Full text: Versammlungs-Berichte / Württembergischer Verein für Baukunde in Stuttgart (1885/86)

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Beilage 4. 
Vortrag 
über die Straßenreinigung in Stödten, 
gehalten von Stadtbaurat Kaiser am 28. November 1885. 
Ich habe es längere Zeit erwogen, ob dieser Stoss überhaupt 
zu einem Vortrag in unserem Vereine geeignet sei, und zwar des 
halb, weil es mir schien, als enthalte er gar zu wenig eigentlich 
Technisches, und für dieses wenige werde sich wiederum nur ein 
kleiner Teil unserer Vereinsmitglieder interessieren. 
Nach reiflicher Erwägung und im Hinblick auf das bewährte 
Sprichwort Probieren geht über Studieren, begann ich das 
Wichtigere und Wissenswerte aus dem gesammelten ziemlich reich 
haltigen Material auszuscheiden und nach Thunlichkeit zu benutzen; 
eine eingehende Prüfung des Zusammengestellten belehrte mich, daß 
cs doch schade wäre, die Sache ganz beiseite zu legen und mit Still 
schweigen zu übergehen. 
Mit Rücksicht hierauf und auf den weiteren Umstand, daß das 
Gesagte doch auch einiges zur Klärung der gegenwärtig so viel ven 
tilierten, vielseitigen Frage über die Hebung des Fremdenverkehrs 
beitragen könnte, sowie daß jedes Ding einen Anfang haben muß, 
um mit der Zeit allmählich seiner Vervollkomninung entgegengeführt 
werden zu können, kam der Vortrag zu stände. 
Dabei soll aber nicht verhehlt werden, daß eine Beschreibung 
gleichartiger oder doch wenig verschiedener Arbeiten und Einrichtungen 
in 20 verschiedenen Städten Deutschlands zu vielfachen Wiederhol 
ungen führen mußte, so daß die Leser vor einem gewissen Grad von 
Langeweile nicht bewahrt werden konnten; schließlich ist auch noch 
darauf hinzuweisen, daß der ganze Stoff nicht wohl als anziehend 
und noch weniger als appetitlich bezeichnet werden kann, weil viel von 
Dünger, Kehricht, Morast, Unrat rc. die Rede ist; alle diese Uebel 
stände mögen die Leser geduldig mit in den Kauf nehmen. 
Den Anlaß, die Frage der Straßenreinigung etwas näher ins 
Auge zu fassen, gaben einerseits die nicht unberechtigten Klagen, 
welche über die früheren Einrichtungen laut geworden sind, anderer 
seits auch ein Wunsch vieler Bürger, welcher bei der Beratung des 
Stadtpsiegeetats für das Rechnungsjahr 1883/84 von einem Mit- 
gliede des Vürgerausschnffes kundgegeben wurde. 
Es ist damals die Anfrage gestellt worden, ob nicht die seit 
herige Reinigung der Straßen eine Aenderung in der Richtung er 
fahren könnte, daß die Trottoirs und sonstigen Räume, die bis jetzt 
von den Hausbesitzern gekehrt werden müssen, in gleicher Weise wie 
die Fahrbahnen von seiten der Stadt oder einem städtischen Unter 
nehmer gereinigt werden könnten, und zwar beides zu derselben Zeit, 
wodurch wohl allzugroße Mehrkosten vermieden würden. 
Als Uebelstände der damaligen Reinigung wurde hervorgehoben, 
daß der Staub der Straßen auf die Trottoirs und umgekehrt hin- 
und hergeweht werde, weil das Besprengen, Reinigen und die Ab 
fuhr des Kehrichts vou den Trottoirs und den Fahrbahnen nicht 
zu derselben Zeit und von denselben Personen ausgeführt werde. 
Es liegen deshalb die Kehrichthaufen stundenlang auf den Straßen, 
die Wagen gehe» darüber hinweg, und so werden sie häufig wieder 
zerstreut, ehe sie abgefahren werden. Besser würde sich die Sache 
gestalten, wenn die gesamte Reinigung, d. h. das Besprengen, das 
Kehren und die Abfuhr, von seiten der Stadt besorgt würde, was in 
den meisten größeren Städten längst der Fall sei. 
Was die erwachsenden größeren Kosten anbelange, so wäre 
wohl zu erwägen, ob solche von der Stadt gedeckt werden können 
oder ob sie auf die Hausbesitzer umzulegen wären. Viele Haus 
besitzer und Mielsleute bezahlen jetzt schon ihre Straßen 
kehrer (?). Bei richtiger Umlage je nach der Größe der Häuser auf 
die Hausbesitzer und von diesen auf ihre Mietsleute könnte wohl 
schon ein kleiner Beitrag des einzelnen genügen, die entstehenden 
Mehrkosten zu decken. 
