Full text: Versammlungs-Berichte / Württembergischer Verein für Baukunde in Stuttgart (1885/86)

Nachdem noch v. B r o ck m a n n vorgeschlagen, einzelne Kapitel 
aus dem Vorgetragenen an einem geselligen Abende zur Diskussion 
zn bringen, was allseitige Zustimmung findet, schließt der Vorsitzende 
die Verhandlungen nach 10'/- Uhr. 
Der Schriftführer: 
L a i st n e r. 
Drchrhiitt ordentliche Urrsammlung 
anl 12. Dezember 1885. 
Vorsitzender: Oberbaurat Leib brand; 
an Stelle des durch eine Reise verhinderten Vereinsvorstandes. 
Schriftführer: Baumeister Reichert. 
Anwesend: 27 Mitglieder und 1 Gast. 
Das Protokoll der letzten Versammlung wird verlesen und 
genehmigt; hierauf begrüßt der Vorsitzende den anwesenden Gast, 
Herrn Reg.-Baumeister Kölle, bringt ein Aufnahmegesuch des 
Herrn Reg.-Baumeister Fischer, vorgeschlagen von Jng.-Äss. Tafel, 
zur Verlesung und teilt mit, daß keine Einwendung gegen die Wahl 
des in der letzten Sitzung vorgeschlagenen Ingenieur und Privat 
dozenten Schmid gemacht, derselbe daher von dem Ausschuß als ord 
entliches Mitglied in den Verein aufgenommen worden sei. 
Nunmehr erstattet Architekt E. Stahl, namens der hierfür 
bestellten Kommission, Bericht über die Mängel des Konkur> 
renzwesens (Nr. 6 des Arbeitsplanes für das laufende Ver 
bandsjahr), wobei von den in Frankfurt a. M. ini Jahre 1883 auf 
gestellten Grundsätzen ausgegangen wird. Die Kommission ist der 
Ansicht, daß diese in 10 §§. niedergelegten Grundsätze mit 2 kleinen 
Zusätzen vollkommen zweckentsprechend und für alle Fälle ausreichend 
sind. Jede weitere Zuthat, die speziell den Hochbau betrifft, würde 
die Allgemeinheit und kurze Fassung derselben aufheben, da diese 
Grundsätze nicht nur bei Konkurrenzen im Hochbau, sondern auch für 
solche zu dienen haben, welche die Erlangung von Entwürfen zu 
Interieurs, Dekorationen, Platzanlagen rc. bezwecken. Die Mängel 
und Klagen, welche darüber laut geworden sind, beruhen entweder 
auf einer Unkenntnis, oder ans mangelhafter Handhabung dieser 
Grundsätze. Um diesem llebelstande zu begegnen, wurde von der 
Kommission der Wunsch ausgesprochen, durch die Presse bekannt zu 
machen, daß Behörden und Privaten, welche öffentliche Konkurrenzen 
ausschreiben wollen, mi-t Rat und That durch die jeweiligen Vereine 
unentgeltliche Unterstützung finden werden. Hierbei wurde auf das 
Vorgehen der französischen Kollegen hingewiesen, welche eine alljähr 
lich neu zu wählende Kommission mit dem Sitz in Paris errichtet 
haben, zum Zweck der Beratung. Unterstützung und Schlichtung von 
Streitigkeiten bei öffentlichen Konkurrenzen. Ferner wurde vorge 
schlagen, die Architekten der einzelnen Vereine aufzufordern, eine 
öffentliche Erklärung dahin abzugeben, daß sie sich bei keiner Kon 
kurrenz beteiligen, deren Bedingungen und Programm mit diesen 
Grundsätzen nicht übereinstimmen. Dem von Arch. Walls in Berlin, 
welcher die Revision des Konkurrenzwesens angeregt hat, geäußerten 
Wunsche, man möge kleinere Konkurrenzen nicht zu allgemeinen 
machen, sondern sie auf Bezirke beschränken, da sie mehr oder weniger 
lokaler Natur seien, wurde von der Kommission vollkommen zuge 
stimmt. 
Die Zusätze, welche dieselbe vorschlägt, betreffen die §§. 4 und 8 
der Grundsätze. §. 4 lautet: Die in dem Programm verlangten 
Zeichnungen und Berechnungen sollen in der Regel das für ausge 
führte Skizzen und eine summarische, auf Maßeinheiten (m-Längen, 
qm-FIächen, ebrn-Rauminhalt rc.) gestützte Kostenermittelung erforder 
liche Maß nicht überschreiten. Am Schluß der Parenthese wäre ein 
zuschalten: „bei Hochbauten in Kubikmetern", da vielfach der Qua 
dratmeter oder die überbaute Fläche bei Kostenermittlungen zu Grunde 
gelegt worden ist. §. 8 lautet: Sämtliche zur Beurteilung ange 
nommenen Arbeiten sind mindestens 2 Wochen lang, in der Regel 
nach der Entscheidung des Preisgerichts, öffentlich auszustellen. Das 
gutachtlich begründete Urteil der Preisrichter ist öffentlich bekannt 
zu machen. Am Schluß wäre beizufügen: „und jedem Konkurrenten 
zu übersenden". Es wurde dies als das Geringste bezeichnet, was die 
Konkurrenten für das Opfer an Zeit und Mühe, das sie gebracht 
haben, verlangen können, wogegen die Beurteilung des Projekts 
jedes Einzelnen nicht verlangt werden kann. 
