Full text: Versammlungs-Berichte / Württembergischer Verein für Baukunde in Stuttgart (1885/86)

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greifen lasse» zu müssen, wurden breitflantschige I-Eisenstücke da 
zwischen gelegt. , ^ 
Zum Zweck der eigentlichen Verschiebung . wurden die Quer 
träger, bezw. die eben genannten I- Stücke, an jedem Auflager mit 
einer 10 cm starken Walze unterfangen und die Brücke mittels des 
Entlastungsventils der hydraulischen Pressen auf die Walzen (etwa 
1 ,nm hoch) herabgelassen. Das Unterlager dieser Rollen sowohl, 
als dasjenige der'hydraulischen Pressen, muhte horizontal gelegt 
werden, und wurden zu diesem Zweck der Pfeilerabdachung ent 
sprechende Eichenholzkeile angefertigt; auf dieselben wurden 2 ge 
kuppelte Eisenbahnschienenstücke mit darüber ausgebrachter Eisenplatte 
gelegt und dadurch eine, der Bewegung der Rollen möglichst wenig 
Reibung entgegensetzende Ebene hergestellt. 
Nunmehr erfolgte das Verschieben der Brücke mittels zweier ge 
wöhnlichen starken Fußwinden, welche in horizontaler Lage gegen 
die alten Auflagerbossen gesteubert wurden; die Uebertragung des 
Drucks auf die den Auslagerbossen gegenüber liegende Untergurt der 
Brückenhauptträger geschah durch ca. 4,5 m lange, 15/20 cm starke 
Hölzer. 
Die Verschiebung konnte nun aber aus 2 Gründen nicht auf 
einmal erfolgen. Innerster Linie durften, wie oben erwähnt, die 
Querträger der Brücke nur bis 1,25 m von den Huuptträgern 
aus gemessen gestützt werden, sodann gestattete der flußaufwärts ge 
legene Anflagerbosseu nur die Herstellung eines, etwa 30 cm langen 
Unterlagers für die Rollen, so daß durch das erste Schieben (Fig. 4) 
die Rollen nur um 22 cm und die Brücke daher um 2 X 22—44 cm 
und durch das zweite Schieben, (Fig. 5), dem ein Umsetzen der hydrauli 
schen Pressen sowohl als der Unterlager der Rollen und dieser selbst 
vorausgehen mußte, die Rollen um 40,5 cm, die Brücke um 81 cm, 
zusammen 1,25 m fortbewegt werden konnte. 
Verbunden mit der Verschiebung der Brücke war die Anbring 
ung von Kipp- und Rollenlagern. 
Das vollständige Heben und Verschieben sämtlicher 3 Vrücken- 
teile wurde unter Leitung des Oberingenieurs Kübler und des Inge 
nieurs Baither von 6 Arbeitern in 6 Tagen ausgeführt und wurde 
samt Auf- und Abschlagen der nötigen Gerüste mit 250 JL für die 
Oeffnuug, zus. mit 750 JL bezahlt. 
Beilage 6. 
Vortrag 
über 
die Gaugeschichte der Eßlinger Frauenkirche, 
gehalten von Hof-Baudirektor von E g I e am 23. Januar 1880. 
Der Vortragende hat an den Wänden des Sitzungssaales 
ca. 20 autographierte Zeichnungen, einige sehr große Demonstra 
tionstafeln und viele ornamentale Gypsabgüsse von der Frauenkirche 
in Eßlingen ausgestellt, welche er gelegentlich der seit 1884 unter 
seiner Oberleitung stattfindenden Ausbesserungsarbeiten auf seine 
Kosten ausführen ließ. Die autographierten Blätter sind für eine 
Monographie dieses berühmten Bauwerkes bestimmt, die demnächst 
vollendet sein wird. Sie stellen den schönen Turm und das Schiff 
in Maßstäben von ! / 40 / V 15 und 'k dar, in einer Genauigkeit, wie 
sie eben nur bei solchen Restaurationsarbeiten zu erreichen ist, wo 
man mittels der Baugerüste überallhin gelangen, und stellenweise 
sogar in das Innere von Mauern und Pfeilern rc. hineinsehen kann. 
Unter Benützung dieser Ausstellungsgegenstände besprach der 
Vortragende zunächst die Gestaltung des Baues unter spezieller Her 
vorhebung der mannigfaltigen konstruktiven Eigentümlichkeiten, z. B. 
bei der Bildung der Gewölbe und Gewölbfüße, bei den Uebergängen 
der Turmgeschoße vom Viereck ins Achteck und in den Helm ic. 
