Volltext : Versammlungs-Berichte / Württembergischer Verein für Baukunde in Stuttgart (1887/88)

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Millionen  Mark  ergeben  würde.  Auch  bezweifelt  er,  ob  Tuffsteine ­
  die  genügende  Festigkeit  haben,  um  hier  Verwendung  zu
finden.  Bezüglich  der  Kettenbrücke  sei  gtt  bemerken,  daß  die
Verankerung  derselben  in  das  Hochwasser  fallen  würde.
v.  Hünel  spricht  sich  zu  Gunsten  einer  Kettenbrücke  ans,
welche  ihm  namentlich  wegen  ihres  überaus  günstigen  Längenprofiles, ­
  wegen  der  geringen  Kosten  und  auch  wegen  des  guten
Aussehens  unter  den  vorliegenden  Projekten  am  besten  gefalle.
Die  Kosten  einer  Steinbrücke  würden  nach  seiner  Schätzung
nicht  unter  1,5—2  Millionen  Mark  zu  stehen  kommen.
Kölle  beruft  sich  bezüglich  der  Festigkeit  der  Tuffsteine
auf  Versuche  bei  dem  Bahnhofbaubureau  Cannstatt,  welche  eine
genügende  Festigkeit  dieses  Steinmaterials  ergeben  habe.  Was
das  gegen  eine  Kettenbrücke  erhobene  statische  Bedenken  betreffe,
so  teile  er  dasselbe  nicht;  die  vorliegende  versteifte  Hängebrücke
sei  eben  so  statisch  bestimmt,  als  ein  Bogen  mit  2  Gelenken;
er  berufe  sich  in  dieser  Hinsicht  auf  die  Ausführungen  Prof.
Weyrauchs  in  seinen  „Aufgaben  zur  Theorie  elastischer
Körper".
Weyrauch  bestätigt,  daß  das  angewendete  System  der
versteiften  Kettenbrücken  leicht  berechnet  werden  könne,  doch  sei
es  nicht  statisch  bestimmt,  da  die  Elastizitätstheorie.zu  Hilfe  genommen ­
  werden  müsse.  Er  erwähnt  hierauf  einige  praktische
Bedenken,  welche  gegen  die  versteiften  Kettenbrücken  geltend  zu
machen  seien.  Während  man  bei  der  Berechnung  von  der  Voraussetzung ­
  ausgehe,  daß  bei  Wirkung  des  Eigengewichtes  allein
oder  bei  Vollbelastung  der  Brücke  der  Versteifungsträger  spannungslos ­
  sei,  also  auch  keinen  Auflagerdrnck  ausübe,  so  sei  es
nicht  unmöglich,  daß  durch  Fehler  bei  der  Montierung  oder  durch
Temperatureinflüsse  (analog  den  bei  der  Cannstattcr  Eisenbahnbrücke
  gemachten  Erfahrungen)  eine  Entlastung  der  Kette  eintreten ­
  könne,  so  daß  der  Versteifungsträger  übermäßig  belastet
w^rde.
Jedenfalls  werde  es  nötig  sein,  neben  sorgfältiger  Montierung
für  gute  Beaufsichtigung  zu  sorgen.  Er  würde  übrigens  trotz
der  Berechnung  Bedenken  tragen,  große  Einzellasten,  wie  Dampfwalzen ­
  über  eine  solche  Brücke  zu  führen.
Ob  sich  nicht  in  dem  vorliegenden  Falle,  wenn  ein  Horizontalschub ­
  auf  die  Pfeiler  vermieden  werden  solle,  der  Ausweg
empfehle,  welcher  bei  der  Erbauung  der  Limmatbrücke  in  Zürich
eingeschlagen  worden  sei  —  nämlich  das  System  einfacher  Blechträger ­
  in  Bogenform?
v.  Hänel  teilt  die  Bedenken  Weyrauchs  gegen  Neberführung
  außerordentlicher  Einzellasten  über  eine  Hängebrücke  und
würde  in  vorliegenden  Falle  dazu  raten,  diese  Lasten  in  den
doch  immerhin  seltenen  Fällen  über  die  alte  Wilhelmsbrücke  zu
weisen.
Baurat  Rh  einh  ard  bespricht  die  Jnundationsverhältnisse
des  Neckars  bei  Cannstatt  und  betont,  daß  er  bei  der  viel  geringeren ­
  Durchflußweite,  welche  die  Wilhelmsbrücke  und  die
Eisenbahnbrücke  hätten,  keinen  Grund  einsehe,  warum  man  der
neuen  Brücke  eine  so  viel  größere  Weite  geben  solle.  Durch  eine
entsprechende  Reduzierung  derselben  würden  sich  die  Kosten  der
einzelnen  Projekte  wesentlich  anders  gestalten.
Im  übrigen  wolle  er  auch  hier  im  Vereine,  wie  er  es  schon
in  einer  Versammlung  der  Vürgervereine  gethan  habe,  die  Ausschreibung ­
  einer  öffentlichen  Konkurrenz  für  die  beste  Lösung
der  Brückenfragc  lebhaft  befürworten  und  auf  das  Beispiel  der
Mainzer  und  Mannheimer  Brückenkonkurrenz  Hinweisen.  Sache
des  Bauvereins  werde  es  sein,  diese  Konkurrenz  bei  der  kgl.  Regierung ­
  in  Anregung  zu  bringen.
Oberbaurat  Leibbrand  glaubt,  daß  die  Sache  hier  doch
anders  liege  als  in  Mannheim,  wo  es  sich  wegen  der  dortigen
Verhältnisse  nur  um  eine  eiserne  Brücke  habe  handeln  können.
Während  die  Projekte  eiserner  Brücken  bezüglich  ihrer  Berechnung ­
  und  Ausführung  leicht  kontrollierbar  seien,  treten  bei  Beurteilung ­
  steinerner  Brücken  ganz  andere  Momente  hinzu,  weil
ihre  Ausführbarkeit  in  viel  höherem  Maße  von  der  Art  der  Aus-  !
führung  abhängig  sei.  Es  würden  deshalb  bei  der  Wertbemes-  ;
sung  der  einzelnen  Konkurrenzprojckte  in  Eisen  und  Stein  für  !