Ferner wurde gewünscht, die Programme mehr schematisch 
zu ordnen, um die Uebersichtlichkeit derselben zu vergrößern, und 
mehr Sorgfalt auf die den Programmen beigelegten Situationspläne 
hinsichtlich' der eingeschriebenen Maße zu verwenden. Der Maßstab 
derselben sollte mit dem in den Bedingungen verlangten Situations 
plan übereinstimmen, damit dieser nach Einzeichnung des Projekts 
direkt als Blatt verwendbar ist. Schließlich war die Kommission 
zum größten Teil der Ansicht, künftig die eingesandten Projekte nicht 
mehr mit einem Motto, sondern mit der Namensunterschrift des 
Verfassers zu versehen; die Versammlung entscheidet sich jedoch für 
Beibehaltung des bisherigen Modus. Deu übrigen Ausführungen 
der Kommission tritt sie einstimmig bei. 
Der Vorsitzende dankt dem Referenten für seine Mitteilungen, 
welche zur Kenntnis der mit der Prüfung der Sache aufgestellten 
Vereine gebracht werden sollen. 
Hierauf erhält das Wort Baurat Euting zu einem Vortrag 
über die an der Untertürkheimer Neckarbrücke teils im ver 
gangenen Herbst vorgenommenen, teils im nächsten Frühjahr noch 
vorzunehmenden Arbeiten. Seine, sowie des Reg.-Baumeisters 
Gugenhan Ausführungen, welcher insbesondere über die stattge 
habte Verschiebung der alten Brücke sprach, wurden mit Beifall auf 
genommen und sind in Beil. 5 enthalten. 
Bei der nun folgenden Debatte richtet zunächst Oberbaurat 
Leibbrand an Baurat Euting die Frage, ob es nicht zweckmäßiger 
gewesen wäre, eine neue Brücke zu erstellen, anstatt die vorhandene 
zu verschieben und einen Fußsteg neben derselben anzubringen, und 
ob letztere auch mittels der neuesten Hilfsmittel, welche die Ingenieur- 
wissenschaft jetzt biete, auf ihre Tragfähigkeit geprüft worden sei; 
sodann wendet er sich an Oberinspektor Schmoller mit der Frage, 
wie es mit den württ. Eisenbahnbrücken in dieser Beziehung gehalten 
werde. Letzterer entgegnet, daß in den nächsten Jahren sämtliche württ. 
Eisenbahnbrücken durch Auflegen von Lasten und Messung der dadurch 
hervorgebrachten Einsenkungen untersucht werden sollen, daß aber ein 
zur Beobachtung der Spannungen geeignetes Instrument wie der Frän- 
kel'sche Dehnungszeichner nicht vorhanden sei. Baurat Euting bemerkt, 
daß das Projekt einer neuen Brücke auch in Erwägung gezogen worden 
sei, und daß man für 2 Oeffnungen der Untertürkheinier Brücke Ver 
wendung für eine Brücke bei Pfauhausen gehabt hätte, daß man aber 
mit der dritten Oeffnung nichts anzufangen gewußt habe, weßhalb es 
zweckmäßiger gewesen sei, eine Verschiebung der gegenwärtigen Brücke 
vorzunehmen.' Was die Tragfähigkeit der letzten: anbelange, so sei 
dieselbe s. Z. für eine Belastung von 305 kg pro qcm berechnet 
worden. Bei dieser Belastung betrage die Inanspruchnahme der 
Gurtungen ca. 700 kg pro qcm, die der Gitterstäbe ca. 600 kg 
pro qcm, während die Querträger nur wenig über 300 kg pro qcm 
beansprucht seien. 
Baurat Kaiser gibt seiner Befriedigung darüber Ausdruck, 
daß bei uns jetzt auch das Holzpflaster eingeführt werde; er selbst 
hätte gern schon Versuche damit gemacht, sei aber der großen Kosten 
wegen immer davon abgestanden. Oberbanrat v. Bok spricht Be 
denken aus über Aufbringung des Holzpflasters auf einer eisernen 
Brücke, welche stets Bewegungen ausgesetzt ist, und fragt, wie sich 
Holzpflaster bei Brücken bewährt habe. Baurat Euting erwidert, 
daß er hierüber keine Erfahrungen habe und kommt auf die Kon 
struktion des Holzpflasters in den Straßen von London zu sprechen. 
Ingenieur Schmid teilt mit, daß er auf seinen Studienreisen mehr 
fach gepflasterte eiserne Brücken gesehen habe; daß es hier nicht nur 
auf die Pflasterkonstruktion ankomme, sondern insbesondere die Unter 
lage des Pflasters wichtig sei, und daß Erfahrungen au verschie 
denen Orten gezeigt haben, wie nützlich dünne Sandschichten unter 
dem Pflaster seien, welche die Uebertragung der Brückenbewegungen 
auf das Pflaster mildern. Jngenieurassistent Tafel weist auf die 
Unsicherheit der statischen Berechnung bei Gitterbrücken hin, und 
empfiehlt sämtliche eiserne Brücken nüttels der jetzt vorhandenen feinen 
Instrumente auf ihre Tragfähigkeit zu prüfen. Oberbaurat Leib 
brand bestätigt die Richtigkeit der von Schmid gemachten Mitteil 
ungen, betont aber, daß bei der Untertürkheimer Brücke eine Sand 
lage mit Rücksicht auf den Unterbau, Asphaltpappe auf Flöcklingen, 
unthunlich sei. Mit den Ausführungen Tafels ist derselbe einver 
standen. 
Schließlich drückt noch Architekt Stahl sein Befremden dar-
	        

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