Der Bürgerverein und weitere Bewohner des nördlichen Stadt 
teils schloffen sich im großen Ganzen der vorstehenden Bitte an, füg 
ten aber noch weitere Wünsche bei, nämlich es solle behufs rascherer 
Abfuhr des Kehrichts die Stadt in mehrere Bezirke, etwa in 3 oder 
4 geteilt und nicht wie bisher einem einzigen Unternehmer- über 
tragen werden; ferner sollen zur Abfuhr bedeckte Wagen benutzt, in 
den Morgenstunden mit dem Reinigungsgeschäst früher begonnen 
und dasselbe ununterbrochen fortgesetzt werden, so daß auch die Ab 
fuhr bälder und längstens zwei Stunden nach dem Beginn des Keh- 
rens beendigt sein könne. 
Im Prinzip wird der Vorschlag der Uebernahme der ganzen 
Straßenreinigung durch städtische Unternehmer anerkannt, aber bei 
gefügt, daß nian sich die daraus erwachsenden größeren Kosten nicht 
verhehle und ebenso auch die Schwierigkeit der gleichmäßigen Kosten 
verteilung auf die einzelnen Hausbesitzer. Immerhin werde man 
aber am billigsten wegkommen, wenn das gesamte Reiuiguugswesen 
an diejenigen Unternehmer verpachtet würde, welche auch die Abfuhr 
besorgen. Damit aber in Bälde ein Anfang gemacht werde, so 
wurde vorgeschlagen, einige der verkehrsreichsten Straßen, wie die 
Königs-, Marien-, Rothebühl-, Friedrichsstraße, Neckarstraße, Haupt- 
stätterstraße rc als Probe in einheitlicher Weise reinigen zu lassen rc. 
Der Bürgervereiu am Feuersee kam nach einer gründlichen Er 
örterung dieses Gegenstandes, in welcher namentlich auf den Mehr 
aufwand, den die neue Einrichtung verursachen werde, hingewiesen 
wurde, zu dem Beschluß, an den Gemeinderat die Bitte zu richten: 
derselbe niöge eine Aenderung im seitherigen System der Straßen 
reinigung und Abfuhr des Kehrichts vorerst nicht eintreten lassen; da 
gegen wäre es wünschenswert, wenn eine Verbesserung resp. Ent 
fernung wirklich vorhandener Mängel hierbei in der Art geschehen 
könnte, daß die Wagen zur Abfuhr des Kehrichts mit gut schließen 
den Deckeln versehen würden und die Abfuhr selbst rascher vor sich 
ginge. Diese Einrichtungen können ohne Inanspruchnahme der Stadt 
kasse getroffen und billigen Wünschen entsprochen werden, weshalb 
der Bürgerverein hoffe, der Gemeinderat werde in diesem Sinne 
beschließen. 
Aus Anlaß dieser Zuschriften wurde der Gegenstand auch in 
der Presse (Nr. 30 des Neuen Tagblatts vom ü. Februar 1884) 
besprochen und auch hier namentlich der entstehende Mehraufwand 
bei Uebernahme des Geschäftes durch die Stadtverwaltung, sowie 
die Schwierigkeit einer richtigen Verteilung der Kosten betont; am 
Schluffe dieser Einsendung ist gesagt, es könne wohl bei der jetzigen 
Einrichtung belassen werden, nur soll die Stadt in 4 Bezirke geteilt, 
mit den Arbeiten bälder begonnen und die Kehrichtwagen mit Deckeln 
versehen werden. 
Bezüglich der Notwendigkeit der Verbesserungen stimmten so 
mit die Bittsteller im wesentlichen überein; nur hinsichtlich der Be 
schaffung der Geldmittel gingen ihre Ansichten auseinander. 
Anläßlich dieser Zusendungen an den Gemeinderat erhielt ich 
den Auftrag, mich über diese Sache eingehend zu äußern, welchen 
Zweck ich dadurch zu erreichen suchte, daß ich an die Verwaltungen 
von 19 Städten Fragebogen mit entsprechendem Inhalt übersandte 
und auch einige Städte besuchte, um ihre diesbezüglichen Einricht 
ungen durch eigene Anschauung kennen zu lernen. Die mit Frage 
bogen bedachten Städte sind: 
1) Aachen mit 85 522 Einw. 
2) Berlin mit 1 192 200 „ 
3) Bremen mit 117 560 „ 
4) Breslau mit 286 000 „ 
5) Kassel mit 62 532 „ 
6) Dresden mit 229 500 „ 
7) Düsseldorf mit ... . 104 000 „
	        

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