Volltext : Versammlungs-Berichte / Württembergischer Verein für Baukunde in Stuttgart (1885/86)

Beilage  1.

Vortrag

über
den  Betrieb  -er  städtischen  Wasserwerke  in  Stuttgart,
gehalten  von  Bauinspektor  Zobel  am  17.  Oktober  1885.

In  dem  Wasserversorgungswesen  der  Stadt  Stuttgart  ist  zur
Zeit  eine  Art  Beharrungszustand  eingetreten.  Man  fand  es  daher
jetzt  thunlich,  über  die  verschiedenen  Betriebsverhältiiisse  ausführlichere ­
  Jahresberichte  zusammenzustellen,  wie  dies  in  ähnlicher  Weise
in  vielen  anderen  größeren  Städten  geschieht.  Die  gefertigten  Jahresberichte ­
  und  Zusammenstellungen.  welche  dann  wieder  Bestandteile
der  allgemeinen  städtischen  Verwaltungsberichte  bilden,  geben  nützliche ­
  Anhaltspunkte  über  die  Entwickelung  der  verschiedenen  Einrichtungen ­
  und  für  Vergleichung  mit  den  Leistungen  anderer  Städte.
Ueber  einen  solchen  Jahresbericht,  nämlich  denjenigen  für  das  Etatsjahr ­
  1883/84  (der  Bericht  pro  84/85  ist  noch  nicht  fertig)  soll  hier
referiert  werden.  Dabei  ist  kurz  in  Erwähnung  zu  bringen,  daß
die  hiesigen  städtischen  Wasserleilungsanlagen  in  2  von  einander
getrennte  und  unabhängige  Systeme  zerfallen,  nämlich  die  Trinkwasser ­
  leituixg  und  die  Nutzwasser  leitung.  Erstere  hat  die
Master  der  verschiedenen  in  der  Umgebung  van  Stuttgart  gelegenen
Quellen  zu  sammeln  und  in  der  Stadt  zur  Speisung  von  einzelnen
Brunnen,  insbesondere  öffentlicher  Brunnen,  zu  verteilen.  Die  N  u  tzwasserleitung
  führt  filtriertes  See-  oder  Flußwasser,  je  nack  der
örtlichen  Lage  des  betreffenden  Stadtteiles,  hat  insbesondere  die  verschiedenen ­
  Hauswasserleitungen,  sodann  auch  zahlreiche  öffentliche
Wasserentnahme-Einrichtungen  zu  speisen.  Das  Seewasser  wird  aus
5  künstlich  angelegten  Seen  in  und  bei  dein  K.  Notwildparke  entnommen; ­
  für  die  Verteilung  und  Reinigung  dieses  Wassers  dient
das  in  den  Jahren  1873/74  ausgeführte  „Seewasserwerk"  mit  der
Filter-  und  Reservoir-Anlage  am  Hasenberg.  Beim  Seewasserwerke
geschieht  die  gesamte  Wasserverteilung  durch  eigenes  Gefälle,  das
Neckarwasser  dagegen  muß  künstlich  gehoben  werden.  Die  Hauptbestandteile ­
  des  in  den  Jahren  1880/81  erbauten  Neckarwasserwerkes
sind,  abgesehen  vom  Nöhrennetze,  die  Filter-  und  Pumpwerke  in^Berg
und  das  Hochreservoir  am  Ameisenberge.  Die  höher  liegenden  Stadtteile ­
  sind  mit  Seewasser  gespeist;  diese  sind,  soweit  auf  der  linken
Thalseite  liegend,  gegen  unten  durch  die  Silberburg  und  Mörikestraße
  annähernd  begrenzt,  auf  der  rechten  Seite  ebenso  durch  die
Olgastraße.  Der  tiefer  liegende  und  größte  Teil  der  Stadt  einschließlich ­
  Heslach  und  Berg  wird  vom  Neckarwasserwerke  aus  versorgt. ­
  Zu  erwähnen  ist  noch,  daß  für  Speisung  der  Fontänen  auf
dem  Schloßplatz  und  in  den  K.  Anlagen  und  zur  Versorgung  einer
größeren  Zahl  von  Staats-  und  Hofgebäuden  ein  besonderes  staatliches ­
  Neckarwasserwerk  dient,  welches  in  den  Jahren  186263
angelegt  worden  ist;  in  dem  Jahresberichte  bleibt  dieses  Werk
als  nicht  städtisch  außer  Betracht.  Nun  sollen  im  folgenden  die
wichtigeren  Abteilungen  des  erwähnten  Jahresberichtes  besprochen
werden.
1)  Förderung  und  Abgabe  von  Nutzwasser.  —  An
den  Pumpwerken  des  Neckarwasserwerks  sind  Tourenzähler  angebracht;
täglich  vormittags  8  Uhr  werden  die  Stände  der  Tourenzähler  und
des  Vorrats  im  Hochreservoir  abgelesen,  und  nach  dielen  Ausnahmen
werden  die  Tagesförderung  und  der  Tagesverbrauch  an  Neckarwasser
berechnet.  (Die  Betriebstage  werden  je  von  vormittags  8  bis  8  Uhr
gerechnet.)  Wieviel  die  Pumpen  pro  Tour  fördern,  wurde  durch
Proben  festgestellt  Bei  diesen  Proben  wurde  über  einen  längeren
Zeitraum  einerseits  die  Tourenzahlen  der  Pumpen  abgelesen,  anderseits ­
  das  geförderte  Wasser  im  Hochreservoir  gemessen.  Dabei  hat
sich  der  „Volumefsekt",  d.  h.  das  Verhältnis  zwischen  dem  thatsächlich ­
  geförderten  Quantum  und  dem  vom  Pumpeukolben  durchlaufenen
Volumen  bei  den  Pumpen  der  Wasterkraftpumpstalion  zu  97"/»,
bei  denen  der  Dampfpumpstation  zu  94,7"/»  ergeben.  —  Beim  Seewasserwerke ­
  ist  auf  die  Zuleitung,  welche  das  Wasser  von  den  Seen

