Full text: Versammlungs-Berichte / Württembergischer Verein für Baukunde in Stuttgart (1885/86)

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Beilage 2 
Vortrag 
' über 
Zimmeroftn-Konstruktionen, 
gehalten von Architekt P. Lauser am 14. November 1885. 
(Mit einer Figurentafel, Blatt 1.) 
Geschichtliche Einleitung. 
Der älteste Erwärmer von' bewohnten Näitmen unseres nörd 
lichen Klimas war unseren germanischen Vorfahren gewiß der ihnen 
heilige Herd ihrer Holzhütteu, wie wir ihn in-Hundings Hütte wäh 
rend der Nibelungen-Aufführungen gesehen haben. Das offene Feuer 
brannte flackernd unter dem weit ausladenden Rauchfang. 
Von diesen offenen Feiterstellen vlit ihren Rauchfängen werden 
wir die Kaminfeuerung en als halboffene Feuerstellen 
in den Burgen, Patrizierhäusern, Schlössern, ableiten dürfen. Die 
brennenden Holzscheiter sind anstatt auf gemauertem Herde auf eiser 
nen Feuerböcken unter dem Rauchfang an der Kaminwand aufgelegt. 
Diese Kaminfeuerungen bewohnter Räume wurden vom XII. Jahr 
hundert an mit einem sich eminent steigernden Aufwand architektonisch 
dekorativ ausgebildet. Man unterscheidet in Italien dreierlei Arten: 
1) Camino romano, ein ganz in der Wand liegendes Kamin; 
2) Camino a mezzo padiglione, ein je halb und halb in und 
außer der Fenerwand liegendes Kamin, und 
3) Camino a padiglione (Zeltart), ein ganz aus der Feuer 
wand hervortretendes Kamin. 
Die Heizleistung war bei einem riesigen Aufwand an Brenn 
holzscheitern eine geringe und von keiner anhaltenden Erwärmung 
des Raums. 
Die Verbesserung in der Anlage und Konstruktion 
der Kamin- oder Cheminäe Heizungen gehört dagegen un 
serer Zeit an, bei welchen das Feuer bekanntlich auf einem, etwas 
über dem Fußboden erhöht angebrachten Rost brennt und durch ein 
vorgesetztes Kamingitter in einfachster wie reichster Ausbildung ge 
schützt wird. 
Eigentliche Stubenöfen kannte man in ganz alter Zeit nicht, 
sondern nur gemauerte Kasten, wie sie jetzt »och hie und da 
im Norden angetroffen werden sollen. 
Im Jahre 1325 aber erhielt Emmerich Kullmann von Passau 
schon ein Alleinrecht -zum Bau von holzersparenden Oefen. Der 
selbe behielt die Heizart in Gruben in der Mitte des Wohngelasses 
bei, wie sie in Böhmen gebräuchlich war, und führte gemauerte Rauch- 
kanäle unter dem steinernen Plattenboden, ähnlich der Erwärmung 
der Thon- oder Marmorplatten- oder Mosaikfußböden der Wohn- 
räume und der Laderäume in den Thermen der Römer. Eine 
solche Heizanlage war z. B. bei den Ausgrabungen ans dem hochge 
legenen nordwestlichen Friedhose zu Cannstatt als ein niedriger Back 
steinpfeilerban unter dem ganzen Firßboden sich ausdehnend zu sehen. 
Kachelöfen müssen bald nachher aufgekommen sein, wenn sie 
zu jener Zeit nicht schon bestanden, als schon der Bau der Schorn 
steine allgemeiner wurde. Nach ihrer äußeren Erscheinung und ihrer 
primitiven Heizeinrichtung sind die alten Kachelöfen und etwas 
später auch die eisernen Plattenöfen einfache Feuerherde, in denen die 
Feuerung von außerhalb des Wohn raumes durch die 
Feuerwand geschieht und der Rauch seinen Weg wieder durch dieselbe 
zurücknehmen niußte. 
Der Feuerraum ohne Rost ist für Holzfeuerung mit ganzen 
Scheitern, Reisach- oder Rebbüscheln oder Torf — je nach der Gegend 
— groß und weit genug angelegt. Später erhielten diese Oefen 
Aufsätze als Bratröhren und besondere Rauchröhren. 
