drainage
auf Lockerung und Durchlüftung des Bodens, die Wechselbe
ziehung zwischen Wassergehalt des Bodens, Luftzufuhr und Be
pflanzung und deren Einfluß auf Zusammensetzung und Um
wandlung der Ackerkrume u. a. sich ergeben habe.
Eine kurze Rekapitulation des Vorgetragenen giebt dem
Redner schließlich Anlaß, auf das reiche Schaffensgebiet hinzu
weisen, welches dem Kulturtechniker in unserem Lande noch
offen steht.
Der Vorsitzende dankt dem Redner für seine anziehenden
und seitens der Versammlung mit Interesse aufgenommenen
Mitteilungen und schließt hierauf die Versammlung.
Der Schriftführer:
Laistner.
Werte ordentliche Versammlung am 8. März 1884.
Vorsitzender: Oberbaurat v. Schlierholz.
Schriftführer: H ä n e l.
Anwesend: ca. 27 Mitglieder.
Der Vorsitzende beglückwünscht den anwesenden Vizevorstand
des Vereins, v. Egle, aus Anlaß von dessen kürzlich erfolgter
Ernennung zum Hofbaudirektor. Die Versammlung stimmt zu
durch Erhebung von den Sitzen.
Architekt Lambert wird als neu aufgenommenes, erst
mals anwesendes Mitglied durch den Vorsitzenden begrüßt.
Das Protokoll der letzten Versammlung wird verlesen und
genehmigt.
Eingelaufen sind, nach Mitteilung des Vorsitzenden:
a) ein Schreiben der Direktion des germanischen Museums
in Nürnberg mit der Bitte um Zusendung der Veröffent
lichungen unseres Vereins im Tausch gegen den „Anzeiger
des germanischen Museums", was anstandslos genehmigt
wird;
b) ein Schreiben des Heidelberger Schloß-Vereins mit der
Bitte um Beitritt zu diesem Verein (Jahresbeitrag 3 Mark)
und mit Anschluß der Statuten und eines gedruckten Be
richts an die auswärtigen Mitglieder, über die Maßnahmen
der großherzogl. badischen Regierung zur Erhaltung des
Schlosses; woraus ersichtlich, daß die Vorarbeiten für die
Erhaltung dieses herrlichen Bauwerkes auf sicherer Grund
lage in erfreulichster Weise von der großherzogl. badischen
Regierung in die Hand genommen und durch eine sach
kundige Kommission und hiefür thätige Architekten be
trieben wird;
v) die Mitteilungen des westpreußischen Architekten- und
Jngenieurvereins zu Danzig, 1883, Heft II, Hl, IV;
ck) ein Schreiben des Verbands Deutscher Architekten- und
Jngenieurvereine wegen der Ausstellung bei der bevor
stehenden Generalversammlung;
e) der Jahresbericht der Lese- und Redehalle deutscher
Studenten in Prag, pro 1882—83;