zum  Filterwerke  führt,  bei  letzterem  ein  enipsindliches  Manometer
aufgesetzt;  aus  den  Ablesungen  an  dem  Manometer  und  den  Wasser-  j
ständen  des  Sees  ergibt  sich  die  Durchflußmenge  mittels  einer  ein-  1
fachen  Tabelle.  Durch  Vergleichung  der  Znflnßmengen  mit  den  >
regelmäßig  vorzunehmenden  Ablesungen  der  Reservoir-Wasserstände  E
ergeben  sich  dann  wieder  die  Verbrauchsmengen.  Die  Grundlage  1
für  die  Feststellung  der  erwähnst;,!  Tabelle  über  die  Zuflußmengen  !
wurde  auch  wieder  durch  Proben  gewonnen.  Es  wurden  dabei  die  j
ankommenden  Wassermengen  in  den  Bassins  gemessen  und  gleichzeitig  s
der  Pegel-  und  Manometerstand  abgelesen  Man  hat  den  Koeffi-  I
zienten  festgesetzt,  welcher  für  den  vorliegenden  Fall  für  Berechnung
der  Durchflußmenge  in  der  allgemeinen  Formel  I,  —  k-^,^  anzuwenden ­
  ist.  (h  das  Gefälle,  k  der  Koeffizient,  1  die  Leitungslänge,  i
(1  der  Leitungsdnrchmesser,  v  die  Geschwindigkeit.)  Dieser  Koeffizient
hat  sich  zu  6,0347  ergeben,  etwas  weniger  günstig,  als  nach  den
Annahmen  von  Darcy,  Prony  und  Weisbach  Es  ifi  diese  Erscheinung ­
  wohl  damit  zu  erklären,  daß  die  ca.  4  km  lange  Zuleitung  ■
verschiedenen  Terrainfalten  und  unregelmäßigen  Güterwegen  zu
folgen  hatte,  und  daß  auch  an  einzelnen  Stellen  Schlammablagerungen ­
  in  der  Leitung  sich  finden  werden.  —  Die  nach  dem  Vorstehenden ­
  täglich  zu  gewinnenden  Aufzeichnungen  werden  in  Monats-  ^
Rapporten  zusammengestellt,  auch  werden  nach  diesen  Rapporten  ,
graphische  Darstellungen  über  die  Tagesleistungen  während  des  betr.
Etatsjahrs  gefertigt.  Wie  aus  diesen  Aufzeichnungen  zu  entnehmen,
hat  der  durchschnittliche  Tagesverbrauch  pro  1883/84  betragen
an  Seewasser  .  .  2185  ebm
an  Neckarwasser  .  4537  „
Zus.  an  Nutzwasser  6722  obm.

