Volltext : Monatsschrift des Württembg. Vereins für Baukunde in Stuttgart (1893-97)

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nach  europäischen  Mustern  gearbeitet  haben,  sondern  mit  Systemen
eigener  Erfindung  aufgetreten  find.
Während  unsere  aus  älterer  Zeit  herrührenden  Holzbrücken
größerer  Spannweite  als  schwere,  komplizierte,  einer  Berechnung  kaum
zugängliche  Bogen-  oder  Sprengwerkskonstruktionen  erscheinen  (siehe
Fig.  1  und  2  Tafel  I),  sind  in  Amerika  vorzugsweise  Howeträger
angewendet,  die  bekanntlich  in  elementarster  Weise  sich  berechnen
lassen:  Verlängert  man  die  beiden  äußersten  Streben,  welche  sich  im
Punkt  C  schneiden,  so  stellt  das  Sprengwcrk  A  B  C  ber  Fig.  3  die
Konstruktion  des  Trägers  vor,  nur  mit  dem  Unterschied,  daß  die
Streben  zerschnitten  und  nach  unten  verschoben  sind  (vergl.  Culmann,
amerik.  Brücken  in  Försters  Bztg.  1851  u.  52).
Ein  noch  einfacheres  System,  die  Jochbrücke  (Trestlework),
tritt  überall  da  auf,  wo  die  Fundation  der  Pfeiler  direkt  auf  festem
Untergrund  geschehen  kann,  somit  nur  geringe  Kosten  erfordert,  also
im  Flutgcbiet  der  Ströme.  Sie  bestehen  einfach  aus  hölzernen  Jochen
aus  Pfosten  und  Bügen,  welche,  in  geringer  Entfernung  aufgestellt,  mit
Langschwellen  verbunden  sind,  welche  die  Fahrbahn  tragen  (s.  Fig.  4).
Das  Trestlework  hat  aber  auch  Anwendung  gefunden  als  Ersatz
für  Bahndämme,  manche  tiefe  Schlucht  ist  durch  solche  Konstruktionen ­
  überbrückt,  um  die  Kosten  der  hohen  Dammschüttungen  und
die  lange  Bauzeit  zu  ersparen.  Die  Joche  sind  hiebei  in  Etagen
zerlegt,  die  seitliche  Steifigkeit  derselben  wird  durch  ein  System  von
Längszangen  erreicht,  hie  und  da  sind  einzelne  Felder  noch  durch
Kreuzstreben  versteift  (s.  Fig.  5).
Obgleich  nun  die  amerikanischen  Hölzer  im  allgemeinen  größere
Zähigkeit  und  Dauer  zeigen  als  die  unsrigen,  so  hat  man  doch  die
Notwendigkeit  erkannt,  nach  und  nach  die  Holzbrücken  durch  Eisenkonstruktionen ­
  zu  ersetzen  (wenn  ich  nicht  irre,  dürfen  im  Eisen-  !
bahnbau  die  Holzbrücken  nur  in  den  ersten  10  Jahren  der  Konzession
zur  Verwendung  kommen),  und  sieht  man  deshalb  jetzt  eine  Menge
eiserner  Brücken;  ich  kann  mir  nicht  denken,  in  irgend  einem  Lande
so  viele  wie  in  Amerika  beisammen  gesehen  zu  haben.
Statt  des  Eisens  wird  in  neuester  Zeit  immer  mehr  das  Fluß  -
eisen  verwendet;  man  sagte  mir,  daß  etwa  85°/o  aller  Eisenkonstruktionen ­
  gegenwärtig  aus  Flußeisen  hergestellt  werden,  wie  ja  auch
bei  uns  in  Europa  dasselbe  sich  immer  weitere  Gebiete  erobert.
Wie  zu  erwarten,  sind  die  beim  Holzbau  angewendeten  Systeme,
selbstverständlich  mit  den  erforderlichen  Modifikationen  zu  den  Eisen  -
konstruktionen  herübergenoinmen  worden,  und  finden  Fachwerkträger
und  Jochbrücken  vorzugsweise  Verwendung.  Beide  Systeme  sind
immer  diskontinuierlich,  bei  den  Fachwerkbrücken  fehlen  in  der  Regel  j
die  Enddreiecke,  auch  wenn  mehrere  Oeffnungen  vorhanden  sind;  !
Fig.  6  zeigt  die  gewöhnliche  Anordnung  bei  unten  liegender  Fahrbahn ­
  —  die  Träger  sind  immer  sehr  hoch,  so  daß  auch  bei  unten
liegender  Fahrbahn  durchgehende  Windverstrebung  in  der  oberen
Gurt  möglich  ist,  die  Fachwerke  sind  im  allgemeinen  größer  als  bei  uns.
