Volltext : Versammlungs-Berichte / Württembergischer Verein für Baukunde in Stuttgart (1887/88)

und  anderwärts  in  den  Resten  des  Altertums  fehlende,  daher  besonders ­
  interessante  Formenwelt  kaum  minder  gut  erhalten  sei  als
wenn  sie  in  Stein  ausgeführt  worden  wäre.  Architekt  Stahl
ladet  zum  Studium  der  ausgezeichneten  über  Pompeji  erschienenen
Studien  und  Prachtwerke  ein,  welche  in  der  kgl.  öffentlichen  Bibliothek ­
  und  in  derjenigen  des  Landesgewcrbemuseums  aufgelegt  seien,
und  führt  namentlich  auf  das  Werk  von  Massois,  Les  ruinös
de  Pompeji,  ferner  das  Prachtwerk  von  Nicolini  und  eine  Sammlung ­
  pompejanischer  Wandmalereien  von  Mau.
Schluß  der  Versammlung  lOVa  Uhr.
Der  Schriftführer:
Tafel.
Dritte  gesellige  Bereinigung  am  30.  April  1887.
Anwesend  34  Mitglieder  und  2  Gäste.
Professor  Göller  hält  den  angekündigten  Vortrag  „über  ein
neuentdecktes  Gesetz  der  Formästhetik",  der  in  den  Grundzügen
durch  Beilage  3  wiedergegeben  ist.  Die  zur  Besprechung  gelangenden
geometrischen  Formgesetze  sind  durch  ausgestellte  Figurentafeln  zur
Anschauung  gebracht.
Professor  Laißle  schildert  hierauf  an  der  Hand  zahlreicher
Werkpläne  die  beim  Ban  des  Tunnels  von  Ronco  in  der
Linie  Alessandria-Genua  eingetretene  Katastrophe.  Durch  die  Eröffnung ­
  der  Gotthardbahn  hatte  sich  der  Verkehr  ans  dieser  Linie
so  vergrößert,  daß  die  Bahnverwaltung  an  Stelle  eines  mit  24
und  40°/oo  Steigung  angelegten  Bahnstücks  ein  solches  mit  erheblich ­
  geringerer  Steigung,  dafür  aber  weit  längerem  Tunnel  einzulegen ­
  beschloß.  Die  Bauzeit  für  diesen  8,2  Km  langen  Tunnel
wurde  auf  nur  2  Va  Jahre  festgesetzt  und  diese  Frist  auch  wirklich
eingehalten.  Aber  es  zeigten  sich  schon  während  des  Baues  solche
Deformationen  des  aus  Backstein  hergestellten  Gewölbes,  namentlich
auf  einer  tief  im  Innern  des  Tunnels  befindlichen,  einen  Kilometer
langen  Strecke,  in  welchem  ein  in  Verwitterung  begriffenes,  sich  blühendes ­
  Thonschiefermaterial  auftrat,  daß  der  Betrieb  seither  noch
nicht  aufgenommen  werden  konnte.  Die  teilweise  zu  Staub  gedrückten ­
  Backsteingcwölbe  müssen  durch  solche  in  härterem  Material,
etwa  Granit,  ersetzt  werden;  in  welcher  Zeit  und  mit  welchem  Erfolge ­
  dies  geschehen  kann,  nachdem  einmal  das  Gebirge  in  Bewegung ­
  ist,  dos  läßt  sich  nicht  voraussagen.  Redner  beleuchtet  die
kurze  Bauzeit,  die  damit  zusammenhängende  Herstellung  zu  zahlreicher ­
  Aufbrüche,  welche  in  erster  Linie  die  Bewegung  des  Gebirges
und  den  hiedurch  entstandenen  enormen  Druck  veranlaßt  haben,  das  j
wenig  widerstandsfähige  Gewölbematerial  und  noch  andere  Ursachen
der  Katastrophe,  indem  er  einen  zweiten  Vortrag  in  Aussicht  stellt,
sobald  die  noch  im  Gang  befindlichen  Erhebungen  über  die  beste
Ausführungsweise  der  Rekonstruktionsarbeiten  zum  Abschluß  gelangt
sein  werden.