Hieran reihte er sodann eine eingehende Darstellung der Baugeschichle 
des in Rede stehenden Monumentes, wobei er, unter Beachtung der 
urkundlichen Belegstellen, der Inschriften und Steinmetzzeichen, der 
Arbeits-Quantitäten und sonstigen bautechnischen Fingerzeige, bezüg 
lich der Steinbearbeitung und Fügung, sowie der architektonischen 
und ornamentalen Unterschiede zum Teil zu anderen Ergebnissen 
gelangte, als diejenigen sind, welche man bisher für giltig er 
achtet hat. 
Als Grundlagen für diesen Teil seiner Studien nennt der Vor 
tragende die Druckschriften: 1) Psaff, Dr. K., Geschichte der Stadt 
Eßlingen, 1840; 2) derselbe, Geschichte der Frauenkirche in Eßlingen, 
1863; 3) derselbe, die Künstlerfamilie Böblinger, 1862; 4) Klemm, 
A., Würltembergische Baumeister, 1882. Feiner sagt er. die urkund 
lichen Belegstellen habe er den Lchriften Psaffs entnommen, welcher 
das Eßlinger Archiv geordnet und eingehend studiert habe; das 
Klemm'sche Werk habe ihm sehr schätzbare Fingerzeige bezüglich der 
Verwertung der Steinmetzzeichen und mannigfache sonstige Anregung 
gewährt. Einige Irrungen dieser hochachtbaren Forscher rühren 
davon her, daß sie fehlerhafte ältere Notizen zu gläubig aufgenom 
men haben, weil ihre technischen Kenntnisse, wie schätzenswert die 
selben auch seien, doch nicht ausgereicht haben, die Unhaltbarkeit 
dieser Notizen sofort Zu erkennen. 
Die urkundlichen Angaben hat der Vortragende weithin lesbar 
auf eine Wandtafel geschrieben. Die wichtigsten davon besagen: 
1) 1267 wird einer „Liebfrauenkapelle" nahe der Stadtmauer ge 
dacht; 2) 1321 beginnen die Geldsammlungen behufs des Baues 
einer Kirche an Stelle jener Kapelle; 3) 1335 stiftet der Rat der 
Stadt einen zweiten Altar in den Chor (der Hauptaltar war da 
mals schon vorhanden); 4) 1350 wird ein dritter Altar in den 
Chor gestiftet; 5) 1362, 1363 und 1366 werden drei Altäre im 
Schiff errichtet; 6) zwischen 1390 und 1400 wird behufs der „Ver 
längerung" der Frauenkirche ein Haus an der Stadtmauer ange 
kauft und abgebrochen; 7) 1412 Erwähnung „der neuen großen 
Thüre"; 8) 1425 Stiftung des 10. Altars; 9) 1436 stirbt der 
Frauenkirchen Balier Hans Hülin, sein Nachfolger ist Mathias En- 
finger, der Bruder des Matthäus Ensinger in Bern, welcher 
damals auch Oberleiter des Eßlinger Frauenkirchenbaues war; 
10) 1438 stirbt Mathias Ensinger; an seine Stelle tritt auf Mat 
thäus Ensingers Rat Hans Böblinger, welcher von 1440 an 
„des Frauenkapellenkirchenturms und Baues" Meister ist; 11) 1460 
bis 1464 baut Hans Böblinger im Akkord den Kirchturm in Möh 
ringen; 12) 1482 stirbt Hans Böblinger und 1492 Marx Böb 
linger; 13) 1494 zieht Matthäus Böblinger, bis dahin 
Münsterbaumeister in Ulm, nach Eßlingen, wo er 1505 stirbt; 
14) 1516 stirbt Dionysius Böblinger, dem Marx von Stuttgart als 
„Steinmetz der Stadt und Frauenkirche" folgt; 15) 1531 Refor 
mation und Zerstörung der meisten Altäre in der Frauenkirche. 
Die Inschriften bestehen: 1) Aus denen der Grabsteine des 
Hans und Matthäus Böblinger, von welchen ersterer nur das Stein 
metzzeichen und den Todestag angibt, auch besagt, daß Hans 
„Meister unser lieben frowen kirchcn buws" gewesen ist, der zweite 
aber außer dem Steinmetzzeichen nur das Todesjahr und den Namen 
„Matneus Beblinger von Eslinen" mit der Bitte um Gottes Barm 
herzigkeit aufweist; 2) aus Jahreszahlen. Diejenigen an den oberen 
Turmstockwerken lauten: 1438, 1440, 1449, 1465, 1471, 147..
	        

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