Die  Strebenausfüllung  zeigt  die  mannigfaltigsten  Anordnungen, ­
  einfaches  oder  doppeltes  System,  gleich  oder  ungleich  geneigre
  Streben,  auch  Gitterbrücken  (mit  großer  Maschenweite)  sind
vertreten.  Die  Namen  sind  sehr  wechselnd,  die  einfachen  Systeme
heißen  Rratt-Träger,  die  mehrfachen  Whipple-Träger,  die  Gitter-  !
brücken  Lattich  Girder  rc.
Die  große  Trägerhöhe,  die  oft  bis  K«  der  Spannweite  beträgt,
ist  für  die  amerikanischen  Brücken  charakteristisch,  der  Zweck  der  großen
Höhe  mag  zunächst  der  sein,  möglichst  geringe  Querschnittsdimensionen
für  die  Gurtungen  zu  erhalten,  ein  weiteres  Moment  bildet  aber  die
große  Lichthöhe  des  Normalprosils  des  lichten  Raumes  in  Amerika,
welche  nicht  nur  4,8  m  beträgt  wie  in  Europa,  sondern  20'  6"
—  6,25  m,  und  welche  damit  begründet  wird,  daß  es  dem  Personal  möglich ­
  sein  soll,  während  der  Bewegung  der  Züge  auf  den  Wagen  umherzugehen. ­
  (Vergl.  das  Normalprofil  des  lichten  Raums  der  Oake
Shore  &  Michigan  Southern  R.  R.,  Fig.  7).  Die  Verwendung  j
des  Eisens  für  die  Jochbrücken  hat  den  hölzernen  gegenüber  wesentliche ­
  Konstruktionsänderungen  bedingt:  Während  beim  Holzbau  die
tragenden  Balken  in  langen  Stücken  zur  Verwendung  kommen  und
mit  den  Jochen  fest  verbunden  sind,  entsteht  auf  der  ganzen  Brückenlänge ­
  eine  zusammenhängende  unverrückliche  Fahrbahn,  so  daß  eine
Verstrebung  der  Joche  nach  der  Länge  der  Brücke  entbehrlich  erscheint.
Bei  Eisenkonstruktionen  dagegen  muß  auf  die  Ausdehnung  der  Träger

bei  Temperaturerhöhung  Rücksicht  genommen  werden,  es  besteht  deshalb ­
  jede  Oeffnung  für  sich,  die  Träger  sind  an  einem  Ende  festgehalten, ­
  am  andern  verschiebbar,  daher  war  eine  Längsverstrebnng
nötig,  und  entstand  so  die  Anordnung  der  Fig.  8,  wobei  als  charakteristisch ­
  die  schmalen  Trägerauflager  von  oft  nur  wenigen  Centimetern
  sich  zeigen,  die  man  bei  uns  kaum  wagen  würde.
Bei  größerer  Brückenhöhe  müssen  die  Joche  in  einzelne  Etagen
zerlegt  werden,  die  Pfeiler  werden  selbstverständlich  um  so  teurer,  je
höher  sie  sind,  man  war  daher  darauf  hingewiesen,  die  Spannweiten
der  freien  Oeffnungen  zu  vergrößern,  während  die  Entfernung  der
einen  Pfeiler  bildenden  Joche  unverändert  blieb,  und  so  entstand  die
unter  dem  Namen  Trestle-Viaduct  bekannte  Konstruktion  der  Fig.  9,  ;
wobei  im  Verhältnis  der  Viadukthöhe  die  Spannweiten  und  die  Höhe
und  Anordnung  der  Trägerkonstruktion  selbst  in  oft  recht  unregelmäßiger ­
  Weise  wechseln.
Fachwerksbrücken  und  Jochbrücken  zeigen  wie  einleuchtend  keine
schönen  Formen,  namentlich  die  Viadukle,  darum  kümmert  sich  aber
im  allgemeinen  der  Amerikaner  nicht,  die  Brücke  soll  nur  tragen,
und  wenig  kosten,  andere  Rücksichten  sind  unbekannt.  —  Ich
teile  diese  Ansicht  auch,  womit  ich  natürlich  nicht  sagen  will,  daß  mir
eine  architektonisch  schön  ausgebildete  Brücke,  wenn  sic  tragfühig  und
den  Verhältnissen  entsprechend  wohlfeil  ist,  nicht  zweckmäßiger  erscheint,
als  eine  häßliche.  Ich  möchte  übrigens  darauf  hinweisen,  daß  es
bei  uns  auch  schlecht  aussehende  Eisenkonstruklionen  giebt,  die  dazu
noch  oft  mangelhaft  konstruiert  und  teuer  sind.