Künste  ordentliche  Versammlung  am  14.  Mai  1887.
Vorsitzender:  Göller.  Schriftführer:  Laistner.
Anwesend  27  Mitglieder  und  2  Gäste.
Nach  Eröffnung  der  Sitzung  begrüßt  der  Vorsitzende  zunächst
die  Herren  Architekt  Schiebt  und  Ingenieur  Weigelin  als  Gäste
und  erteilt  sodann  das  Wort  zur  Verlesung  des  Protokolls  der  4.
Versammlung.  Dieses  wird  ohne  Einwendung  genehmigt.
An  Einläufen  liegen  vor:
1.  Mitteilungen  deS  deutsch-amerikanischen  Technikerverbandes,  zugesendet ­
  von  Architekt  A.  Hettich  in  Chicago.
2.  15  Exemplare  Verbandsmitteilungen  mit  Darstellung  der
Ehrengabe  des  Verbandes  zum  90.  Geburtsfcst  Seiner  Ma-  !
jestät  des  Kaisers  und  Bericht  über  den  Akt  der  Ucberreichung.
3.  15  Exemplare  Verbaudsniittcilungen,  betreffend  die  Beschlüsse
der  Münchener  und  Dresdener  Konferenzen  über  einheitliche
Untersuchungsmethodcn  bei  der  Prüfung  von  Bau-  und  Kon-  !
struktionsmaterialien.

4.  Probestücke  der  patentierten  Gipsdielen  von  Architekt  Mack
in  Ludwigsburg  (s.  Protokoll  der  vierten  ordentlichen  Versammlung). ­

