Full text: Versammlungs-Berichte / Württembergischer Verein für Baukunde in Stuttgart (1885/86)

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über aus, daß in der Vereinsbibliothek Werke wie das Deutsche 
Bauhandbuch oder das Handbuch der Architektur nicht vorhanden 
seien, wird aber von dem Bibliothekar, Baurat Kaiser, dahin be 
lehrt, daß bis jetzt nur technische Zeitschriften für die Vereins 
bibliothek angeschafft worden seien. 
Nachdem endlich der Vorsitzende den Rednern den Dank der 
Versammlung ausgesprochen, schließt derselbe den offiziellen Teil der 
Sitzung. 
Der Schriftführer: 
Reichert. 
Gksklligr Uemnigung mit dem Wrtt. Kerirksoereiit Deutscher 
Ingenieure 
am 2. Januar 1886, Abends 8 Uhr. 
Anwesend vom Verein für Baukunde 30 Mitglieder. 
Der Vorsitzende des Jngenieurvereins, .Prof. C. Schmidt, 
begrüßte die Versantmlung und freute sich des Zusammenwirkens 
beider Vereine. Aus seinen Vorschlag übernahm v. Hänel den 
Vorsitz für den Abend und rief vor allein beiden Vereinen ein warmes 
„Prosit Neujahr" zu. Oberingenieur Einbeck hielt sodann einen 
Vortrag über die 
Niederdruckdampfheizung nach dem System 
Bechem u. Post.*) 
Redner vergleicht, auf die Fortschritte hinweisend, welche die 
sämtlichen Fächer sowohl der Wissenschaft als auch der Praxis in 
den letzten 80 Jahren gemacht haben, in dieser Beziehung die Be 
leuchtungstechnik mit dem Zentralheizungsfache, und konstatiert, daß 
zwar beide in bezug auf innere Entwickelung gleich schnell vorge 
schritten sind, daß jedoch das letztere in bezug auf faktische Erfolge 
der ersteren erheblich nachsteht. 
Als Grund zu dieser Erscheinung wird angegeben, daß der 
Ofen noch manche Vorzüge besitzt, welche bei allen sonstigen Annehm 
lichkeiten bisher von keinem Zentralheizungssystem geboten werden. 
Die jedem einzelnen Raume zuzuführende Wärme ist nicht 
allein von der äußeren Temperatur, sondern mindestens in dem 
selben Maße von dem herrschenden Winde, Regen und dem jeweiligen 
Stande der Sonne abhängig, und, da von letzteren Einflüssen immer 
nur einzelne Räume getroffen werden, so ist die Wärmeregulierung 
in jedem einzelnen Raume, unabhängig von der Wärmezuführung 
in den übrigen Räumen, von der größten Wichtigkeit. Außerdem 
ist es nicht zu billigen, daß dem Menschen eine bestimmte Normal 
temperatur des Raumes, in welchem er sich aufhält, vorgeschrieben 
wird; es muß vielmehr jeder die Möglichkeit haben, in gewissen 
Grenzen (14—18» Röaumur) sich die ihm behagliche Temperatur 
einzustellen. An das vollkommenste Heizverfahren sind somit folgende 
Anforderungen zu stellen: für jeden Raum muß mindestens so viel 
Wärme zu jeder Zeit zur Verfügung stehen, als derselbe seiner Lage 
entsprechend für die ungünstigsten Außenverhältnisse und für die 
höchsten Anforderungen, welche ein menschlicher Körper stellen kann, 
zu seiner Warmerhaltung erfordert. Die Zuführung der Wärme 
muß in jedem Raume unabhängig von allen übrigen ans die ein 
fachste, sicherste und unmittelbarste Weise jederzeit regulierbar sein. 
Dazu kommt, daß alles dieses mit dem möglichst geringen Aufwand 
an Zeit, Arbeit und Geld erreicht werde. 
In bezug auf letzteres leisten wohl die Zentralheizungen das 
bessere, für alles übrige jedoch verdiente bisher der Ofen den Vor 
zug, so daß die heute noch herrschende Ansicht im Publikum: „ein 
guter Ofen sei doch die beste Heizung", für nicht ungerechtfertigt zu 
halten ist. 
Das Bechem-Post'sche System bietet alle Vorzüge einer Zentral 
heizung in noch nicht erreichter Höhe, ohne diejenigen der Ofenheizung 
zu entbehren, und auch letztere sind zur höchsten Vollkommenheit aus 
gebildet. 
Als Wärmerezipient ist im Keller ein Niederdruckdampfkessel 
mit offenem Standrohre aufgestellt, wie er nach dem Gesetze ohne 
*) Dieser Vortrag, welcher erstmals in Straßburg gehalten wurde, ist in 
zwischen im Druck erschienen (Verjag von Hermann Risel u. Comp., Hagen 
in Westfale») und wird voraussichtlich zugleich mit diesem Protokollheste an 
die Bereinsinitglieder verteilt werden. 
polizeiliche Konzession und weitere polizeiliche Beaufsichtigniig in und 
unter jedem bewohnten Raume aufgestellt werden darf. Der Kessel 
schließt also auch nach dem Gesetze jede Explosionsgefahr aus. Ein 
neben dem Kessel aufgestellter Regulator bewirkt, daß sich das Feuer 
stets selbstthätig genau nach dem Wärmeverbrauch durch die Heizung 
einstellt; werden Heizkörper angeschlossen, so facht sich das Feuer 
selbstthätig zu höherer Glut an. 