Außer  Balkenbrücken  sind  in  Amerika  auch  Ketten-  und
Bogenbrücken  vertreten,  erstere  schon  seit  langer  Zeit.  Ich  erinnere
an  die  Kettenbrücken  über  den  Niagara,  wovon  die  eine  für  den
Fährverkehr,  die  andere  für  eine  Eisenbahn  dient,  ferner  an  die  schöne
Eastrivcrbrücke  in  Newyork,  bekanntlich  eine  versteifte  Kettenbrücke  für
Fußwege,  2  Fahrstraßen  und  2  Geleise  einer  Trambahn  (Kabelbahn)
dienend.  Die  Mittelöffnung  hat  486  m,  die  beiden  Scitenöffnungen
283  m  Weite  (s.  Fig.  20  Tafel  I).  Bekanntlich  ist  auch  beabsichtigt,
eine  Ueberbrückung  des  North-River  zur  Verbindung  Ncwyorks  mit
Jersey-City  bezw.  Hoboken  durch  eine  Kettenbrücke  herzustellen,  wobei
die  Mittelöffnung  eine  Spannweite  von  945  m  erhalten  soll.  Die
Ausführung  eines  so  grandiosen  Bauwerks  wird  aber  wohl  noch  auf
sich  warten  lassen.
Die  Bogenbrücken  haben  erst  in  neuerer  Zeit  sich  Eingang  verschafft, ­
  man  sagt,  die  amerikanischen  Ingenieure  seien  nicht  ini  stände
gewesen,  Bogen  mit  nur  2  Gelenken  zu  berechnen  und  es  hätte  die  Ankunft ­
  deutscher  Polytechnikcr  abgewartet  werden  müssen.  So  ist  die
schöne  Bogenbrücke  von  St.  Louis  von  einem  Deutschen,  Namens
Pfeiffer,  einem  Schüler  Knoll's*),  berechnet  worden;  dieselbe  Hai  eine
Mittelöffnung  von  168  m,  2  Scitenöffnungen  von  je  168  m,  von
Mitte  zu  Mitte  der  Pfeiler  gerechnet,  und  dient  für  eine  Eisenbahn
mit  darüberliegender  Straße  (s.  Fig.  22  Tafel  I).  Ich  erwähne
ferner  die  der  neuesten  Zeit  angehörige  Washington-Brücke,  eine
Straßenbrücke  in  Newyork,  welche  aus  2  Bogen  mit  2  Gelenken  von
je  155  m  Spannweite  besteht  (nebst  einigen  anstoßenden  steinernen
Bögen)  und  den  Harlemriver  in  einer  Höhe  von  45  m  überspannt.
Dieselbe  vibriert  viel  weniger,  als  unsere  neue  Cannstattcr  Bogenbrücke ­
  (s.  Fig.  23  Tafel  I),  was  wohl  seinen  Grund  in  der  größeren
Pfeilerhöhe  der  ersteren  haben  dürfte.
Ein  von  Deutschland  entlehntes  Brückensystem  sind  die  bekanntlich ­
  von  Gerber  zuerst  gebauten  Cantilever-Brückeu,  für  die  ich
keinen  deutschen  Namen  weiß,  (Konsolträger).  Dieselben  sind  für
große  Viadukte  sehr  beliebt,  sie  zeigen  insofern  die  charakteristischen
Eigenschaften  der  amerikanischen  Brücken,  als  die  Träger  sehr  hoch
gewählt  werden,  die  Konstruktion  sieht  deshalb  ebenso  spinnewcbartig
aus,  wie  die  gewöhnlichen  Fachwerksbrücken.  —  Wenn  man  auf  dem
Hudson  auf  der  Fahrt  von  Newyork  nach  Albauy  unter  der  Poughkeepsie-Sörüde
  durchfährt,  welche  mit  Spannweiten  von  167  m  resp.
160  m  (s.  Fig.  21  Tafel  I)  in  einer  Lichthöhe  von  40  m  und
einer  Höhe  der  Fahrbahn  von  65  m  über  betn  Wasserspiegel  den
Strom  übersetzt,  so  erscheinen,  vom  Schiff  aus  gesehen,  Gurtungen,

*)  Knoll  war  bekanntlich  einer  der  ersten,  welcher  sich  mit  der  Berechnung ­
  unbestimmter  Systeme  beschäftigte  (vergl.  seine  Aufsätze  in  Försters
Bauzeitung  vom  Jahr  1868/69,  S.  188).
            
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