Die  stärksten  vorgekommenen  Tageskonsumtionen  haben  9883  und
10,211  obm  oder  147  resp.  152»/»  des  Jahres-Durchschnitts,  die
schwächsten  Tageskonsumtionen  haben  (am  Christfeste)  2898  ob,»
und  <am  Neujahrsfeste)  4232  obm,  somit  43  resp.  63°/»  des
Durchschnitts  betragen.  Die  erwähnte  graphische  Darstellung  enthält ­
  auch  Angaben  über  diejenigen  Wassermengen,  welche  anläßlich
einer  zweiwöchigen  Bauarbeit  am  Werkkanale  mit  den  Dampfmaschinen
  gefördert  werden  mußten  (für  gewöhnlich  dient  zur  Förderung ­
  die  vorhandene  Wasserkraft)  und  den  dabei  erwachsenen  Kohlenverbrauch. ­
  Es  waren  erforderlich  für  Hebung  von  1  obm  Wasser
bei  83  m  Förderhöhe  einschließlich  des  Verbrauchs  zum  Anheizen
0,4  kg  Saarkohlen.  Es  beträgt  also  der  Anfwanv  an  Brennmaterial
pro  Kubikmeter  geförderten  Wassers  nur  0,8  Pf.  Man  sieht,  daß
Wasserwerke,  welche  von  den  Konsumenten  Wasserzins  erheben  können, ­
  eine  Dampfmaschinenförderung  nicht  so  sehr  zu  fürchte»  brauchen.
Betreffend  den  Kohlenverbrauch  ist  noch  zu  erwähnen,  daß  mit
0,4  kg  Kohlen  1  chm  Wasser  83  m  hoch  zu  heben  so  viel  heißt  als
mit  1  kg  Kohle  207  500  mkg  zu  leisten  oder  pro  Stunde  und  wirklich ­
  an  Wasserhebung  ausgeübter  Pferdekraft  1,3  kg  Kohlen  zu  verbrauchen. ­
  Bei  einer  der  seinerzeitigen  Uebernahmsproben,  wobei
übrigens  wie  üblich  der  Kohlenverbrauch  zum  Anheizen  nicht  eingerechnet ­
  war,  hat  entsprechend  wie  oben  verstanden,  der  Kohleuverbrauch
  pro  Stunde  unv  Pferdekraft  nur  0,91  kg  betragen.  Die
Drucksteigerung  infolge  der  Reibung  in  der  Druckleitung,  welche
übrigens  nur  6,5  m  Wasservruckhöhe  etwa  ausmacht,  ist  in  der  oben
angegebenen  Förderhöhe  von  83  m  eingerechnet.
Was  nun  die  Art  der  Verwendung  der  nach  der  Stadt
gelieferten  Nutzwassermengen  betrifft,  so  entfallen  in  Prozenten  des
Gesamtverbrauchs  ausgedrückt:
            
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