Die Schönheit und Mannigfaltigkeit in Form und Farbe der 
hochgetürmten Kachelöfen, besonders während der deutschen Re 
naissanceperiode durch deutsche und schweizerische Meister geschaffen, 
ist allbekannt; dagegen blieb die Heizeinrichtung außerordentlich lange 
dieselbe, und erst vor einer verhältnismäßig sehr kurzen Spanne Zeit; 
wurden größere Füllräume und gußeiserne Einsätze zu zweckmäßige- 's 
rem Heizen des Ofens angeordnet. 
Eine Kombination von Kamiufeueranlage au der vor- 8 
deren Breitseite und einer Ofen feuerung an der rechten Neben-« 
feite ist an einem großen Meißner, grün glasierten Thonofen äuge- 1 
bracht, welcher z. B. in den Sammlungen der Kgl. Zentralstelle für j 
Handel und Gewerbe aufgestellt zu sehen ist. 
Für Wohnräume von mittleren Abmessungen ging man be- ] 
znglich seiner Größe und Heizleistung vielfach etwas zu weit, und 
mancher Ofen steht in keinem entsprechenden Verhältnis zu seinem 
Standorte. 
° Gehen wir von den langsamer wärnrenden und länger anhal 
tenden Thon- oder Kachelöfen, den Phlegmatikern, zu den Choleri- j 
kern, den eisernen Oefen über, und erkundigen uns zuerst über 
die Anwendung des Roheisens zu Gnßwaren und die : 
absichtliche Darstellung des flüssigen Roheisens, so ^ 
erfahren wir, daß sich kein Dokument hierfür vor dem Ende - 
des XV. Jahrhunderts findet. Schon zu Ende des X V.'! 
Jahrhunderts wurden Gußwaren zu häuslichem Gebrauch in dem öst- 1 
liehen Frankreich und westlichen Deutschland angefertigt, und erreich- 
ten in der Mitte des XVI. Jahrhunderts bereits eine bedeutende j 
Ausdehnung. 
Im Jahre 1479 wird in geschichtlichen Ueberlieferungen erst- : 
mals ausdrücklich das von dem ehemaligen Cistercienserkloster daselbst i 
begründete Eisenwerk Königsbronn genannt, und als Herzog Fried- j 
rich l. im Jahre 1598 die Werke an sich brachte, erfährt man, 
daß solche in einem Schmelz- und Schmiedewerk samt der 1591 er- 
bauten Blechschmiede bestanden. Aus jenen Zeiten sollen teilweise > 
die großen, in Sand auf offenem Herd geformten starken Ofenplatten 
stammen, von welchen das Museum für vaterländische Altertümer 
in Stuttgart eine sehr schöne und interessante Sammlung besitzt. 
Diese Platten zeigen Darstellungen aus der biblischen Geschichte, j 
ferner Coriolan und seine Mutter mit der Jahreszahl 1550; eine 
andere sehr hohe Platte zeigt zwei Landsknechte als Wappenschildhalter. ! 
Wappen und Embleme der Stände und Gewerbe sind viel 
fach auf jenen Platten zu finde». 
Eine sehr schön gegossene Platte ans dem Jahre 1700 zeigt die 
Kirche auf dem Schönenberg bei Ellwangen mit der Inschrift mons ! 
vpnustus ellvaci, vielleicht mit dem Bau oder der Einweihung jener 
Kirche zusammenhängend. 
Von der alten Jlsenburger Gießkunst sind Reliefplatten 
mit den Jahrzahlen 1578 und 1616 vorhanden und zeigen, daß die 
Geschicklichkeit der Former nicht gering gewesen ist und auch die stil 
vollen, in Holz geschnitzten, verzierten Reliefmodelle aus geschickten j 
Künstlerhänden hervorgegangen sind. 
Auf der Feste Coburg steht ein sehr schöner, gotischer Ofen i 
von gewaltigen Dimensionen aus großen, mit Figuren verzierten i 
Eisenplatten aus dem X V. Jahrhundert. 
Aus diesen mit aufgegossenen Jahrzahlen ver 
sehenen Beispielen ist klar zu ersehen, daß die Gieß- ! 
kunst alsbald nach ihrem Bekanntwerden zur Herstell- j 
ung von Plattengußöfen Nutzanwendung fand und 
durch die damals schon sehr bedeutende kunsthandwerk 
liche Geschicklichkeit einen hohen Grad von Schönheit
	        

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