5.  Ein  Exemplar  des  eben  erschienenen  Buches:  Göller  „Zur
Aesthetik  der  Architektur,"  als  Stiftung  des  Verfassers  in
die  Bibliothek  des  Vereins.
Ueber  Aenderungen  im  Mitgliederstand  teilt  der  Vorsitzende
mit,  daß  Regierungsbaumeister  Schlierholz  von  Stuttgart  nach
Wangen,  Regierungsbaumeister  Lebret  von  Wien  nach  Stuttgart
gezogen  sei  und  Bauinspektor  a.  D.  Bügler  seinen  Austritt  aus
dem  Verein  angezeigt  habe.
Aufnahmsgesuche  liegen  vor:  von  Architekt  Schiebt  und  Architekt ­
  C.  H  e  e  ß  in  Stuttgart.  .
Bezüglich  der  Konkurrenzpläne  zu  dem  Heilbronuer  Schulhausbau ­
  ist  der  Vorsitzende  in  der  Lage,  mitteilen  zu  müssen,  daß  die
nicht  prämierten  Entwürfe  dem  Verein  nicht  zugänglich  gemacht
werden  können,  daß  aber  die  prämierten  auf  Wunsch  durch  Vermittlung ­
  des  Herrn  Stadtbaumeisters  Wenzel  hieher  gesandt  werden
würden,  selbstverständlich  auf  Kosten  und  Gefahr  des  Vereins.
Auf  Antrag  v.  Seegers  wird  beschlossen,  die  Pläne  kommen  zu
lassen  und  —  etwa  in  der  nächsten  geselligen  Vereinigung  —  zur
Ausstellung  zu  bringe».
v.  Hänel  teilt  mit,  daß  das  Heft  II  der  Vereinsprotokollc
pro  1886,  dessen  Herstellung  sich  durch  die  verschiedensten  Umstände
unliebsam  verzögert  habe,  nunmehr  fertig  gestellt  sei.  Er  spricht
v.  Bok  seinen  besonderen  Dank  für  den  von  ihm  als  Beilage
zu  jenem  Heft  gestifteten  Abdruck  seines  im  Laufe  des  Jahres  gehaltenen ­
  Vortrags  über  die  Stuttgarter  Kunstschule  aus.  Der  Vor
sitzende  seinerseits  nimmt  Anlaß,  v.  Hänel  für  seine  Bemühungen
um  Herstellung  des  außergewöhnlich  umfangreichen  Protokollhefts
zu  danken.
v.  Hänel  giebt  von  einem  Aufruf  Kenntnis,  der  von  Verehrern ­
  des  Prof.  Dr.  v.  Bischer  ergangen  ist,  um  diesem  aus
Anlaß  der  bevorstehenden  Vollendung  seines  80.  Lebensjahrs  eine
Gabe  zu  überreichen  und  setzt  eine  Liste  zur  Beitragszeichnung  in
Umlauf.
Nunmehr  erhält  Herr  Baurat  Rheinhard  das  Wort  zu
dem  auf  der  Tagesordnung  stehenden  Vortrag  „über  die  Kunst  des
Wölbens".  4
Dieser  durch  eine  reiche  Zahl  von  Zeichnungen  unterstützte  und
mit  allseitigem  Beifall  aufgenommene  Vortrag  ist  in  der  Beilage  4
wiedergegeben.
Bei  der  nachfolgenden  Diskussion  hebt  zunächst  der  Vorsitzende
hervor,  daß  sich  beim  Brückenbau  in  Stein  ein  altes  und  ein
neues  Prinzip  gegenüberstehen.  In  der  früheren  Theorie  der  Gewölbe ­
  seien  diese  als  aus  zwar  starren,  aber  an  den  Fugen  verschieblichen ­
  Stücken  bestehend  vorgestellt  worden,  während  jetzt  gesucht ­
  werde,  das  Gewölbe  zu  einer  zusammenhängenden  homogenen
elastischen  Masse  zu  machen.  Dieser  Schritt  zu  einer  kühneren
Auffassung  der  Wölbung  sei  die  natürliche  Folge  des  Fortschritts
von  dem  früher  gebrauchten  Mörtclmaterial  zum  heute  zur  Verfügung ­
  stehenden  oder  wenigstens  durch  besonders  sorgfältige  Bereitung ­
  und  Auswahl  der  Beimengung  erreichbaren.  Der  früher  verwertete ­
  Mörtel  war  im  Brückenbau  nur  als  Mittel  zur  Druckübertragung, ­
  nicht  als  zng-  und  schubfestes,  verkittendes  Bindemittel  der
Steine  zu  bewerten.  Die  weitergehende  Auffassung  des  Mörtels  in
der  Wölbeknnst  sei  übrigens  im  Hochbau  kaum  jünger  als  die  andere
und  schon  in  den  allrömischen  Wölbungen  zur  Geltung  gelangt,
die  ihre  Dauerhaftigkeit  vielfach  nicht  dem  Steinverband,  sondern
nur  dem  vorzüglichen  Mörtel  verdanken,  ja  sogar  zum  Teil  nur
Gußmasse  sind.  In  Italien  werden  noch  heute  3—4  m  weite
Hochbnugcwölbe  aus  flachliegenden  Backsteinen  mit  Mörtelüberguß,
also  samt  diesem  nur  7—8  cm  dick  ausgeführt.
Regierungsbaumeister  Kölle  findet  die  von  Rheinhard  empfohlene ­
  Methode  des  Wölbens  keineswegs  neu.  Er  giebt  demselben ­
  darin  Recht,  daß  man  namentlich  bei  Brücken  möglichst  die
Verdrängung  der  Eisenkonstruktionen  durch  den  Steinbau  anstreben
sollte,  hätte  aber  gewünscht,  daß  im  Vortrag  mehr  aus  große  Muster,
wie  z.  B.  die  Almabrückc  in  Paris,  Bezug  genonimen  worden  wäre,
als  auf  die  in  unserem  Lande  ausgeführten  kleineren  Objekte.  Er
            
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