die  Bauverwaltung  große  Schwierigkeiten  entstehen,  da  der
Spielraum  zu  groß  sei,  —  er  müsse  sich  aus  den  angeführten
Gründen  gegen  eine  Konkurrenz  aussprechen.
Baurat  Rheinhard  teilt  die  Bedenken  Leibbrands
nicht,  da  ja  die  Projekte  von  Technikern  geprüft  würden,  die
Unternehmung  Garantie  leisten  müsse  und  überdies  der  Verwaltung ­
  die  Kontrolle  der  Ausführung  zukomme.  Er  würde  es
bedauern,  wenn,  nachdem  das  kgl.  Finanzministerium  bei  dem
Bau  des  Landesgewerbemuseums  mit  einer  Konkurrenz  für  Architekten ­
  den  Anfang  gemacht  habe,  man  die  Gelegenheit  versäumen
würde,  diese  für  Ingenieure  sehr  dankbare  Aufgabe  einer  Konkurrenz
  zu  unterwerfen.
Nachdem  sich  noch  Kölle  gegen  eine  Konkurrenz  überhaupt,
Göller  gegen  eine  solche  ohne  Angabe  des  gewünschten  Materials, ­
  Tafel  für  eine  Konkurrenz  ausgesprochen  haben,
schlägt  Walter  vor,  um  der  genannten  Schwierigkeit  auszuweichen, ­
  die  Erteilung  von  zwei  Preisen  —  einen  für  Stein,  den
andern  für  eine  eiserne  Brücke  —  zu  empfehlen.
Oberbaurat  Leibbrand  bemerkt,  daß,  wenn  man  eine
Konkurrenz  auch  für  eine  steinerne  Brücke  ausschreibe,  und  dabei,
wie  wohl  nicht  anders  gehe,  die  zulässige  Pressung  vorschreiben
müsse,  dann  die  wesentlichen  Voraussetzungen  zu  einer  Konkurrenz ­
  wegfielen,  weil  die  Aufgabe  zu  bestimmt  und  deren
Lösung  zu  einfach  werde,  um  eine  Konkurrenz  zu  benötigen.
Leib  brand  von  Sigmaringen  glaubt  dagegen,  daß  auch
dann  noch  die  Aufgabe  eine  sehr  lohnende  sein  werde,  und  daß
es  geradezu  als  wünschenswert  zu  bezeichnen  sei,  auch  einmal
für  die  Entwicklung  der  Kunstformen  von  Steinbrücken  durch
das  Zusammenwirken  von  Architekten  und  Ingenieuren  befriedigende ­
  Lösungen  zu  erhalten.
Nach  Schluß  der  Debatte  wird  der  noch  näher  zu  formulierende ­
  Antrag  Rh  ein  hards:  „Der  Bauverein  möge  sich  bei
der  kgl.  Regierung  für  die  Ausschreibung  einer  Konkurrenz  zur
Gewinnung  von  Plänen  für  die  Neckarbrücke  bei  Cannstatt  mit
2  ersten  Preisen,  wovon  einer  für  ein  Projekt  in  Stein,  der
andere  für  ein  solches  in  Eisen,  verwenden,"  nahezu  einstimmig
angenommen.
Schluß  der  Versammlung  11  Vü  Uhr.
Der  Schriftführer.
Tafel.
Kauptvcrsammlung,  am  28.  Januar  1888.
Vorsitzender:  Göller.  Schriftführer:  Tafel.
Anwesend:  56  Mitglieder.
Der  Vorsitzende  begrüßt  die  anwesenden  Vereinsmitglieder
und  dankt  besonders  den  auswärtigen  Mitgliedern  für  ihr  zahlreiches ­
  Erscheinen.  Von  den  Ehrenmitgliedern  v.  Schlierholz
und  v.  Egle  sind  Schreiben  eingelaufen,  in  welchen  sie  ihr  Bedallern
  aussprecheit,  wegen  Krailkhcit  an  der  Hauptversammlung
nicht  teilnehmen  zu  können.
Dem  hierauf  vom  Vorstand  erstatteten  Jahresbericht  ist
folgendes  zu  entnehmen:
Die  Vereinsämter  waren  im  abgelaufenen  45.  Vereinsjahr
verteilt  wie  folgt:
Vorstand:  Professor  Göller.
Stellvertreter  des  Vorstandes:  Oberbaurat  v.  Hänel.
Schriftführer:  die  Abteilungsingenieure  Laistner  u.  Tafel.
Kassier:  Regierungsbaumeister  Weigelin.
Bibliothekar:  Stadtbaurat  Kaiser.
Ausschußmitglieder  ohne  besonderes  Amt:  Oberbaurat  Leibbrand,
  Professor  Walter,  Professor  Weyrauch.
Vertreter  des  Vereins  im  Redaktionsausschuß  war  Professor ­
  Reinhardt.
Dein  Ausschuß  war  als  in:  Haushalt  vorgesehener  Sekretär
beigegeben  Ingenieur  Doka.
Der  Mitgliederstand  war  zur  Zeit  der  letzten  Hauptversanunlung
  nach  deren  Protokoll:
            
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