Full text: Versammlungs-Berichte / Württembergischer Verein für Baukunde in Stuttgart (1889/90)

Beilage 1. 
Mitteilungen üöer Iotksschutl-äuser. 
Voll Regierungs-Banmcister Jt. Schmohl, städtischem Bauinspektor in Stuttgart. 
Ein Reisebericht, den der Vortragende voriges Jahr anläß 
lich einer Rundreise um unser engeres Vaterland an den Ge 
meinderat Stuttgarts erstattet hat, ist Veranlassung zu den vor 
liegenden Mitteilungen über Volksschulhäuser geworden. 
Wie die Schule selbst grundlegend für die Entwickelung der 
geistigen und körperlichen Fähigkeiten eines Volkes ist, und wie 
ihre Wertschätzung einen Maßstab für die Beurteilung der In 
telligenz, der nationalen Macht lind Wohlfahrt desselben abgiebt, 
so ilicht minder das Haus, das sie aufzunehmen hat, und desseil 
Anlage und Einrichtungen so beschaffen sein sollen, daß das kör 
perliche Wohl der Schuljugend darin bewahrt und gefördert 
werde und damit die erste Voraussetzuilg für die geistige Ent 
wickelung derselben vorhanden sei. 
Reben den Forderungen der Pädagogik sind es somit haupt 
sächlich die aus den einzelnen Lebensäußerungen des menschlicheil 
Körpers sich ergebendeii hygienischen Bedürfnisse, deren Befrie- 
diguilg die Hauptaufgabe des Baumeisters beim Bau eines Schul 
gebäudes bildet. 
Dies ist keine sehr leichte Aufgabe, denn die Ansprüche der 
Pädagogen und die Forderungen der Gesundheitslehrcr decken sich 
keiileswegs in allen Fällen, ja stehen sich manchmal diametral 
gegenüber, uild alle beide schießen sehr oftmals weit über das 
Ziel hinaus. 
Sache des Technikers ist es, das praktisch Erreichbare im ! 
Auge zu behalten und durch weises Maßhalten die Forderungen 
des Schulmannes und Arztes mit den Rücksichten auf die öko- 
nomischen Verhältnisse in Einklang zu bringen. 
Durch Verfügungen und Gesetze sind seitens der einzelnen 
Staaten Grundlagen für die Gestaltung der Schulhäliser und 
die Gesundheitspflege gegeben worden. Allen voran war es 
Württemberg, welches durch die bekannte mustergültige Verfü 
gung vom 28. Dezember 1870 obige Punkte regelte. Ihm 
folgten, fast durchweg ail die württembergische Norm sich anleh- 
nend, Preußen, Sachsen, Deutsch-Oestrereich, Hessen u. s. w. 
Bevor die einzelnen Punkte der erwähnten Verfügung auf 
gezählt werden, sei auf den Plan eines Schulhauses aufmerksam 
geinacht, wie derselbe vor 250 Jahren geplant war, und zwar 
für die Vaterstadt des Vortragenden, die ehemalige freie Reichs 
stadt Jsny; ciil großer Teil derselben wurde im Jahr 1631 
durch eine Feuersbrunst in Asche gelegt, darunter auch das j 
Schulhaus. Joseph Furttenb ach der jüngere von Ulm hat 
in seiner Schrift „Teutsches Schulgebäw", welche er dem „Bür 
germeister und Rath der heiligen Reichsstadt Jsny" widmet, 
seine Gedanken über einen Neubau niedergelegt und mit 2 Kupfer- 
blättern erläutert. 
Hienach sind seine „Bedenken ober dises vorhabende Schul- j 
gebäw" folgende: 
„das solle also angelegt sein / damit als dann durch - 
seine so gute oommoditeteu der Jugend zum fleissigen 
lernen gleichsam Anlaitung gegeben werde. 
Und 
„Erstlich daß die Schulstuben von Orient gegen Occi- 
dent, oder aber welches viel besser were von Meridie gegen 
Septentrion ihren wol durchstreichenden Lufft habe / damit 
die Kinder nit in den Dampff gesteckt / sonder daß aller 
von so vil Menschen herrührender Athem / oder Dampfs / 
der Natur / gemäß / gegen der Bühne hinauf steige / von dahr 
aber / deß durchstreichenden Luffts gewaltsame / durch die 
hierzu verordnete Lufftlöcher hinauß getriben / worvon die 
Jugend erfrischet / und also nach Gottes willen bey guter 
Gesundheit mögen erhalten werden. 
„Am Andern aber / daß die Tisch oder lange Taften / 
also gestellt seyen, damit jedes Kind / sowohl zum lesen / 
als auch zum schreiben und Rechnen deß Tages Liecht ge 
messen möge. Fürnemblich dahin angesehen / daß jebeö 
Schulkind 2V 4 / Werkschuch lang / ond l 3 /* / Schuch braiten 
Platz / ob dem Tisch zu seinem Theil behalte / damit es 
sich mit den Armen zerspreitten ond sein eommoditet zum 
laborieren gehaben möge. 
„Drittens / daß der Schulmeister / so wol Hinder 
rucks / als auch beyseyts / zu jedem Kind gar füglich ge 
langen / jhme den Arm und Finger die Feder recht zu 
regieren / neben anderer onderweisung im Rechnen zu geben / 
vermögt seye. 
„Vierdtens / das jedes Kind von seinem Sitz ab 
tretten / auch widerumben an seinen Ort / ohne einige 
Verhinderung oder auffstehens deß andern Nebengesellens / 
gelangen könne. 
„Fünfftens / daß in / mittel der Stuben / ein gerau 
mer Platz / oder Spaziergang gefunden werde / damit die 
vorgesetzte Herren und Visiiatoreo der Schulen / allda jhren 
gang gehaben / ond also zu allen Kindern sehen mögen. 
„Endlichen so erfordert es noch ein besondern Platz /' 
daselbsten dann ein schwartze Tafel auffgericht / an welche 
die Lection / der noch gar onerfahrnen Kinder / jhnen 
vorgeschriben wird." 
Man ersieht hieraus, daß damals schon gewisse Prinzipien 
über die Einrichtung der Schulstuben bestanden, welche zum Teil 
heute noch gelten, während andere eine wesentliche Umgestaltung 
erfahren haben. 
Doch hören wir zunächst einmal, welche Vorschriften die 
Neuzeit über ven Bau und die Einrichtung der Schulhäuser auf 
gestellt hat. 
In der oben erwähnten württ. Verfügung — deren Einzel 
heiten hier nicht aufgeführt werden sollen— sind Anweisungen gegeben 
1. über die Räume des Schulhauses im allgemeinen; 
2. über die Lage des Schulhauses; 
3. über die Konstruktion der Mauern und Wände; 
4. über die Schulzinuner in Bezug auf deren Einteilung, 
Größe, Form, Höhe, über die Beschaffenheit von deren
	        

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