Dieser Regulator ermöglicht es, daß der Betrieb kontinuierlich 
gehandhabt wird; d. h. der Kessel wird nur einmal ini Herbste an 
gefeuert, das Feuer brennt ständig Tag und Nacht durch bis zuni 
Frühjahr, und geht erst wieder aus, wenn man aufhören will zu 
heizen. 
Als fernerer wesentlicher Fortschritt ist bei diesem System zu 
nennen, daß aus der Heizung jedes Ventil verbannt ist. Die aus 
gußeisernen Rippen-Elementen bestehenden Heizkörper sind durch 
Jsoliermäntel aus 4 cm starker, besonders präparierter Pappe rings 
umkleidet. Die Mäntel stehen 25 cm vom Fußboden ab und haben 
in ihrem oberen Deckel einen längs durchgehenden Schlitz, dessen 
Oeffnung durch einen ebenfalls isolierten Schieber reguliert wird. 
Ist der Schieber offen, so wirkt der Heizkörper wie ein Mantelofen, 
wird der Schieber geschlossen, so hört die Wärmezuführuug in den 
Raum hinein sofort auf, da der Mantel so gut wie keine Wärme 
hindurchläßt; der Heizkörper jedoch bleibt konstant gleichmäßig warm 
und ist jederzeit zur Verfügung, sowohl bei Tag und auch bei Nacht 
je nach Einstellung des Schiebers so viel Wärme zu spenden, als 
dem betreffenden Insassen behaglich erscheint. Inzwischen sorgt der 
Regulator dafür, daß sich das Feuer im Kessel genau derjenigen 
Wärme entsprechend einstellt, welche je nach Stellung der einzelnen 
Schieber durch die Heizung verbraucht wird. 
Die Menge des verbrauchten Brennmaterials ist somit bei 
dieser Heizung unabhängig gemacht von der Hand des Bedienenden. 
Außerdem ist die Feuerungsanlage derart rationell (bei offiziell an 
gestellten Versuchen des Wiener Dampfkesselrevisions-Vereins wurde 
im Mittel niit 1 kg Koaks 9,25 1 Wasser verdampft), daß der Be 
trieb der Bechem-Post'schen Heizung sich um die Hälfte bis ein 
Drittel billiger stellt als derjenige einer anderen Zentralheizung resp. 
einer Ofenheizung. 
Eine Bedienung der Anlage beschränkt sich darauf, daß das 
Feuer einmal im Tage (also während 24 Stunden) von Asche und 
Schlacken klar gemacht und Brennmaterial nachgeworfen wird; außer 
dem sind während 1—2 Wochen 20—30 l Wasser nachzufüllen, und 
ist die Aschengrube in dieser Zeit einmal zu entleeren. Die Bedie 
nung erfordert somit im ganzen täglich 10—15 Minuten, also we 
niger Zeit und Arbeit als diejenige eines einzigen Zimmerfeuers. 
Die Kontinuierlichkeit des Betriebes läßt sämtliche Teile der 
Anlage während der ganzen Hetzkampagne hindurch in stets dem 
selben Zustande beharren, so daß jede schädliche Arbeit der Wärme 
durch das Sichreckeu und Sichwiederzusammenziehen der Rohre auf 
gehoben ist; die normale Spannung des Dampfes im Kessel wird 
auf 0,3 Atmosphäre eingestellt, so daß der Ueberdruck in den Rohr 
leitungen höchstens 0,15 Atnrosphäre betragen kann und in den 
Heizkörpern gar nicht mehr vorhanden ist. 
In bezug auf Haltbarkeit bietet somit das Bechem-Post'sche 
System die größten Chancen. 
Durch die Kontinuierlichkeit des Betriebs und dadurch, daß 
kein Ventil mehr in der Heizung vorhanden ist, kann nie irgend ein 
Strang kalt werden; es kann somit nie vorkommen, daß sich irgend 
wo plötzlich gebildete Kondenswassermengen anstauen, und ist damit 
jedes störende Geräusch vermieden; die Heizung arbeitet absolut ge 
räuschlos. 
Dadurch, daß sich durch die eigenartige Rohrführung nirgends 
ein stagnierender Tropfen Wasser halten kann, ist jede Frostgefahr 
ausgeschlossen, so daß direkt die kalte Luft von außen her an die 
Heizkörper und an die Rohrleitungen geführt werden kann. Die 
Heizung eignet sich daher vorzüglich zu Ventilationsanlagen. 
Ferner kann mau an den Kessel Dampfkochgefäße, Warm 
wasserbereiter und dergleichen anschließen, was besonders für Kranken 
häuser recht wesentlich ist. 
Die Ausführung dieses Systems, speziell für Süddeutschland, 
haben die Herren Gebrüder Sulz er in Winterthur mit der Filiale 
ui Ludwigshafen übernommen, und setzten für diese Abteilung ihrer 
Fabrikation Herrn Oberingenieur Einbeck als Vertreter nach 
Stuttgart. — 
Unter lebhaftem Beifall schloß der hochinteressante Vortrag und
	        

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